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Grimma Mit 55 das Schreiben gelernt
Region Grimma Mit 55 das Schreiben gelernt
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15:54 17.07.2015
Lernt das Schreiben am Computer: Joachim Radtke (l.) mit Kursleiter Jürgen Schmidt. Quelle: Silke Hoffmann
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Grimma/Wurzen

Joachim Radtke ist 55 Jahre alt. Nachdem er in der ersten Klasse der damaligen Polytechnischen Oberschule in Grimma Probleme hatte, die man heute als Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) erkennen würde, kam er auf die Hilfsschule. Die Familie kümmerte sich nicht sonderlich um die schulischen Leistungen des Jungen. „Ein bisschen lesen konnte ich schon nach den sieben Schuljahren, aber mit dem Schreiben, das ging so gut wie gar nicht“, erzählt der Großbardauer.

Kunstschmied wollte er werden, aber dafür reichten die Voraussetzungen nicht. Schließlich wurde er beim BMK Süd Maurer, seinerzeit als Teilfacharbeiter. „Später bin ich den Großhandel gegangen, wir haben Verkaufsstellen beliefert“, erzählt Joachim Radtke. Und erinnert sich an manche peinliche Situation: „Wenn irgendwas beschädigt war und ich dazu ein Protokoll ausfüllen sollte, habe ich eine Ausrede gesucht und dem Fahrer gesagt, dass er das mal übernehmen soll.“

Nein, Liebesbriefe schreiben an ein Mädchen, das er toll fand, das sei ja gar nicht drin gewesen. Dennoch traf er seine große Liebe, mit der er dann vier Kinder hatte. „Beim Tanz im Grimmaer Volkshaus lernten wir uns kennen, ich weiß das noch wie heute – ein grünes Nylonhemd hatte ich an.“ Vor drei Jahren starb Joachim Radtkes Frau. Seit einigen Jahren ist er arbeitslos, zwei Kinder wohnen noch zu Hause.

„Ich wollte endlich das Schreiben lernen“, sagt er. Ging zunächst in eine Privatschule in Grimma. Bezahlte dafür. Doch das überstieg bald das Familien-Budget. „Immer wieder fragte ich auf dem Arbeitsamt und dann beim BGA, ob es Kurse zum Lesen und Schreiben lernen gibt. Ich wollte lieber in die Schule gehen als zu Hause rumzusitzen“, denkt Radtke an die Zeit vor drei Jahren zurück.

In der Volkshochschule Muldental konnte ihm und etwa zehn weiteren Interessenten schließlich geholfen werden. Von 2006 bis 2007 gab es einen Analphabeten-Lehrgang, der durch den Europäischen Sozialfonds gefördert wurde. Doch eine Fortsetzung blieb aus. In diesem Jahr griff ein neues Förderprogramm vom Freistaat Sachsen. Viele der damaligen Schüler trafen sich im August wieder mit ihrer Lehrerin Brigitte Grüneberg, zu der der Kontakt eigentlich nie abgerissen war. Jetzt ist der Lehrgang, in dem die sieben Männer und Frauen auch schon einigermaßen den Computer und das Versenden von E-Mails beherrschen, erst mal zu Ende. Doch alle hoffen auf eine Fortsetzung „Wir sind jetzt keine Analphabeten, sondern Lerner“, sagt Joachim Radtke.

Für 2010 wurden nicht nur die Weiterführung dieses Kurses, sondern auch neue Einsteiger-Kurse in Grimma und Wurzen beantragt. Projektkoordinator Jürgen Schmidt weiß, dass der Bedarf im Muldental da ist, und hat ständige Kontakte zu Selbsthilfegruppen, Wohlfahrtsverbänden und vielen Vereinen, um Analphabeten für den Lehrgang zu gewinnen. „Wir können ja keine Plakate aufhängen oder Anzeigen aufgeben, denn das können die Betroffenen nicht lesen“, sagt er.

Silke Hoffmann

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