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Grimma Naunhofer Auszeichnung für Ex-Stasi-Chef Dieter Nottrodt in der Kritik
Region Grimma Naunhofer Auszeichnung für Ex-Stasi-Chef Dieter Nottrodt in der Kritik
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07:00 23.07.2016
Dieter Nottrodt am 16. Januar 2014 im Rathaus nach der Auszeichnung mit der Ehrennadel der Stadt Naunhof.  Quelle: Andreas Röse
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Naunhof

 Mächtig Staub wirbelte kürzlich die Stasi-Ausstellung im Naunhofer Stadtgut auf. Sie zeigte eine Tafel über die Kreisdienststelle Grimma, der Oberstleutnant Dieter Nottrodt vorstand. Bei Besuchern wurden Erinnerungen wach, dass eben jener Naunhofer Einwohner vor zweieinhalb Jahren die Ehrennadel der Stadt erhielt. Damals nahmen angesichts des politischen Streits um Gymnasiumszukunft und Einführung von Nutzungsgebühren für Sportstätten nur wenige Notiz davon. Heute ist das anders.

Im Rahmen seines ersten und einzigen Bürgermeisterempfangs überreichte Zocher am 16. Januar 2014 die Ehrennadeln an, wie es hieß, verdienstvolle Einwohner. Darunter auch an Nottrodt, den der Heimatverein Lindhardt vorgeschlagen hatte. In dem Naunhofer Ortsteil sei er als Ortschronist tätig und habe bei Verschönerungsaktionen mitgewirkt, hieß es in Zochers Laudatio.

Dass dieser Rentner von der Stadt gewürdigt wurde, entsetzt den Abgeordneten Hermann Kinne (CDU). Er arbeitet beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes (BStU) in Berlin, konnte deshalb die Ausstellung nicht sehen. Von mehreren Besuchern wurde er aber auf die Fakten angesprochen.

„Es gibt in Deutschland den Begriff der Ordenswürdigkeit“, sagte er im Stadtrat. Bei der Verleihung von Landesorden oder dem Bundesverdienstkreuz werde geprüft, ob ein Kandidat informeller oder gar hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi war. Zwar gelte gleiches nicht unbedingt für Ehrungen auf kommunaler Ebene. Dennoch empfinde er, Kinne, den jetzigen Zustand als unerträglich.

Als Leiter einer Kreisdienststelle sei Nottrodt zuständig für die Überprüfung von Menschen, für das Abfangen und Ausforschen derer Post, für das Abhören ihrer Telefone, für Maßnahmen der Zersetzung und für das Einsperren von Menschen gewesen, die dann vielleicht sogar in die Bundesrepublik verkauft wurden. „Herr Bürgermeister, bitte versetzen Sie sich in die Lage derer, die solchen Maßnahmen ausgesetzt waren. Wie wirkt das auf die Betroffenen, dass hauptamtliche Mitarbeiter heute in solcher Art geehrt werden? Versetzen Sie sich bitte auch in die Lage der anderen Träger der Ehrennadel der Stadt Naunhof, die jetzt in Gesellschaft eines hauptamtlichen Mitarbeiters der Stasi sind“, erklärte Kinne.

Ihn interessiere nicht, ob Zocher zum Zeitpunkt der Verleihung von der Stasi-Tätigkeit Nottrodts wusste oder nicht. Auch reiche ihm nicht eine Erklärung, künftig Kandidaten besser prüfen zu wollen. Vielmehr erwarte er von Zocher bis zur Stadtratssitzung im August Vorschläge, wie der spezielle Fall Nottrodt gelöst werden soll.

„Es ist nicht Aufgabe eines Bürgermeisters, die Vorgeschichte der Leute zu prüfen“, erklärte Volker Zocher, der gegenüber der LVZ beteuerte, er habe zum Zeitpunkt der Ehrung nichts von Nottrodts Stasi-Vergangenheit gewusst. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, die Ehrennadel abzuerkennen, müsse er gegen den Heimatverein vorgehen, der Nottrodt ins Spiel gebracht hatte. Zu bedenken sei, dass Nottrodt vorgeschlagen wurde, weil er zur Verschönerung Lindhardts beigetragen habe.

„Ich habe mit der Auszeichnung kein Problem“, sagte seinerzeit, als erste Kritiken laut wurden, Nottrodt der LVZ. „Die Vorwürfe nach 25 Jahren kann ich nicht nachvollziehen.“ Er habe in Lindhardt so viel getan wie kein anderer. Mit der Ehrennadel sei seine überdurchschnittliche Leistung gewürdigt worden. Das sollten andere erst einmal nachmachen. Angesprochen auf seinen Dienst bei Horch und Guck meinte er: „Nur Mitglied der Staatssicherheit gewesen zu sein, heißt nicht, Verbrechen begangen zu haben.“ Einige Akten, die inzwischen die LVZ vom BStU erhielt, sprechen ihre eigene Sprache.

Akribische Notizen: „Sie kann den Kurt Masur nicht leiden“

Dieter Nottrodt, Jahrgang 1940 und gelernter Forstfacharbeiter, wurde am 10. September 1962 als Feldwebel in der Kreisdienststelle Grimma des Ministeriums für Staatssicherheit eingestellt. In einem ersten Aktenvermerk aus dem selben Jahr heißt es, er habe selbstständig Treffs mit inoffiziellen Mitarbeitern der Forstwirtschaft durchgeführt, da er sich im Metier gut auskenne.

Eine Beurteilung der Stasi vom 22. Januar 1963 kommt zum Schluss, Nottrodt verstehe es nicht richtig, mit den Leuten umzugehen. Bei ihm bestehe „noch die Meinung, dass Menschen, die in der Öffentlichkeit teils als negativ in Erscheinung treten, nicht mit uns zusammenarbeiten können.“ Er verlange von Genossen, Rücksicht auf seine Person zu nehmen, nehme aber auf andere Genossen keine Rücksicht. „Vom Sieg des Sozialismus ist er überzeugt und setzt auch seine ganze Kraft für die Sache der Arbeiterklasse und für die Erhaltung des Friedens ein.“

Der damalige Dienstausweis von Dieter Nottrodt.

1967 bis ’70 absolvierte der Nachwuchskader ein Studium in Potsdam, das er als Fachjurist abschloss. Zurück in Grimma wurde er hauptverantwortlich für die Spitzeltätigkeit im Volkseigenen Betrieb (VEB) Maschinen- und Apparatebau Grimma eingesetzt, ihm unterstand die Anleitung und Kontrolle von zwei operativen Mitarbeitern.

1975 folgte die Versetzung zur Kreisdienststelle Torgau, deren stellvertretender Leiter er wurde. „Gute bis sehr gute Ergebnisse erzielte Genosse Nottrodt bei den Operativen Personenkontrollen zu Personen mit rechtswidrigen Anträgen auf Übersiedlung in die BRD“, hieß es dort in einer Beurteilung. Dabei habe er auch inoffizielle Mitarbeiter eingesetzt. 1980 kam er nach Grimma zurück und übernahm die Kreisdienststelle als Chef.

Bis zum Oberstleutnant brachte es Nottrodt auf der Karriereleiter. Am 28. Februar 1990 wurde er aus der Stasi entlassen, die dann schon Amt für Nationale Sicherheit hieß. Nach Auskunft der Berliner Robert-Havemann-Gesellschaft bezog er zuletzt ein Jahresgehalt von 36 000 Mark der DDR. Mitunter mehrmals im Jahr erhielt er außerdem Auszeichnungen und Prämien von einigen hundert bis mehreren tausend Mark. Zum Vergleich: Der Jahresdurchschnittsverdienst lag laut dem Internetportal Statista damals für Vollzeitbeschäftigte bei 15 600 Mark brutto.

Grimmaer Stasi-Zentrale. Von dort ließ Nottrodt den Kreis bespitzeln.

In Betrieben tat sich Nottrodt als strebsamer Aufklärer hervor. So fand er 1983 heraus, dass zwei Mitarbeiter des VEB Chemieanlagenbaukombinat Leipzig-Grimma, die berechtigt waren, als Leitungskader ins nichtsozialistische Ausland zu reisen, seit mindestens 1976 „in verschleierter Form postalische Verbindungen zu BRD-Personen“ unterhielten.

Auch sein persönliches Umfeld nahm Nottrodt unter die Lupe, wie Beispiele zeigen. So schrieb er über die Hochzeit einer Angestellten der Kinderkrippe Sermuth, die vorher in Fuchshain wohnte. Ihr Bräutigam habe zur Eheschließung Nottrodts Anzug getragen. Sie sei unordentlich, schwatzhaft, könne nicht mit Geld umgehen. „Besonders angesehen sind bei ihr Westtextilien, die sie von der Oma aus der BRD geschickt bekommt oder die die Mutter mitbringt“, vermerkte er.

1974 berichtete er über eine Halbschwester seiner Schwiegermutter aus der Bundesrepublik, die ihren Landwirtschaftsbetrieb veräußert hatte. Der Sohn des Käufers wolle zur Herbstmesse nach Leipzig kommen und die Halbschwester mitbringen. „Bis jetzt bin ich mit meiner Schwiegermutter verblieben, dass wir kein Interesse an der Einreise haben“, hielt er fest. „Sie würde sich über die Einreise freuen, verzichtet aber darauf, wenn wir das ablehnen. Als Legende gab ich meiner Schwiegermutter, dass sie gerade während der Herbstmesse einen Urlaubsplatz hat.“

Über seine Patentante, mit der er auf einer Geburtstagsfeier in Großsteinberg zusammentraf, legte er dar: „Sie heiratete ziemlich spät, eventuell mit über 50 Jahren, weil sie schon immer durch ihre Extravaganz und ihre Größe Probleme hatte.“ Sie habe Kontakt zum Leipziger Gewandhaus „und kann den Kurt Masur wegen seinem affektierten Auftreten nicht leiden.“

Nottrodt notierte akribisch, was er in seinen Urlauben im Ferienheim des Maschinen- und Apparatebaus an der Ostsee sowie in der Tschechoslowakei erlebte, mit wem er dort zusammentraf und was er mit ihm besprach. Auch wer ihn nur anrief, konnte nicht sicher sein, dass seine Worte keinen Eingang in die Akten fanden. So notierte Nottrott beispielsweise am 2. Januar 1984, was ihm ein Freund zum Neujahrsanruf privat am Telefon über die plötzliche Erkrankung seiner Tochter erzählte.

Von Frank Pfeifer

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