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Mutzschens Pfarrer Henning Olschowsky und das gewandelte Wir – Einblicke in den Wähler

Gefragter Referent Mutzschens Pfarrer Henning Olschowsky und das gewandelte Wir – Einblicke in den Wähler

Der 52-jährige Pfarrer Henning Olschowsky ist ein auch über die Region hinaus gefragter Referent und hat den Ausgang der Bundestagswahl so erwartet. Denn: Er redet täglich mit den Menschen. Bei Olschowsky dreht sich vieles um das sogenannte „gewandelte Wir“. Mit Gesprächen auf Augenhöhe möchte er Vorurteile überwinden helfen.

Pfarrer und Notfallseelsorger Henning Olschowsky im Pfarramt Mutzschen.

Quelle: Thomas Kube

Grimma/Mutzschen. Er hat sie noch nicht an die (Schloss)-Kirche von Mutzschen geschlagen – und dennoch kursieren seine Thesen inzwischen nicht mehr nur in kirchlichen Fachzeitschriften. Pfarrer Henning Olschowsky ist bekannt als kritischer Kopf, als einer, der weiß, dass sich Kirche und Gesellschaft ständig wandeln. „Das müssen sie auch.“

Die aktuellen Wahlergebnisse hätten ihn weder überrascht noch sonderlich schockiert: „Ich führe ja täglich Gespräche auf dem flachen Land. Nicht wenige Menschen lehnen die Politik der Etablierten ab. Nach dem Motto: Die da oben machen eh, was sie wollen.“ Die Politikverdrossenheit sei groß, vielleicht auch deshalb, weil Themen von Klima über Trump, EU, Nato, Flüchtlinge bis hin zur neuen Rechten in ihrer Komplexität den Einzelnen schlicht überforderten. „Da treten dann ganz schnell die Emotionen zu Tage. Populisten schüren Angst. Angst vor Überfremdung. Angst vor Kriminalität. Angst, die eh schon begrenzten Sozialleistungen teilen zu müssen.“

Der 52-jährige Pfarrer ist ein auch über die Region hinaus gefragter Referent. Und das nicht erst seit seinem Aufsatz im „Publik-Forum“, einer Zeitschrift kritischer Christen. Bei Olschowsky dreht sich vieles um das sogenannte „gewandelte Wir“. Sein Ansatz: Für den katholischen Bäckersohn sei es bisher oft ein ungeschriebenes Gesetz gewesen, den Laden der Eltern zu übernehmen und sich eine katholische Frau zu suchen. „Der eigene Lebensweg war in den Familien ein Stück weit vorgezeichnet. Ich nenne es das Wir-Bewusstsein. Mit den 68-ern, besonders im Westen, hat sich das geändert. An die Stelle des Wir ist das Ich getreten. Ich entscheide, etwa, wen ich heirate, welchen Beruf ich wähle und so weiter“, so Pfarrer Olschowsky. „Immer mehr Menschen aber merken inzwischen, dass das Drehen um sich selbst, diese von allen Seiten propagierte Egomanie, auch nicht glücklich macht. Es fehlen echte Werte.“ Als dritte Stufe glaubt Olschowsky jetzt das von ihm so bezeichnete Verbundenheitsbewusstsein ausgemacht zu haben: „Dem Sinn des Lebens komme ich nur durch die Verbindung mit dem Außen näher – etwa in der Verantwortung für einen Menschen oder die Umwelt.“ Gerade die spirituellen Erfahrungen in der Natur könnten eher traditionelle Gottesdienste nicht leisten, weshalb Pfarrer Olschowsky neue Wege geht. Junge Leute verbringen unter seiner Anleitung 24 Stunden allein im Wald, Erwachsene sogar 48 Stunden. Die Natur als Spiegel der Seele. Und Gott ist ganz nah.

Flüchtlinge kämen in der Regel aus Ländern, die noch stark im Wir-Bewusstsein verhaftet seien. Die Familie sei dort nach wie vor heilig. „Und nun erleben sie bei uns, wie sich gerade auch diese Bindungen immer mehr auflösen. Bewusstseinskonzepte prallen regelrecht aufeinander.“ Der Flüchtling habe in der Regel drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Erstens, sich anzupassen. Zweitens: Das Wir-Bewusstsein in Parallelgesellschaften oder drittens in fundamentalistischen Gruppierungen weiter auszuleben. Gerade junge Flüchtlinge stünden mitunter ganz allein. Auf sie zuzugehen, ihnen das vorurteilsfreie Gespräch anzubieten, sei wichtiger denn je, betont Olschowsky: „Erzählen wir uns gegenseitig unsere eigenen Lebensgeschichten. Nicht auf großen Foren, sondern in geschützten Räumen. Lernen wir voneinander, ohne übereinander zu richten.“ Ein junges Mädchen, das etwas freizügiger gekleidet ist, sei eben nicht immer gleich eine Hure. Genau so wenig wie eine verschleierte Frau immer von vorgestern sein müsse.

Spannungen zwischen Ich- und Wir-Bewusstsein bestimmten aber auch die mitunter vergiftete Atmosphäre im Verhältnis der Einheimischen untereinander: „Ein schwules Pärchen durfte eben nicht im Pfarrhaus wohnen. Die Fronten innerhalb meiner eigenen Kirche waren derart verhärtet, dass die beiden Pfarrer inzwischen verzogen sind. Auch hier gilt: Wenn wir uns gegenseitig unsere Biografien erzählen würden – ich glaube, wir könnten lernen, mit der Andersartigkeit des Gegenübers zu leben.“ Nicht zuletzt die Politiker selbst müssten sich nach der Wahl zusammenraufen. Grüne und Liberale, Christsoziale und Grüne. Wer weiß, fragt Olschowsky, vielleicht würden aus Kontrahenten sogar Koalitionäre.

Von Haig Latchinian

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