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Neichener ackern noch per Hand

Neichener ackern noch per Hand

Trebsen/Nerchau. „Die Menschen waren früher genügsamer. Und zufriedener. Heute heißt es: Was ich hab‘ – das bin ich." Für die bodenständigen Helmut und Ruth Kempe, beide 73, ist mit den alten Traditionen längst noch nicht Sense.

. Wie eh und je machen sie sich auf ihrem Feld in Neichen krumm, beackern die rund 3300 Quadratmeter ausnahmslos per Hand. Helmut, den Tränen nahe: „Unsere Generation gibt es irgendwann nicht mehr."

 

 

 

Genau auf Höhe der Neichener Ortseingangstafel befindet sich das Haus des Rentnerehepaares. Oft noch mit 100 Sachen wechseln die Autofahrer exakt an dieser Stelle von Nerchauer auf Trebsener Hoheitsgebiet und umgekehrt. Doch die „Grenze" markiert auch den Beginn einer kleinen Zeitreise. Statt Traktor und Mähdrescher sehen die Passanten regelmäßig einen Mann und eine Frau auf dem Felde wirbeln.

Ruth und Helmut Kempe haben sich längst an die neugierigen Blicke gewöhnt. Das mit ihrem Land fest verwurzelte Paar legt Anfang April die Kartoffeln, um später zu düngen und anzuhäufeln. Etwa nach 100 Tagen ist Erntezeit. „Das richtet sich ganz nach Sorte und Witterung", sagt Helmut, der wie unsere Ur-Großväter noch ganz auf Hacke, Spaten und Tippelmaschine setzt. „Die Rüben liegen bei der Hitze breit", ergänzt er. Ernte sei da erst Anfang Oktober.

Zusätzlich zum Ackerland bewirtschaften die Kempes direkt am Haus auch noch einen Garten mit Erbsen, Kohlrabis, Tomaten, Möhren und Erdbeeren. „Ich könnte nie einen Apfel am Baum verrotten lassen! Mit den Früchten der eigenen Arbeit belohnt zu werden – das ist ein wunderbares Gefühl. Wir spritzen nicht, alles schmeckt besser und ist gesünder. Bei der ganzen Chemie brauchen sich die Leute von heute nicht zu wundern, wenn sie krank werden."

Und tatsächlich: Helmut und Ruth rupfen ihr Unkraut auf dem riesigen Feld noch selber. Trotz des vielen Bückens haben sie keine Rückenbeschwerden: „Nein, nur die Knie schmerzen ab und an." Aber das liege nicht an der Feldarbeit, betonen sie. Grund dafür seien vielmehr Krieg und Flucht. „Wir stammen aus Schlesien. Zu Fuß waren wir unterwegs. Und das bei Eiseskälte und mit schlechten Schuhen. Man musste laufen, sonst wäre man erfroren. Am Wagen war ein Strick befestigt, an den klammerten wir uns – wurden gezogen wie die Ziegen." An der Mulde wurden beide heimisch. Sie arbeitete in Bäckerei und Farbenfabrik, er war als Maurer in der „Zellstoff" tätig. Nach Feierabend ging es aufs Feld, auch Schweine, Hühner und Kaninchen wollten versorgt sein.

Anfangs brachten die Kempes die Puppen noch zum Bauern, der das Getreide gedroschen hatte. Danach übernahm das die schwere Technik gleich vor Ort: „Die LPG führte bestimmte Dienstleistungen auch für die kleinen Leute aus", sagt Helmut Kempe. Inzwischen ist über den größten Teil des Ackerlandes Gras gewachsen. Bauern machen hier Heu für ihr Viehzeug. Na und dann sind da noch die Schafe der Familie Kempe – die alternativen Rasenmäääher.

Haig Latchinian

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