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Grimma Mitten auf dem Strommast in Grimma: Neue Kinderstube für den Fischadler
Region Grimma Mitten auf dem Strommast in Grimma: Neue Kinderstube für den Fischadler
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00:20 25.08.2017
Norbert Beier und Uwe Menge von der Mitnetz Strom montieren auf einem Hochspannungsmast bei Beiersdorf eine Nisthilfe für den selten gewordenen Fischadler.   Quelle: Thomas Kube
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Grimma/Beiersdorf

Als ahnt er, dass die Männer nur für ihn angerückt sind, kreist ein Fischadler über das abgeerntete Feld bei Beiersdorf und beobachtet aus luftiger Höhe das Geschehen. Schließlich landet der stolze Vogel auf einem Strommast, um wenig später wieder abzudrehen.

Drei Männer von der Mitnetz Strom hieven derweil am benachbarten Hochspannungsmast einen Stahlkorb von ihrem Fahrzeug. Gesichert wie bei einer alpinen Tour, klettert Norbert Beier den etwa 20 Meter in den Himmel ragenden Mast hinauf und zieht mit Hilfe eines Seils den Korb und weitere Utensilien nach oben. Dann folgt ihm Uwe Menge in die Höhe, während Ronny Brosch der zuverlässige Mann am Boden ist. Nach einer guten Stunde ist die Arbeit getan und die Nisthilfe für den seltenen Fischadler mitten auf dem Gittermast fest montiert. Sogar erste Äste kommen in die künftige Kinderstube des Greifvogels. Die Unterlage misst im Durchmesser 1,30 Meter und ist am Rand mit zwei Sitzhilfen versehen.

Neben den Männern der Mitnetz-Abteilung Primärtechnik, die für Westsachsen von Grimma aus agiert, begaben sich am Dienstag Vormittag auch Sven Möhring und Andreas Härtig von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises an Ort und Stelle. Sie hatten den Horstbau initiiert. Denn im Frühjahr hatte ein Fischadler-Paar bei Beiersdorf versucht, sich auf verschiedenen Strommasten ein Nest zu bauen. Vergeblich. Immer wieder rutschten die Materialien weg und fielen durch die Traversen. Dann war der Bruttrieb vorbei. Gemeinsam mit dem ehrenamtlichen Fischadler-Betreuer Steffen Spänig wurde schließlich ein ruhig liegender Hochspannungsmast der 110-Kilovolt-Leitung für die Unterlage ausgewählt. Möhring und die anderen hoffen nun, dass im nächsten Jahr das Greifvogel-Paar die Nisthilfe annimmt.

Das ist übrigens auch im Interesse des Envia-Netzbetreibers. Er beugt mit den Unterlagen gefährlichen Situationen vor. „Die schleppen ja alles hoch, und wenn das an die Leitung kommt, ist ein Überschlag möglich“, sagt Mitnetz-Mann Menge und meint auch große Äste. In diesem Jahr haben die Männer schon Nisthilfen bei Nemt und Oschatz angebracht. Auch die Wartung bestehender Horste gehört zu ihrem Job. Die Kosten von etwa 500 Euro für die neue Unterlage trägt der Energieversorger.

Der Fischadler ist eine streng geschützte Art und war aus unseren Breiten verschwunden. Ein Grund dafür war das Insektizid DDT, das in die Nahrungskette gelangte und den Eierschalen der Vögel zusetzte. Nach dem Verbot erholten sich die Bestände. Im heutigen Landkreis Leipzig tauchte das erste Fischadler-Paar wieder Mitte der 1990er Jahre auf, in Hainichen. Inzwischen gibt es vier Brutpaare, die alle auf Strommasten ihre Jungen aufziehen. Besetzt sind die Horste bei Meltewitz, Schönbach, Deuben und Nemt. „Überall fehlen starke Bäume“, begründet Möhring, warum der Fischadler auf frei stehende Masten ausweicht und die Ersatz-Horste annimmt. Eigentlich bräuchte er 200 bis 300 Jahre alte Eichen oder Buchen, um in den mächtigen Baumkronen nisten zu können. Doch die gibt es nicht. Zugute kommt dem Fischadler indes, dass sich seit der Wende Gewässer wie die Mulde erholt haben. So findet der Fischfresser ausreichend Nahrung. Das ist auch rund um Beiersdorf so, wo Mulde, Münchteich oder Kirchteich einen reich gedeckten Tisch bieten. Ende September, Anfang Oktober zieht der Fischadler gen Süden und kommt im März wieder.

Mit den vier Paaren hat sich für Möhring der Bestand im Kreis gut entwickelt. Er schätzt, dass sie in diesem Jahr acht Junge aufgezogen haben. Im Gegensatz dazu gibt es lediglich ein Brutpaar der Seeadler. „Der geht nur auf hohe, alte Bäume“, weiß der Fachmann zu berichten.

Wanderfalken und Turmfalken hingegen kann der Mensch ebenfalls mit Nisthilfen fördern. Möhring wirbt aber vor allem für andere Schutzmaßnahmen: Keine Vergiftungsaktionen von Mäusen, Ruhezonen für Greifvögel, Verzicht auf den Umbruch von Grünland und das Belassen von Ackerstreifen. Das verbessere das Nahrungsangebot. „Die Beute ist der regulierende Faktor für den Jäger“, bekräftigt der Naturfreund.

„Es ist nicht schlecht, dass er noch umherfliegt“, wendet Möhring seinen Blick zum Fischadler am Beiersdorfer Himmel. Dass die Menschen ihm fürs nächste Jahr eine Kinderstube anbieten, wird dem Greifvogel mit seinen knapp zwei Meter langen Schwingen nicht entgangen sein. Hier könnte er ungestört brüten und Junge aufziehen, während unter ihm der Strom durch die Leitung rauscht.

Von Frank Prenzel

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