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Naunhof bettelt um Chancen

Naunhof bettelt um Chancen

"Die Schande von Gijon", jenes 1:0 gegen Österreich bei der Weltmeisterschaft 1982, es war am frühen Donnerstagabend vis-á-vis der Naunhofer Grundschule, wohin Bowlingbahn-Betreiber Tilo Sauer zum dritten WM-Public Viewing geladen hatte, kaum ein Thema.

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Müller, Schuss, Tor: In Minute 55 kommt Bewegung in die Naunhofer Public-Viewing-Gemeinde.

Quelle: Roger Dietze

Naunhof. "Damals habe ich mich noch nicht für Fußball interessiert, und außerdem ist die Sache längst Geschichte", meinte etwa Stefan Ruppert.

Der 51-Jährige hatte sich ohne Begleitung unters öffentlich Fußball schauende Volk gemischt, weil er seine Frau bislang noch nicht für das Spiel mit der Lederkugel habe begeistern können. Und gab sich skeptisch. "Klinsi verfügt über Insiderwissen und zudem mit Berti Vogts über einen Berater, der weiß, wie man Titel gewinnt."

Den Eindruck, dass auch die US-Boys den Titel gewinnen wollen, vermittelten sie der Public Viewing-Gemeinde indes ebenso wenig wie den Millionen Zuschauern an den Fernsehschirmen. Die Deutschen haben zunächst und die meisten der folgenden 90 Minuten das Heft in der Hand, nach rund zehn Minuten behindern sich Höwedes und Mertesacker im gegnerischen Strafraum. "Eine 100-Prozentige", raunt es aus dem Publikum. Als der Schalker kurz drauf die gelbe Karte sieht, ist sich das Publikum darin einig, "dass er darum förmlich gebettelt hat".

Regelrecht betteln um Chancen der Deutschen tut auch die Naunhofer Public-Viewing-Gemeinde, die nach rund 15 Minuten von Müller erhört wird und sich wenig später über den "begossenen Pudel" Jogi Löw in seiner Coaching-Zone amüsieren kann. Während der Ex-Schalker Jermaine Jones auf den Schiri aufläuft und damit wenigstens für etwas Unterhaltung sorgt, scheint das Geschehen auf dem Rasen für eine Gruppe Brandiser Gymnasiasten bereits zur Nebensache geworden zu sein. Als nach einer guten halben Stunde Özil in den gegnerischen Strafraum eindringt, wird dies vom Naunhofer Fußball-Publikum erstmals mit dem Einsatz von Ratschen quittiert. Noch einmal zu vernehmen sind diese in Minute 46 - als Signal, sich mit neuen Getränken zu versorgen. "Die tun sich nicht weh", analysiert Stefan Ruppert, vermutlich ohne dabei an die "Schande von Gijon" zu denken.

Deutschland kommt mit einem Özil-Kopfball gut aus der Pause, derweil die Brandiser Gymnasiasten mit Chili-Chips auf ihre Art Würze ins Spiel bringen. "Na, nun macht endlich einmal!", gibt Zuschauer Michael Lefti (70) in Minute 50 seinem Unmut über das wenig inspirierte Spiel der Adlerträger Ausdruck. Um kurz darauf in Minute 55 von Müller erlöst zu werden und in den allgemeinen Tor-Jubel einzustimmen.

"Ich denke, dass es für den Finaleinzug reichen könnte", resümiert Stefan Ruppert nicht unzufrieden. Auch Tilo Sauer zieht ein positives Fazit des Abends. "Ich würde mich allerdings freuen, wenn die Gäste beim Achtelfinale keine eigenen Getränke mitbringen würden, denn das Public Viewing verursacht schließlich Kosten, und mit zwei Euro haben wir den Bierpreis zudem moderat gestaltet."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.06.2014
Dietze, Roger

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