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Grimma Opa Manfred und Ersatz-Enkel aus Afghanistan verunsichert
Region Grimma Opa Manfred und Ersatz-Enkel aus Afghanistan verunsichert
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20:11 10.10.2018
Der Colditzer Ex-Bürgermeister Manfred Heinz (FDP) ist jetzt Ersatz-Opa für zwei afghanische Fußballjungen. Quelle: Thomas Kube
Colditz

Manfred Heinz ist Politiker durch und durch. Selbst im Ruhestand kann der einstige Colditzer Bürgermeister nicht davon lassen. Wie das Försterkind die gesunde Waldluft braucht der 65-jährige Kreis- und Stadtrat die Debatte, den Streit, vor allem: seine FDP. Im wahren Leben dagegen teilt er nicht ein in Rot und Grün und Gelb und Schwarz. Dann ist er vor allem Mensch.

So ist zu erklären, weshalb er die Flüchtlingspolitik des Staates zwar kritisch sieht, sich selbst aber seit drei Jahren um eine Flüchtlingsfamilie kümmert. „Natürlich, auch mich lassen Messerattacken und Rauschgifthandel nicht kalt. Aber ich trenne da. Wer an meine Tür klopft und Hilfe braucht, der bekommt sie auch, egal ob Deutscher oder nicht. Einzige Bedingung: Er muss die Hilfe auch annehmen.“ Man könne doch nicht einerseits in Urlaub fliegen und die schönen Moscheen besichtigen, so Heinz, andererseits zu Hause eine Glocke über alles stülpen wollen und fragen: Was geht mich fremdes Elend an?

Fußball bringt Jungs mit Colditzer Senior zusammen

Die beiden afghanischen elf- und 14-jährigen Wirbelwinde Benjamin und Daniel Husseini sind gern mit ihrem „Opi“ zusammen. Opi? Gemeint ist Manfred Heinz, selbst vierfacher Großvater. Als die Jungs 2015 mit ihren Eltern nach Colditz kamen, fiel die Wahl auf ihn: „Manfred, du kennst dich doch aus mit Fußball. Die beiden Jungs wollen Profispieler werden, bist du dabei?“ Und ob. Nicht genug damit, dass er kaum ein Match der Jungs verpasst, reiste er mit ihnen sogar zu Spielen von Real Madrid. Er freut sich über deren Fortschritte: Benjamin, der kleinere, kickt in der D-Jugend beim HFC Colditz, Daniel, der größere, ist Leistungsträger in der C-Jugend vom FC Grimma. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Vater David (45) trainiert freitags mit den Alten Herren von Colditz.

„Manfred, du betreust doch die Ausländer. Mit Benjamin gibt’s Probleme. Der hat einen Mitschüler verwackelt. Jetzt wollen sich die Jungs zusammen tun. Es scheint Wamse zu geben.“ Nichts bringt Heinz so schnell aus der Fassung. Er knöpft sich den Jungen vor und schaltet die Schule ein: „Die Sache ist geklärt. Jetzt ist Ruhe.“ Heinz ist davon überzeugt: „Selbst Leute, die Fremde nicht gern sehen, finden gut, was wir hier machen. Die begrüßen, dass es einige gibt, die auf die Noten gucken, die den Ausländern sagen, wenn das Essen komisch riecht und so weiter. Angeordnete Abschiebungen müssen ja auch vorbereitet und begleitet werden.“

Freiwillige Unterstützergruppe in Colditz

Vor drei Jahren gründete sich in Colditz eine freiwillige Unterstützergruppe. Die ersten Treffs gab es bei Pfarrerin Angela Lau. Bernd Petschick, Hartmut Lehmann, Peter und Inka Gürtler – bis zu 20 Helfer hat die hauptamtliche Koordinatorin Linda Becker unter sich. Becker ist beim DRK angestellt und verantwortlich für die Flüchtlingssozialarbeit. Gerichtstermine, Arztbesuche, Wohnungsfragen – zu tun gibt es genug.

Wie die Jungfrau zum Kinde geriet Manfred Heinz erst kürzlich in die Schwangerenberatung. Als er mit der ihm anvertrauten Frau den Raum betrat, hielt ihn die Sprechstundenhilfe doch glatt für den Vater: „Der Humor kommt nie zu kurz“, lacht Heinz. Er ist erst einmal erleichtert, dass Daniel, einer der beiden Fußballer, in psychologischer Betreuung ist und seit einem Vierteljahr nicht mehr geweint hat. Heinz kommen die Tränen. Die Kinder hätten in Afghanistan schlimme Sachen erlebt. Bei einer Hausdurchsuchung durch die Taliban versteckte Daniel sich und seinen kleinen Bruder im Schrank. Der Junge wisse, dass Verwandte eingesperrt wurden, nur weil deren Bart fünf Zentimeter zu kurz war. Zuletzt vergifteten die Gotteskrieger das Wasser in der Schule.

Deutschkurs und Gelegenheitsjob

Für Najara (36) und David war spätestens jetzt klar: Sie müssen mit ihren beiden Söhnen das Land verlassen. Sofort. Über den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich kamen sie nach Deutschland. Vater David, gelernter Fleischer, legt im November seine B1-Deutschprüfung ab. Mutter Najara muss den Anfängerkurs wiederholen, weil sie das erste Mal durchgerasselt war. Daniel nimmt den Reporter zur Seite: „Meine Mutter ist nicht doof. Wirklich nicht. Als Frau durfte sie in Afghanistan aber nur vier Jahre zur Schule gehen. Sie musste eine Burka tragen. Es war ihr verboten, auf die Straße zu gehen.“ Beide, Najara und David Husseini, würden das Geld für ihre Familie gern selber verdienen, betont Manfred Heinz: „Sie wollen dem deutschen Staat nicht auf der Tasche liegen. Das ist nicht so einfach. David hatte schon mal in einer Küche ausgeholfen. Für 80 Cent die Stunde. Da waren die Fahrtkosten höher als der Verdienst.“

Umstrukturierung sorgt für Verunsicherung

Roswitha Heinz, die Frau des ehemaligen Bürgermeisters, bedauert, dass die Flüchtlingsarbeit im Landkreis Leipzig umstrukturiert wird: „Uns ist zu Ohren gekommen, dass Frau Becker, unsere Koordinatorin, zum Jahresende ihre Stelle verliert. Das können wir überhaupt nicht verstehen.“ Erst dieser Tage habe sie dafür gesorgt, dass zum Colditzer Stundenlauf auch verschleierte Musliminnen etliche Runden für die gute Sache drehten, organisierte zudem einen Kochabend mit dem Titel ,Couscous trifft Kartoffelsalat’: „Sie leistet dolle Arbeit, ist Ansprechpartner für die Geflüchteten, aber auch für uns Helfer. Wie soll es jetzt weiter gehen?“

Landkreis vergibt Leistungen nach Ausschreibung

In einer Sondersitzung des Bau- und Vergabeausschusses in Borna steht am Donnerstag eine wichtige Entscheidung auf der Tagesordnung: Die Flüchtlingssozialarbeit im Landkreis Leipzig wird neu vergeben. Im Jahr 2015 wurden die Verträge mit fünf freien Trägern unterzeichnet. „Die Rahmenbedingungen haben sich seither gravierend verändert, so dass eine neue Ausschreibung notwendig war“, sagte Ines Lüpfert, Zweite Beigeordnete des Landkreises. So kommen heute wesentlich weniger Flüchtlinge als in den Jahren zuvor. Asylbewerberunterkünfte wie zum Beispiel in Borsdorf sind geschlossen worden. Derzeit leben nach Angaben des Landratsamtes 1537 Flüchtlinge im Landkreis Leipzig, in dem mehr als 250 000 Menschen wohnen.

Aufgrund des Umfangs von rund zwei Millionen Euro für die Flüchtlingssozialarbeit für die nächsten zwei Jahre im gesamten Landkreis musste das Projekt europaweit ausgeschrieben werden. Allerdings bekommt nicht der wirtschaftlichste Anbieter den Zuschlag: 40 Prozent Inhalt und 60 Prozent Preis heiße die Formel bei dieser Vergabe, so Lüpfert.

Drei Territorien im Landkreis waren ausgeschrieben. Insgesamt 14 Sozialpädagogen und Sprachmittler werden dort arbeiten. Im Norden von Grimma bis Thallwitz bekam nach der Ausschreibung die Johanniter-Unfall-Hilfe aus Leipzig den Zuschlag. Für die beiden anderen Regionen des Landkreises im Westen von Markranstädt bis Neukieritzsch und im Süden von Geithain bis Kitzscher ist es der Verein Zukunftorientierte Förderung aus Duisburg. Der Vergabeausschuss stimmt am Donnerstag in Borna endgültig darüber ab.

Alle fünf freien Träger, die bisher die Sozialarbeit stemmen, wären damit raus. „Soziale Arbeit liegt immer an Personen“, sagte Ines Lüpfert, „Es wurde bisher viel Aufbau- und Netzwerkarbeit geleistet.“ Mit den neuen Partnern sei es „eine Herausforderung, aber das ist zu leisten“.

Die Grundlage für die Flüchtlingssozialarbeit bildet eine sächsische Förderrichtlinie. Danach sollen Asylbewerber vor Ort soziale Beratung und Betreuung erhalten, zum Beispiel Hilfe und Unterstützung in Bereichen des täglichen Lebens, aber auch bei Problemen oder in Konfliktsituationen.

Auch Bettina Belkner vom DRK-Kreisverband Muldental lobt Linda Becker in den höchsten Tönen: „Sie ist Teamleiterin unserer Flüchtlingssozialarbeit von Wurzen über Grimma bis Colditz. Sie ist nicht nur in ihrer eigentlichen Arbeitszeit für die Geflüchteten da – auch darüber hinaus.“ Der Landkreis habe die Flüchtlingssozialarbeit neu ausgeschrieben. „Wir als DRK stehen für eine Fortsetzung nicht zur Verfügung. Unter den dann vorgegebenen Bedingungen könnten wir unsere Arbeit nicht mehr in der gewohnten Qualität erbringen.“ Sie finde das sehr schade, sagt Belkner.

DRK setzt weiter auf Integration

Gerade in Colditz, wo die Netzwerke zwischen Flüchtlingen und Helfern sehr engmaschig seien, stehe nun vieles in Frage: „Frau Becker bleibt natürlich bei uns. Sie ist eine hervorragende Kollegin. Wir bemühen uns um ein neues Projekt für sie und die Geflüchteten. Denn für Integration wird sich das DRK auch weiter stark machen.“

Linda Becker ist tief traurig. War jetzt alles umsonst? Die 43-Jährige teilte ihren Mitstreitern dieser Tage mit, die Organisation eines gemeinsamen Standes auf der Colditzer Schlossweihnacht nicht übernehmen zu können. Sie müsse zunächst ihre berufliche Zukunft neu sortieren.

Helfer befürchten Vertrauensverlust

Das ist der Moment, da Manfred Heinz wieder ganz Politiker, Kreisrat und FDP-Mann ist: „Das kann nicht sein. Wenn der Landkreis jetzt umstrukturiert, werden wir alle zu Verlierern. Frau Becker kennt ihre Leutchen. Sie kennt die Geflüchteten, sie kennt uns. Sie kennt aber auch die Hausverwalter, die Ärzte, die Lehrer, die Kindergärten... Und alle kennen sie.“

Um das über Jahre mühsam aufgebaute Vertrauen sei es jammerschade, so Heinz. Gern würde er das den Ausschussmitgliedern des Kreises heute persönlich sagen. Zeitgleich komme in Colditz aber der Stadtrat zusammen. „Mach’s gut, Daniel“, verabschiedet er sich für heute von seinem Fußballer. Der Junge winkt ihm von weitem zu. Darauf Heinz: „Na, wie verabschieden wir uns?“ Postwendend gibt ihm Daniel drei Küsschen. Wie man das eben so macht mit seinem Opi.

Von Haig Latchinian

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