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Grimma Naunhof erinnert sich an die „Spinne“
Region Grimma Naunhof erinnert sich an die „Spinne“
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05:00 13.01.2010
Standort des Wandels: Einst stand hier Naunhofs Baumwollspinnerei Quelle: Ralf Zweynert
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Naunhof

Auf fast 50 000 Quadratmetern erstreckte sich das Betriebsgelände an der Parthe. Übrig geblieben sind davon nur einige Mauern und die Erinnerung an eine Industrie, die über ein Jahrhundert Naunhof als Standort der Baumwollspinnerei weithin bekannt gemacht hatte.

Jetzt wollen Naunhofs Stadtchronisten an diese Industriegeschichte mit einer Ausstellung erinnern. Eckehard Schilde: „Für viele ältere Naunhofer ist die Baumwollspinnerei noch ein Begriff, aber vor allem viele Jüngere, die heutzutage zum Beispiel in die Parthelandhalle kommen, um Sport zu treiben, wissen gar nicht, dass dies einst ein Industriestandort war. Nur die Klinkerfassade weist noch darauf hin, dass hier einst ein Industriebetrieb stand.Für viele in Naunhof war die berufliche Entwicklung mit diesem Betrieb verbunden. Leider ist nur wenig übrig geblieben, das an die Entwicklung und an das Ende des Betriebes erinnert. Umso wichtiger ist es, dass noch Vorhandenes bewahrt wird und eben auch für die Öffentlichkeit aufbereitet werden kann.“

Schließlich widerspiegle sich in der Veränderung des ehemaligen Industriestandortes auch Stadtgeschichte, meint Schilde. Wo einst Baumwoll- und synthetische Fasern verarbeitet wurden, sind mittlerweile auch neue Wohnhäuser entstanden. Zurzeit befindet sich hier auch die Baustelle für Naunhofs neue Feuer- und Rettungswache.

Bei der Suche nach Dokumenten und Erinnerungen ist Schilde unter anderem bei Martina Müller in Naunhof fündig geworden. Die 66-Jährige, die hier eine Videothek betreibt, war über 50 Jahre in der Baumwollspinnerei  beschäftigt. 1958 fing sie hier als Textilfacharbeiterlehrling an. Später war sie als Schichtdispatcherin und Meisterin tätig, qualifizierte sich an der Ingenieurschule, arbeitete schließlich im Bereich Technologie und Forschung. Am 9. September 1991 gehörte sie zu den letzten 222 Beschäftigten, denen die Geschäftsführung kündigte. Wenige Wochen zuvor hatte die Treuhand einen Beschluss zur Liquidation des Betriebes gefasst.  „Damit gingen 104 Jahre Textilindustrie in Naunhof zu Ende“ sagt Martina Müller, die auch heute noch der ehemalige Betrieb nicht ganz losgelassen hat.

Die Naunhoferin hat eine Menge  Fotos und andere Dokumente, die Betriebsgeschichte dokumentieren, damals gerettet. Für das Erinnern und das historische Bewerten ist das ein kleiner Schatz, denn viel ist sonst nicht mehr  übrig von der „Spinne“, deren Zwirne in vielen Ländern Europas verarbeitet worden waren und die sich schon vor der Wende in Damen- und Herrenkonfektion wiederfanden, die bei „Quelle“ oder Neckermann in den Katalogen angepriesen wurden.  Aber die Produktion war zu unwirtschaftlich und die Sanierung hätte zu hohe Investitionen erfordert.  So jedenfalls meinte die Treuhand. Der Betrieb wurde abgewickelt. Technik wurde verschrottet oder verkauft, Gebäude nach und nach abgerissen. Martina Müller erinnert sich, dass die Produktionshalle für Handarbeitsgarne 1985 erst ihrer Bestimmung übergeben worden war. Sie hat auch noch die Bilder vor Augen, wie nach der Wende die damals modernen, computergesteuerten Maschinen, die die DDR aus der Schweiz und der BRD importiert hatte, im Regen ohne Rücksicht auf Verluste auf Lastkraftwagen gehievt worden waren. Angeblich sollten sie in der Türkei wieder aufgebaut werden. Martina Müller: „Ob die sich jemals wieder gedreht haben, weiß niemand.“ Eines aber weiß die Naunhoferin: „Die Geschichte der  Baumwollspinnerei ist im Bewusstsein der Stadt verwurzelt, auch wenn äußerlich eben nur noch Mauerreste und die Zwirnereistraße daran erinnern.

Zur Eröffnung der Ausstellung am 21. Februar will Martina Müller mit einem Vortrag im Begegnungszentrum an ihren ehemaligen Betrieb erinnern, der  übrigens  auch die einzige Buntspinnerei in der DDR war. Naunhof war eben auch schon vor der Wende etwas Besonderes bei Leipzig.

Andreas Läbe

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