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Grimma Grimmas Stadtchef erklärt Leipziger Rettungsleitstelle für gescheitert
Region Grimma Grimmas Stadtchef erklärt Leipziger Rettungsleitstelle für gescheitert
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12:40 27.02.2018
Letzter Arbeitstag in der Rettungsleitstelle Grimma. Ab sofort gehen alle Notrufe für medizinische Notfälle und die Feuerwehr in Leipzig ein. Foto: Thomas Kube Quelle: Thomas Kube
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Grimma/Kuckeland

Die „schnellstmögliche Rückabwicklung“ der Leipziger Rettungsleitstelle in der jetzigen Form fordert Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos). Er habe den „Zentralisierungswahn“ und das damit verbundene Aus für die Grimmaer Rettungsleitstelle schon immer kritisch gesehen. Nach der mutmaßlichen Alarmierungspanne von Kuckeland fühle er sich in seinem Urteil bestätigt, sagte er der LVZ: „Technisierung und Digitalisierung können weder gesundem Menschenverstand noch Ortskenntnis das Wasser reichen“, so Berger. Er werde sich persönlich bei den Verantwortlichen beschweren.

Aufklärung im Kreistag

Tischler Friedbert Schneeweiß vor seiner ausgebrannten Werkstatt. Quelle: Haig Latchinian

Auch Stadträtin Ute Kniesche, Fraktionsvorsitzende der Unabhängigen Wählervereinigung im Kreistag, äußerte sich nach dem Brand in der Kuckeländer Tischlerei von Friedbert Schneeweiß fassungslos. Im nächsten Kreistag verlange sie Aufklärung darüber, „wieso mit einem solchen Zeitverzug alarmiert wurde“. Eine lückenlose Analyse fordert auch der Leipnitzer Ortsvorsteher Jürgen Wick, der für die Allianz Stadt+Land im Grimmaer Stadtrat sitzt: „Nicht auszudenken, es wären Menschen zu Schaden gekommen. 2015 gab es in Kuckeland zwei Tote bei einem Hausbrand.“

Brandursachenermittler fuhren am Montag in Kuckeland vor. Quelle: Haig Latchinian

Unterdessen erneuerte der aus den Niederlanden stammende Anwohner Jeroen Velthuis seine Darstellung, den ersten Notruf um 7.18 Uhr abgesetzt zu haben: „Es hat alles sehr lange gedauert. Ich hatte den Eindruck, die Disponenten wussten nicht, wo Kuckeland liegt. Daraufhin war ich zu meinem Nachbarn gelaufen, um ihm das Handy zu übergeben. Auch er schüttelte nur den Kopf über die vielen Fragen, die von Ortsunkenntnis zeugten.“ Elke Thierbach, die Nachbarin, bestätigte das am Montag: „Sie hatten meinen Mann Lutz nach der Hausnummer der Tischlerei gefragt. Weil er die nicht sofort wusste, gab er unsere Adresse an, da die ohnehin nur ganz wenigen Häuser ja alle dicht beieinander stehen.“

Ermittlungen zu Brandursachen

Die Kuckeländer können nicht verstehen, weshalb die Alarmierung erst 7.35 Uhr erfolgte und sich der Beginn der Löscharbeiten daher unnötig verzögert habe: „Weil ich ihn privat gut kenne, hatte ich sicherheitshalber auch noch den Zschoppacher Feuerwehrmann Rico Schneider angerufen, der dann auch als Erster vor Ort war“, sagt Jeroen Velthuis, der Holländer.

Einstige Tischlerei in Kuckeland brennt aus. Quelle: Haig Latchinian

Am Montag war der Brandursachenermittler im Einsatz. Zu Ergebnissen wollte er sich nicht äußern. Friedbert Schneeweiß, betroffener 68-jähriger Tischler im Ruhestand, wird sich in diesen Tagen persönlich bei einigen der 65 im Einsatz gewesenen Feuerwehrleuten bedanken. Sie seien noch den ganzen Freitag damit beschäftigt gewesen, Glutnester aufzuspüren und zu bekämpfen.

In einer Tischleri in Kuckeland bei Grimma ist am Freitag ein feuer ausgebrochen. Menschen kamen nicht zu Schaden, es entstand aber hoher Sachschaden an Einrichtung und Gebäude.

Wie es zu dem Brand in seiner Werkstatt kommen konnte, wusste er nicht zu sagen: „Ich hatte noch am Vorabend nach dem Ofen aus DDR-Zeiten geschaut, da war alles in bester Ordnung.“ Er selbst lag bei Ausbruch des Feuers im Bett. Arbeiter, die auf dem Nachbargrundstück mit Sägearbeiten beschäftigt waren, klingelten ihn wach. Auch seine Schwiegertochter Daniela Schneeweiß, die gegenüber wohnt, habe die Rettungsleitstelle alarmiert.

Branddirektion zu den Vorwürfen

Auf LVZ-Nachfrage wies Torsten Kolbe von der Branddirektion Leipzig die Vorwürfe der Stadt Grimma zurück: „Bei der Entgegennahme der Meldung lief alles korrekt. Uns erreichten nahezu gleichzeitig zwei Anrufe. Insgesamt blieben wir unter zwei Minuten. Eine Superzeit, daran gibt es nichts zu rütteln.“ Kolbe betonte, die aufgeregten Anrufer hätten oftmals das Gefühl, es verstrichen Minuten, dabei handele es sich in Wahrheit nur um Sekunden.

Anwohner Jeroen Velthuis verwahrt sich gegen solche Aussagen: „Ich weiß genau, dass ich die Rettungsleitstelle um 7.18 Uhr angerufen hatte, also eine Viertelstunde, bevor die Alarmierung ausgelöst wurde. Leider, ich kann die Anrufzeit nicht beweisen, da das Telefonat auf meiner Anrufliste wie durch ein Wunder fehlt. Dabei habe ich es nicht gelöscht.“

Landkreis wertet Daten aus

Der Kreis sei über den Brand und die im Raum stehenden Vorwürfe informiert, sagt Frank Rübner, Referent von Landrat Henry Graichen (CDU): „Anhand der Einsatz- sowie Sprachdokumentationen und in enger Zusammenarbeit mit der Rettungsleitstelle werten wir derzeit den Vorgang aus.“ Die Integrierte Regionalleitstelle Leipzig in der Gerhard-Ellrodt-Straße ist für den Bereich der Landkreise Leipzig, Nordsachsen sowie der Stadt Leipzig und damit für knapp eine Million Einwohner zuständig. Sie löste die alte, in der Hauptfeuerwache angesiedelte Leipziger Leitstelle sowie die Leitstellen in Delitzsch und Grimma ab.

Von Haig Latchinian

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