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Grimma Ortsdurchfahrt in Ammelshain grenzt Natur aus
Region Grimma Ortsdurchfahrt in Ammelshain grenzt Natur aus
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15:01 09.01.2019
Weggesperrte Natur: Vincent Pawlas (58) zeigt auf den leeren Dorfteich hinter Geländer und Maschendrahtzaun. Die frühere Allee fand er besser. Quelle: Thomas Kube
Naunhof/Ammelshain

„Hier wurde die Natur weggesperrt“, kritisiert Vincent Pawlas und schaut auf Geländer und Maschendrahtzaun, die jetzt die sanierte Ammelshainer Ortsdurchfahrt vom Dorfteich trennen. Er kann sich nicht so recht mit dem Anblick abfinden, weiß aber, dass es kein Zurück gibt. In einem Punkt hegt er aber Hoffnung auf Nachbesserung.

„Ich bin im Ort nicht allein mit meiner Meinung, viele meiner Freunde und Bekannten denken so“, betont der 58-Jährige, der gerade eine Weiterbildung zum Natur- und Landschaftspfleger in Dresden absolviert. „Am und im Teich lebten früher Grau- und Silberreiher, Entenvögel, Schwäne, Teichmuscheln und Fischotter. Doch das Wasser wurde abgelassen, die Tierwelt ist verschwunden. Es wird Jahre dauern, bis dort der alte Zustand eines Biotops wiederhergestellt ist.“

Einseitiges Spalier statt imposante Allee

64 stattliche Eichen säumten nach seiner Kenntnis früher die Staatsstraße 45 und empfingen den Fahrer, der von der Autobahn her kam, mit einem Tunnelblick, der an die berühmten Alleen auf Rügen erinnerte. „Jetzt haben wir hier einseitig ein Spalier, einige der Bäume sind im trockenen Sommer schon braun geworden“, bedauert Pawlas.

Eine Allee wie auf Rügen: So sah die Staatsstraße 45 vor dem Ausbau aus. Quelle: Thomas Kube

Im Zuge des grundlegenden Ausbaus waren die alten Gehölze gefällt worden. Ortsauswärts verläuft dort, wo sie standen, jetzt ein Geh- und Radweg. „Besser wäre es gewesen, die Bäume stehen zu lassen und den Radweg zwischen ihnen und dem Teich entlang zu ziehen, teilweise eben auf Stützen“, meint Pawlas und wiederholt damit eine Kritik, die schon vor der Straßensanierung im Ort geäußert worden war.

Ungewohnte Ansicht: Im Herbst vergangenen Jahres waren bereits viele der Bäume am linken Straßenrand gerodet. Quelle: Thomas Kube

„Die ehemals auf den Straßenböschungen stehenden, teils sehr großen Eichen konnten baubedingt nicht erhalten werden“, erklärt Isabel Siebert, Pressesprecherin des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr (Lasuv). Durch Grabungen und Aufschüttungen im Zuge der Arbeiten sei derartig in das Wurzelsystem eingegriffen worden, dass diese nicht mehr standsicher waren.

Mehr Kompromisse bei Bauvorhaben

Kommentar

Keine Frage: Mit der Sanierung der Ortsdurchfahrt hat Ammelshain ein Stück weit seinen Charme verloren. Das Beispiel zeigt die Krux, die mit vielen tiefgreifenden Baumaßnahmen verbunden ist. Zum einen sind sie nötig und von der Bevölkerung gewollt, zum anderen zerstören sie gewachsene Natur. Daran ändern auch die immer grüner werdenden Gesetzesvorgaben nichts.

Wer von der Autobahn nach Ammelshain rein kam, konnte tatsächlich das Gefühl haben, sich mal für einen Augenblick im Urlaub zu befinden. Hohe Eichen säumten die Straßenränder und bildeten überm Fahrer ein schattenspendendes Dach. Wer schon mal auf Rügen war, weiß, wovon die Rede ist.

Der Asphalt hingegen hatte seine beste Zeit schon lange hinter sich. Trink-, Regen-, Abwasser-, Strom-, Gas- und Telefonleitungen mussten dringend erneuert oder verlegt werden. Es ging nicht um Details, sondern ums große Ganze, zu dem auch gehörte, einen Radweg zu schaffen.

Für all das bestehen Gesetze und Normen. Und diese lesen sich genauso nüchtern, wie ihre Resultate am Ende aussehen. Sicherlich ist es besser, Amphibien durch bauliche Anlagen zu einem neu geschaffenen Durchgang zu leiten, als zuzuschauen, wie sie überfahren werden. Nur schön müssen die Anlagen eben nicht aussehen.

Mehr Spielraum für Planer und Genehmigungsbehörden könnte hier und da vielleicht einen besseren Kompromiss aus Aufwertung der Infrastruktur, Naturschutz und Ästhetik ermöglichen. Doch die Entwicklung geht unablässig in Richtung Verschärfungen. Und niemand hält sie auf. Leider.

f.pfeifer@lvz.de

Anpflanzung im Sinne der Natur

Als Ausgleich für den Eingriff in die Natur wurden spalierartig Eichen und Hainbuchen gesetzt, die wegen der Dürre aufwändig bewässert worden seien. Im Frühjahr kommenden Jahres sollen laut Siebert weitere Gehölze hinzukommen, unter anderem auf der gegenüberliegenden Straßenseite am neuen Regenrückhaltebecken. Sinn und Zweck der Bäume sei, dass die in der Gegend vorkommenden Feldermäuse sicher die Fahrbahn queren können. Der im Böschungsbereich errichtete Zaun diene als Leiteinrichtung für Fischotter und Amphibien zu drei Durchlässen unter der Straße.

Ammelshain fehlt durchgängiger Radweg

Dass ein Rückbau des Geschaffenen nicht erfolgen wird, ist Vincent Pawlas freilich klar. Was den Radweg betrifft, hofft er aber auf Einsicht der zuständigen Behörden. „Er endet abrupt auf der verkehrsreichen Fahrbahn und geht erst nach ungefähr 150 Metern ab der Autobahnbrücke weiter zum Ortseingang von Klinga“, moniert er. „Das ist gefährlich, besonders für die Kinder, die zum Klingaer Sportplatz fahren.“

Abruptes Ende: Hier führt der Radweg auf die verkehrsreiche Straße. Seine Fortsetzung findet er erst hinten an der Autobahnanschlussstelle. Quelle: Thomas Kube

Teilortsumgehung steht in den Sternen

Das Lasuv ließ die Lücke, weil in diesem Bereich später einmal die Teilortsumgehung von Ammelshain in die S 45 einmünden soll, mit der die Behörde und die Kommune den Schwerlastverkehr vom Altenhainer Steinbruch zur Autobahn aus dem Ort heraus nehmen wollen. Nach Sieberts Worten wurde der gesamte Bereich der Staatsstraße nicht in das jetzige Vorhaben einbezogen, um spätere Rück- und Umbauten zu vermeiden.

Allerdings ist das Thema Teilortsumgehung mit Fragezeichen versehen. Konstanze Morgenroth, stellvertretende Pressesprecherin des Landratsamtes, kann keinen Zeitpunkt zur Fortführung der Planung nennen. „Hintergrund ist ein aktuell laufendes Gerichtsverfahren“, teilt sie mit. Im Ortschaftsrat hatte der Abgeordnete Jürgen Streller (Wählergemeinschaft Ammelshain) gegen den Bau gekämpft. Nach LVZ-Informationen legten inzwischen mehrere Landeigentümer, die auf seiner Seite sind, eine Sammelklage ein.

Radwegproblem soll gelöst werden

„Es ist also unsicher, ob die Umgehungsstraße kommt. Falls doch, dürfte es noch viele Jahre dauern, bis sie gebaut wird“, meint Pawlas und bittet: „Vielleicht lässt sich die Radweglücke wenigstens provisorisch schließen. Das kann doch kein riesiger Kostenfaktor sein.“

Da geht das Lasuv mit. Ihr Amt, so Siebert, spricht mit der Straßenverkehrsbehörde des Landkreises ab, wie für den Übergangszeitraum „durch verkehrsorganisatorische Maßnahmen eine sichere Radverkehrsführung herzustellen“ ist.

Im Slalom um die Absperrung: Die Ammelshainer Ortsdurchfahrt am 30. November drei Stunden vor der Freigabe. Quelle: Thomas Kube

Straße seit 30. November frei

Am 30. November vergangenen Jahres war die Ortsdurchfahrt nach über einjähriger Bauzeit für den Verkehr freigegeben worden. Die Kosten des Vorhabens, das unter anderem die Verlegung neuer Leitungen und Kanäle beinhaltete, betrugen rund zwei Millionen Euro.

Von Frank Pfeifer

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