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Ostdeutschlands berühmtester Tierfotograf: Der Aufstieg und Fall des Helmut Drechsler

Mysteriös und legendär Ostdeutschlands berühmtester Tierfotograf: Der Aufstieg und Fall des Helmut Drechsler

Colditz steht vor einem besonderen Jubiläum: Ostdeutschlands wichtigster Tierfotograf, Helmut Drechsler, der 1960 in Afrika auf mysteriöse Weise ums Leben kam, wäre im September 100 Jahre alt geworden.

So kannten ihn seine Fans: Helmut Drechsler gilt als einer der bedeutendsten deutschen Tierfotografen.

Quelle: Helmut-Drechsler-Archiv Colditz

Colditz. Sein mysteriöser Tod in Äquatorial-Afrika hat alles, was ein guter Krimi braucht. In der Nacht vom 3. zum 4. Februar 1960 stürzte Helmut Drechsler am Steilufer des Schari-Flusses in die Tiefe. Im Krankenhaus von Fort Archambault erlag er wenig später seinen schweren Verletzungen. Am darauf folgenden Nachmittag wurde der bedeutendste Tierfotograf und Tierschriftsteller der DDR auf dem Europäischen Friedhof des Orts beerdigt.

Unter den Trauergästen waren Vertreter des Militärs, der Region, des Distrikts, der Stadt und – seine Expeditionsbegleiter. Vor einem dieser deutschen Kollegen warnte Drechsler auf seiner letzten Ansichtskarte, die er am Vorabend der Todesnacht an Ehefrau Gretel schrieb: „Liebe Butz! Nach 4 Wochen schöner Safari durch den Elefantenbusch sind wir hier gelandet. ... Am 26. 2. werden wir, wenn die Köpfe drauf bleiben, in Duala an Bord gehen! Stimmung ... ist nicht gut! Bitte äußerste Zurückhaltung gegenüber K. B. Herzliche Grüße! Helmut.“ Als die Gattin in Colditz diese letzten Zeilen ihres Mannes in den Händen hielt, war der bereits tot.

Drechsler wat ein vielseitig begabter Junge

Afrikaforscher Hans Schomburgk (1880-1967) würdigte den Colditzer bei seiner Eintragung in dessen Gästebuch vom 13. April 1947: „Endlich ein Nachwuchs, auf den wir Alten stolz sein müssen!“ Geboren wurde Drechsler am 18. September 1916 in Colditz. Kurz nach der Einschulung starb sein Vater, Geschirrführer Karl Hermann Drechsler, an den Folgen einer Kriegsverletzung. Mutter Meta, Hausfrau, musste nun ganz allein mit den drei Kindern fertig werden. Hermann Starke, Rektor der Volksschule, förderte den vielseitig begabten Jungen und ermöglichte ihm den Besuch des Lehrerseminars in Annaberg-Buchholz.

Nach der fundierten Ausbildung zog es Helmut Drechsler jedoch vor, Journalist zu werden – er schrieb für die „Soltauer Nachrichten“ und ging als Berichterstatter nach Bayern. Nebenbei verdingte er sich als Hausschlächter, Friseur- und Gärtnergehilfe sowie Elektroreparateur. Schließlich heuerte er in Wien an, wo er bei Mano von Ziffer-Teschenbruck, Erfinder des Colorprint-Farbfoto-Verfahrens, in die Lehre ging.

Am Gedenkstein

Am Gedenkstein: Christine Zimmer und Günter Matthes.

Quelle: Christian Fest
Haus Hartenstein

Haus Hartenstein: Peter Tilgner genießt den Drechsler-Blick.

Quelle: Christian Fest

Mit seiner 1948 im Brockhausverlag erschienenen „Kleinen Welt am Wegesrand“ machte sich Drechsler unsterblich. Der Band mit den Farbbildern aus dem Kohlbachtal zwischen Colditz und Hohnbach erschien mit sechs Nachauflagen. Nicht sein erstes Werk: Bereits 1932 gab es in der Monatszeitschrift „Fototechnik“ erste Veröffentlichungen zur Tierfotografie. 1935 erschien das seiner „lieben Mutter“ gewidmete „Lied der Heimat“, eine Textsammlung mit Liedern und Gedichten, die Drechsler eigenhändig illustrierte.

In den Kriegsjahren folgten „Tod im Moor“, „Kamerajagd auf Schmetterlinge“ sowie die Bände „Vom Atlantik zum Mittelmeer“ und „Vom Karst zu den Karpaten“. Ganz bewusst setzte der Artillerie-Soldat den Schrecken des Krieges die Schönheit der Natur entgegen. Denn ihn traf es hart: Dreimal wurde er verwundet. Beide Kinder, die ihm Ehefrau Gretel schenkte, erlebten das Kriegsende nicht.

Die Vogelwelt der Eschefelder Teiche hielt er auf Farbfilm fest

Nach dem Krieg drehte Drechsler vor allem Filme. Verdienste erwarb er sich durch sein Lehrbuch der Farbfotografie sowie die patentierte grafische Neuerung, dass Fotos in die Texte übergingen. Drechsler, der am 6. Januar 1946 den Kreiskulturbund gründete und als begnadeter Redner galt, füllte bei seinen Vorträgen ganze Säle. Bis 1953 begeisterte der charismatische, dabei immer volkstümliche Fotograf nach eigenen Angaben rund zwei Millionen Zuhörer.

Er erfüllte sich einen Traum: Er hielt die Vogelwelt der Eschefelder Teiche bei Frohburg auf dem Farbfilm fest. 1956 führte ihn eine Auslandsexpedition in die Camargue nach Südfrankreich. Besonders interessierten ihn dort die Brutkolonien der Flamingos im Rhône-Delta.

Friedhof im fernen Afrika

Friedhof im fernen Afrika: Am 5. Februar 1960 war Beerdigung.

Quelle: Drechsler-Archiv
Stilvoller Empfang

Stilvoller Empfang: „HD“ über der Tür des einstigen Wohnhauses.

Quelle: Christian Fest

Im Rahmen der 700-Jahrfeier der Stadt Colditz gab es am 30. Mai 1965 im Kulturhaus eine offizielle Helmut-Drechsler-Ehrung. Am selben Tag bekam der Wanderweg im Kohlbachtal den Namen Helmut Drechslers. Außerdem wurde in dem Waldstück bei Hohnbach zu Ehren des bekannten Tierfotografen ein Gedenkstein enthüllt. Zu einer anschließenden Kaffeetafel trafen sich auf der Terrasse des Hauses Hartenstein einstige Freunde Drechslers. Unter ihnen Berlins Tierpark-Direktor Heinrich Dathe sowie die prominenten Puppenspieler Ingeborg und Heinz Fülfe (Schnellzeichner Taddeus Punkt), bekannt durch ihre Geschichten von „Flax und Krümel“.

Einer der schönsten Bauplätze in Colditz

Seit 1998 betreut der langjährige Museumsleiter und Kantor sowie heutige Leiter des Colditzer Männerchores, Albert Peter Bräuer (68), das Helmut-Drechsler-Archiv. Seit 1975 organisiert er auch die Gedenkveranstaltungen für Drechsler. Als 2002 die Drechsler-Witwe Gretel in ihrer alten Heimat, Nordrhein-Westfalen, starb, ließ er ihre sterblichen Überreste nach Colditz überführen und diese in seinem Familiengrab bestatten.

Noch zu Lebzeiten setzte Gretel den Kantor testamentarisch als Nachlassverwalter des Ehepaares Drechsler ein. Bräuer kennt das Haus, in dem Drechslers Witwe noch bis 1969 lebte, ehe sie es an den Colditzer Tierarzt Richard Hans Schubert veräußerte: „Der herrliche Blick von der Felsnadel! Es ist mit Sicherheit der schönste Bauplatz in Colditz.“ In Bräuers Obhut befinden sich die letzten Tagebuchaufzeichnungen, der Schriftwechsel nach dem Unfalltod, Artikel, Kritiken, das Gästebuch und – die kleine Schildkröte.

Sitzecke im Haus Hartenstein

Sitzecke im Haus Hartenstein: So wohnte der Fotograf in Colditz.

Quelle: Drechsler-Archiv
Seltene Einblicke

Seltene Einblicke: Die letzte Karte, die Fotograf Helmut Drechsler am Vorabend der Todesnacht seiner Frau Gretel schrieb.

Quelle: Christian Fest

Aus Anlass des bevorstehenden 100. Geburtstages von Helmut Drechsler plant die Stadt Colditz am 18. September eine weitere Ehrung. Ein dreiköpfiges Vorbereitungskomitee, dem neben Bräuer auch Anje Heinz vom Kulturamt sowie Fotograf Eberhard Jasinski angehören, initiiert mehrere Ausstellungen in Kirche, Schloss und Hofstube. Jasinski: „Wir hoffen, dass wir solch namhafte Fotografen wie Drechsler-Schüler Harald Lange sowie Karl-Heinz Trippmacher und Torsten Beuster gewinnen können.“

Bemüht sei man auch um den auf Tierfotografie spezialisierten Dresdener Fotoclub. Vorgesehen ist zudem ein von Profis geleiteter Workshop zur Tierfotografie. „Kontakt haben wir außerdem zum Naturkundemuseum Leipzig aufgenommen. Das stellt uns weitere Fotoarbeiten von Helmut Drechsler zur Verfügung. Die entsprechenden Dias werden wir im Großformat zeigen, genauso wie bereits vorliegende Zeugnisse von Drechslers Schaffen.“

Wilde Spekulationen über verhängnisvollen Sturz

Ob denn der Elefantenfuß noch da sei, würden sie oft gefragt. „Nein, leider nicht“, antworten Sabine (55) und Peter Tilgner (57) gewöhnlich. Das Zahnarzt-Ehepaar bewohnt seit 2011 das legendäre Haus Hartenstein, das der Tierfotograf in den Jahren 1949 bis 1952 an der Rochlitzer Straße bauen ließ. Der präparierte Elefantenfuß, ein Mitbringsel von einer seiner vielen Expeditionen, diente ihm als Papierkorb. „Dafür können wir noch den originalen Drechsler-Schreibtisch zeigen“, sagen die Tilgners. Tatsächlich, da steht er, mächtig-gewaltig und mitten in einer Art kleinem Kino: „Das ist der ehemalige Vorführraum. Hier hatte Drechsler einem ausgewählten Publikum seine Tierfilme gezeigt.“

Wie es in jener Nacht vom 3. zum 4. Februar 1960 zu dem verhängnisvollen Sturz kam, ist bis heute ungeklärt. Über mögliche Szenarien wird immer noch wild spekuliert. Die Fantasie der Hobby-Kriminalisten wird nicht zu letzt beflügelt von dunklen Vorahnungen, die der Colditzer Tierfotograf in seiner letzten Karte äußerte. Fakt ist: Der behandelnde Arzt attestierte in seinem Krankenhausbericht vom 8. Februar 1960, dass „die Umstände und die Stunde des Sturzes nicht präzisiert werden können“.

Von Haig Latchinian

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