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Grimma Nostalgiefahrten mit der Ferkeltaxe führen am 17. September bis nach Trebsen
Region Grimma Nostalgiefahrten mit der Ferkeltaxe führen am 17. September bis nach Trebsen
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11:10 02.09.2016
Speisen auf Reisen – Mitropa-Geschirr aus Colditz wird in Beucha der Hingucker zum Bahn-Jubiläum. Quelle: Foto: Simone Prenzel
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Leipzig/Beucha/Trebsen

Für wenige Stunden wird sie wachgeküsst – eine der traditionsreichsten Bahnstrecken Sachsens. Nach der Wende erlebte die Verbindung Beucha – Trebsen ein Sterben auf Raten. Passagierzahlen und Güteraufkommen gingen zurück. Vor zehn Jahren rollte auf dem 17-Kilometer-Abschnitt der letzte reguläre Personenzug. „Mit mehreren Sonderfahrten werden wir die Verbindung am 17. und 18. September erstmals wieder aus dem Dornröschenschlaf reißen “, sagt der Colditzer Dirk Kießling und nimmt einen Sonderfahrplan zur Hand. „Aus Anlass des 150-jährigen Bestehens der Strecke Borsdorf–Grimma werden wir die Reisenden von heute in die gute, alte Eisenbahnzeit entführen.“ Dazu ist ein Festwochenende am Bahnhof Beucha geplant. „Zurücktreten von der Bahnsteigekante!“ heißt es hier, wenn die Eisenbahn-Veteranen vorfahren. Start ist in Leipzig. Von dort geht es nach Beucha, zum Abstecher nach Trebsen, wieder zurück auf die Hauptstrecke und dann bis nach Grimma und retour.

Früher war die Ferkeltaxe täglich auf der Strecke Beucha-Trebsen unterwegs. Quelle: Archiv

Am Jubiläumswochenende dürften entlang der Route etliche Fotoapparate klicken. Denn über die Gleise wird am 17. September die legendäre Ferkeltaxe zuckeln. „Ihr Name rührt daher, dass in ländlichen Regionen auch schon mal ein Schwein transportiert wurde“, schmunzelt der Colditzer. „Aber auch als Blutblase oder Sandmännchen wurden die Schienenbusse betitelt.“ Ein weiteres Relikt der Deutschen Reichsbahn (DR) geht ebenfalls auf Tour: „Eine V 100, auch Dampflok-Schreck genannt, wird am 18. September von Leipzig aus ins Muldental bis nach Grimma schnaufen.“

Die Steinindustrie erblühte

Mit den Nostalgiefahrten soll an die bewegte Historie des Schienenstrangs angeknüpft werden. 1866 wurde die Bahnstrecke zwischen Borsdorf und Grimma von der Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie eröffnet. Für Beucha bedeutete der Gleisanschluss einen immensen Aufschwung. Vor allem die Steinindustrie im Leipziger Osten war es, die um den Anschluss ans Schienennetz kämpfte. „Der Steinabbau in der Region erblühte regelrecht“, berichtet Ortschronistin Barbara Wuytack vom örtlichen Heimatverein. „Zahlreiche Nebenbahnen aus den Steinbrüchen der Region endeten in Beucha“, erzählt die ehemalige Lehrerin. Dass Brandis einen Bahnhof bekam, ist ebenfalls der Steinindustrie zu verdanken. Der damalige Brandiser Schlossherr Friedrich von Pentz hatte sich dafür eingesetzt, dass aus dem Brandiser Westbruch Material per Zug abtransportiert wurde. Quasi als Nebeneffekt bekam Brandis so einen Gleisanschluss.

Bahnhof erlebte ein Sterben auf Raten

„Die Reisenden können nicht nur das Fahrgefühl früherer Zeiten erleben“, macht Dirk Kießling neugierig. „Wir werden auch an den Bahnhöfen in Beucha, Trebsen und Grimma Halt machen, damit die Leute fotografieren können.“ Von früheren Nostalgiefahrten, die der Colditzer mit seinem Ein-Mann-Unternehmen Bahnnostalgie Muldental anbietet, kennt er das schon. „Wir lassen den Eisenbahnfans immer genügend Zeit. Wer die Einfahrt verpasst oder beim Drücken auf den Auslöser zittert, hat einen zweiten Versuch“, lächelt der Muldentaler. „Scheinein- und -ausfahrten nennen wir so was.“

Auf jede Menge historischen Hintergrund können sich die Durchreisenden in Beucha freuen. Fred Richter, seit 2012 Eigentümer des denkmalgeschützten Empfangsgebäudes, öffnet sein geschichtsträchtiges Gemäuer an beiden Tagen zur Besichtigung. „Früher hat der Beuchaer Bahnhof glanzvolle Zeiten erlebt“, erklärt Richter, der im ehemaligen Güterschuppen eine Werbeagentur betreibt und den Bahnhof bei einer Auktion ersteigerte. „50, 60 Leute haben hier zu Spitzenzeiten gearbeitet.“ Irgendwann begann der Abschied auf Raten. Die einstige Wohnung des Amtsmannes blieb irgendwann verwaist. Später schloss der Fahrkartenschalter. Ein letztes Lebenszeichen des Transportriesen findet sich noch im beige gefliesten Warteraum. An der Wand künden vergilbte Zettel von einem Fahrplanwechsel, der schon viele Jahre zurückliegt. Die Gepäckaufbewahrung macht den Anschein, als würde der Bedienstete nur Mittagspause machen, doch in Wirklichkeit ist sie schon seit Ewigkeiten dicht. Die Treppe hoch ging’s zur Mitropa. „Hier haben wir oft Kaffee getrunken, wenn es im Winter kalt war und der Zug Verspätung hatte“, erzählt Brigitte Süptitz, Vorsitzende des Beuchaer Heimatvereins. In der einstigen Bahn-Kneipe sollen zum Jubiläum wieder Tassen und Teller klappern. Speisen auf Reisen – unter diesem Motto stellt Fred Richter historisches Mitropa-Geschirr aus. „Wahnsinn, in Colditz produziert“, gerät Dirk Kießling sofort ins Schwärmen, als er die Unterseite einer Kanne bestaunt und dort das Zeichen der Colditzer Porzellanwerke entdeckt. „Mein Onkel war früher selber Mitropa-Kellner“, hat Bahn-Fan Kießling eine weitere Episode parat. „Als Bord-Restaurantleiter fuhr er bis an den Balaton oder nach Zürich.“ Immer mit im Gepäck: eine Kiste Radeberger. „Das Bier machte sich damals gut für Tauschgeschäfte.“

Kaffeekännchen schrieb Geschichte

Seine kleine, aber feine Geschirrsammlung hat Fred Richter größtenteils vom Flohmarkt. Stolz verweist er auf einige Raritäten: „Hier zum Beispiel – ein versilberter Löffel, der an die Einweihung des Leipziger Hauptbahnhofs erinnert.“ Selten dürfte auch ein bläuliches Gedeck sein. „Mit dem wurden die Fahrgäste früher verköstigt – etwa in den 1930er-Jahren.“ Ein größerer Teller fällt durch eine Welle unter dem typischen Mitropa-Zeichen auf. „Der“, hat sich

Guten Appetit: Mitropa-Geschirr aus handfestem Colditzer Porzellan. Quelle: Simone Prenzel

Richter schlau gemacht, „war der Bordgastronomie auf den Fähren vorbehalten.“ Nicht fehlen darf ein Teller mit der altbekannten Dreiteilung: „Hier kamen Fleisch und Einheitssoße hin, dort die Kartoffeln und das unvermeidliche Mischgemüse.“ Design-Geschichte schrieben die legendären Kaffeekännchen. „Die waren stapelbar und konnten nicht umfallen“, erinnert sich der Beuchaer. Der ausgeklügelte Deckel hielt beim Ausschenken bis zum letzten Tropfen.

Zusätzlich zum Geschirr wird in Beucha Bahn-Geschichte kredenzt: Aus Borsdorf haben sich Gerhard Otto und Frank Böhme angesagt. „Beide beschäftigen sich seit Jahren mit der Historie der Strecke und steuern Fotos und Schautafeln bei“, freut sich Brigitte Süptitz. Auch der Trebsener Bahnhof wird zur Feier des Tages reanimiert. Sonst verwaist, wird hier Bahn-Enthusiast Dirk Reinhardt ausstellen.

Tickets für die Nostalgiefahrten können bestellt werden unter Telefon 034381/580041 sowie 0162/9355025 oder unter Mail über die Internetseite www.muldentalbahnfahrten.de

Von Simone Prenzel

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