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Mutzschener Landarzt geht in den Ruhestand

Mutzschener Landarzt geht in den Ruhestand

„Man muss Schluss machen, solange es die Leute noch bedauern. Man darf nicht warten, bis sie fragen, wann der alte Knochen endlich geht.“ Heiligabend hatte Mutzschens 72-jähriger Landarzt Frieder Bitzer seinen allerletzten Dienst.

Mutzschen. Nach 47 Berufsjahren setzt er sich nun zur Ruhe.

Im Schongang konnte Bitzer auch seine letzte Bereitschaft nicht absolvieren. Zwei Notfälle, und dann kam auch noch sein Lada ins Rutschen. „Nichts passiert“, winkt er ab. All die Jahrzehnte war er mit ausnahmslos russischen Modellen immer gut gefahren. Ob Pobjeda, Moskwitsch oder Lada 2107 – die roten Flitzer brachten Bitzer durch manchen Schneesturm, auch wenn der Doktor sogar zur Schaufel greifen musste, um sich bei Verwehungen den Weg zum Patienten zu bahnen.

Nach seiner letzten Schicht schaute bei ihm zu Hause kein Geringerer als Reinhard Berger vorbei. Der einstige Chefarzt der Grimmaer Kreispoliklinik und Bitzers langjähriger Wegbegleiter überreichte ein kleines Geschenk und klagte über den mittlerweile bedauernswerten Zustand des damaligen Mutzschener Landambulatoriums. Berger weiß: Das Ambu ist Bitzers Lebenswerk.

„Ja, ja, der Verfall tut weh. Unser Ambulatorium galt zu DDR-Zeiten als Vorzeigeobjekt. Ausländische Gesundheitsminister machten sich hier ein Bild von vorbildlicher Betreuung auf dem Lande.“ Jedes Jahr, so der einstige Chefarzt Bitzer, konnten die Mutzschener neue Errungenschaften feiern: die Röntgeneinrichtung, das vergrößerte Labor, die eingebaute Sauna, ja sogar einen Autowaschplatz. „Wir hatten alles unter einem Dach – den Neurologen, den Hautarzt und die Diabetikerberatung. Diese zentrale Versorgung war wesentlich effektiver als heute. Da gab es Termine von heute auf morgen, niemand musste wochenlang warten. Wir hatten den Überblick, konnten absolut sicher sein, wirklich jedes Kind geimpft zu haben“, sagt Bitzer, der selbst 25 Jahre in der Mütterberatung tätig war und das allzeit gute Miteinander im Kollektiv lobt. Die Poliklinik habe für den fachlichen Austausch optimale Möglichkeiten geboten, ist sich Bitzer sicher: „Heute kämpft in den Praxen jeder Kollege für sich allein. Ich bin davon überzeugt: Auch wenn das Wort Poliklinik keiner in den Mund nimmt – die Zukunft gehört den vernetzten und Gemeinschaftspraxen, den Ärztehäusern sowie medizinischen Versorgungszentren.“

Zwei-Klassen-Medizin, wirtschaftliche Zwänge, Bürokratie – Bitzer hofft auf ein Umdenken im Gesundheitssystem. „Früher hatten wir sogar noch Zeit für manches Späßchen. Als neue Hausbesuchstaschen angefertigt wurden, ließen wir für unseren Chirurgen Otto Kothe eine Bleiplatte mit einnähen. Natürlich fluchte der nun wochenlang über die schweren Dinger. Erst zu Weihnachten lüfteten wir das Geheimnis, und er reagierte sichtlich erleichtert.“ Doch damit nicht genug: Den ausrangierten Gyn-Stuhl wollten die Ärzte nicht etwa in der Ausfülle entsorgen, sondern stellten ihn im Hof eines Fremdiswalder Spaßvogels ab. Als der dadurch unverhofft zu „Doktorehren“ gekommene ahnungslose Landwirt im Dorfkrug sein Feierabendbier trank, meldeten die Bauern bei ihm ihre Frauen zum Termin an.

„Meinem Mann wird der Abschied schwer fallen. Zum Glück hat er in Annegret Spellig eine gute Nachfolgerin“, weiß Ilse Bitzer. „Der Beruf war sein Leben, er braucht den Umgang mit Menschen.“ Aber vielleicht bleibt für den Weinliebhaber nun mehr Zeit für die Familie, das Wochenendgrundstück und die dort grasenden Schafe.

Haig Latchinian

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