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Neichener ehren ihren größten Sohn

Neichener ehren ihren größten Sohn

Trebsen/Neichen. Es war der große Abend des kleinen Frederik Ambrosius. Mit seinem älteren Bruder Richard durfte er die Gedenkplatte enthüllen. Gern hätte der Achtjährige eigenhändig auch das Geheimnis um den neuen Straßennamen der bisherigen Mühlgasse gelüftet - doch reichte er nicht bis ans Tuch.

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Straßenumbenennung: Um an das Tuch zu kommen, braucht Ortschef Stefan Müller doch nicht das Holzpodest, das ihm Frederik (grüne Jacke) herbei schaffte.

Quelle: Frank Schmidt

. Also huckte er für den Ortsgewaltigen, Stefan Müller, ein Podest heran, auf dass dieser wie der Zauberer in der Manege seines Amtes waltete. Voilà! Die Neichener jubelten. Und Frederik machte Augen: Oskar-Wermann-Gasse.

So ähnlich wie der Junge aus dem Pfarrhaus muss der wohl größte Sohn des Dorfes seinerzeit um die Kirche gewuselt sein. "Wer hätte schon gedacht, dass in dem kleinen Oskar so viel steckt, als er vor 175 Jahren, hier in Neichen, das Licht der Welt erblickte", sagte Wolfhart Neumann, Mitinitiator der Ehrung. Hunderte Musikliebhaber aus nah und fern versammelten sich am Donnerstag in der Kirche, um nicht nur den Geburtstag des damaligen Dresdener Kreuzkantors Oskar Wermann, sondern vor allem dessen Wiedergeburt zu feiern. Lange war die Existenz des Komponisten und Kirchenmusikers im Ort gänzlich unbekannt, bis der damals noch jugendliche Retter des Neichener Gotteshauses und heutige Restaurator Stefan Reuter in den 1980er-Jahren einen Kirchenführer verfasste. Bei seinen Studien stieß er auch auf den Namen Oskar Wermann.

"Wie konnte ein solcher Mann derart in Vergessenheit geraten?", fragte Landrat Gerhard Gey. Wurzens Kirchenmusikdirektor Johannes Dickert war der 31. Kreuzkantor zwar ein Begriff: "Dass er aber aus unserer Gegend stammte, war mir völlig neu, genauso wie seine anspruchsvolle Musik." Monatelang studierte Dickert mit seiner Capella Sancti Wenceslai unter anderem Wermanns Vertonung des "Vater Unser" ein. Das Stück für zwei vierstimmige Chöre erklang erst im Februar in der Frauenkirche anlässlich des 70. Jahrestages der Bombardierung Dresdens. Dickert: "Wermann, der damals in Dresden keinen geringeren als Johann Sebastian Bach populär machte, erlebt nun selber eine Renaissance. Wo auch immer seine Stücke auf dem Spielplan erscheinen, wahre Kenner werden sich sagen: Da muss ich hin." Mit geschlossenen Augen lauschten die Neichener der - wie es Pfarrer Markus Wendland sagte - mitten ins Herz gehenden Musik: Der einstige Trebsener Lehrer Fritz Hundt, der extra aus Leipzig anreiste, Karin Gärtner und ihre Frauen von der Volkssolidarität, Mutzschens Chorsängerin Anita Graupner, die als Kind in Neichens Kirche getauft und konfirmiert wurde, der angehende Grimmaer Urgroßvater Manfred Woldt, der als Lausebengel in Neichen die Glocke läutete, den Blasebalg trat und das Grabkreuz trug, wenn die Trauernden auf ihrem Weg zum Friedhof an der Bahnschranke halt machen mussten.

Die Grimmaer Bruno Stühmeier und Thomas Ott, Kruzianer in den 1960er-Jahren, sangen damals kein einziges Lied von Oskar Wermann, der 1875 das Kantorenamt im weltberühmten Knabenchor übernahm und es 30 Jahre innehatte. "Für uns Herzenssache, hier in Neichen dabei zu sein."

Zu guter Letzt wurde auch noch ein Gedenkstein direkt vor der Kirche eingeweiht. Ein großer Moment für den kleinen Frederik Ambrosius, vor allem aber für die "Wermänner", den pensionierten Hallenser Arzt Hellmut Wermann und Renate Käbisch. Die 70-jährige Kantorin aus Zwickau hatte den Taktstock von Oskar Wermann dabei.

Heute, 17 Uhr, erinnert auch der Dresdener Kreuzchor in seiner Vesper an Oskar Wermann. Es heißt, für die Neichener seien bereits Plätze reserviert. Eben so wie es sich für Ehrengäste gehört.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.05.2015
Haig Latchinian

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