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Grimma Pakistani leugnet Angriff auf Kirche Bad Lausick
Region Grimma Pakistani leugnet Angriff auf Kirche Bad Lausick
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17:34 09.10.2018
Die Bad Lausicker Kilianskirche wurde in einer Aprilnacht angegriffen. Der Beschuldigte, der jetzt vor dem Chemnitzer Landgericht steht, bestreitet diese Tat. Quelle: Jens Paul Taubert
Bad Lausick/Chemnitz

Wegen des Angriffs auf drei evangelische Kirchen in Chemnitz und Bad Lausick steht seit Dienstag ein 24-Jähriger aus Pakistan vor dem Landgericht in Chemnitz. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann, der zurzeit zwangsweise in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht ist und Fluchtversuche unternahm, gemeinschädliche Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch vor, ferner Nötigung, Körperverletzung und Widerstand gegen Polizisten. Der Beschuldigte, der in Handschellen und Fußfesseln in den Saal geführt wurde, räumte die Vorwürfe, Chemnitz betreffend, unumwunden ein. Den Einbruch in die Bad Lausicker Stadtkirche St. Kilian, der nach einem vergleichbaren Muster erfolgte, wies er zurück.

Bad Lausicker Schnitzaltar beschädigt

Die Vorwürfe, die Staatsanwältin Schlegel gegen den Mann erhob, sind kompakt: Er soll ab 20. April an drei Tagen respektive Nächten in drei Kirchen eingedrungen sein. In allen Fällen schlug er der Anklage zufolge Fenster ein. Er verwüstete Altarräume, demolierte Leuchter, Kanzeln. In Bad Lausick beschädigte er den wertvollen Schnitzaltar von 1490. Der Sachschaden beläuft sich in jeder der Kirchen auf mehrere Tausend Euro. Da der Angeklagte an einer paranoiden Schizophrenie leide, „war er nicht in der Lage, das Unrecht seiner Taten einzusehen“ - und würde es auch nicht in der Zukunft, so die Staatsanwältin. Sie betonte, dass der Mann „deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist“.

Im April zerstörte ein Mann viele Gegenstände in der mehr als 900 Jahre alten Bad Lausicker Kirche. Der spätgotische Schnitzaltar wurde beschädigt, der Altarraum verwüstet.

Laut Staatsanwaltschaft ist aktenkundig, dass der Beschuldigte trotz Leugnens die Kurstadt mindestens als Bahnkunde kennt: Die Mitteldeutsche Regiobahn, die die Strecke ChemnitzLeipzig über Bad Lausick bedient, stellte am 19. April eine Strafanzeige gegen ihn. Warum genau, das blieb gestern vorerst offen. Die Erklärung des Angeklagten für die Fahrt: Er habe einen Freund in Leipzig besucht.

Organist in der Petrikirche hatte „Todesangst“

„Ich hatte Todesangst“, sagte ein Kirchenmusiker, der am 23. April während eines abendlichen Orgelspiels in der Petrikirche Chemnitz auf den Mann traf. Der Beschuldigte war nach Zeugenaussagen und Spurenlage in die Kirche eingedrungen. „Er ist über die Kanzel zu mir auf die Orgel-Empore gelangt. Das erforderte Kletterkünste. Er wirkte auf mich total unter Stress, als würde er in höherem Auftrag handeln,“ so der Musiker. Ein Polizist, der den Angreifer überwältigte, sagte, er habe wie ein unter Drogen Stehender „keine Schmerzreflexe“ gezeigt; ein Test sei allerdings negativ gewesen.

Bad Lausicker Zeugin: Mann rief „Fucking Church“

In der Nacht zuvor, so wirft es die Staatsanwaltschaft dem Pakistani vor, soll er in die Bad Lausicker Stadtkirche gelangt sein. Das Bleiglas-Fenster, durch das er sich Zutritt verschaffte, liegt in vier Metern Höhe. Im Inneren müsse er vom Sims an den Kronleuchter gesprungen sein, der dadurch herabfiel, so ein Polizeibeamter des Reviers Grimma, der als Zeuge auftrat. Eine Bad Lausickerin, die gegenüber der Kirche wohnt, berichtete von einem Mann, der am Abend über Stunden auf einer Bank gesessen, später darauf gestanden und „mit ausgebreiteten Armen“ so etwas wie „Fucking Church“ – etwa: verdammte Kirche – gerufen habe. Das Gesicht des Mannes wiedererkennen konnte die Zeugin nicht, denn auf der Straße sei es duster gewesen: „Das Gesicht war dunkel, vielleicht war da eine Maske.“ Die Statur aber würde passen.

Kerze im Turm brachte Kilianskirche in große Gefahr

Erst einen Tag nach dem Angriff in Bad Lausick wurde ganz oben im hölzernen, engen Dachstuhl des Turmes eine der Altarkerzen gefunden. Sie müsse noch eine Zeit lang gebrannt haben, sagte Pfarrer Thomas Erler damals, der als Zeuge gestern verhindert war: „Die ganze Kirche hätte Feuer fangen können.“ - Eine Parallele zu jenem Geschehen in der Chemnitzer Markuskirche in der Nacht zum 21. April. Eine als Zeugin geladene Kunsthistorikerin schilderte nicht nur Zerstörungen, sondern auch: „Mit einer Kerze ist jemand durch die Kirche gegangen und hat verschiedentlich Station gemacht, selbst auf den Emporen.“ Und er muss auf den Deckel der Kanzel gestiegen sein, eine artistische Leistung. Sie schildert den Angeklagten indes als „besonnen, nicht aggressiv“. Und er habe – aus Wertschätzung? – die Schuhe im Kirchenraum ausgezogen. Auch in Bad Lausick wurden Schuhe gefunden.

Beschuldigter spricht von „psychischen Problemen“

Die Szenarien gleichen sich, das wurde klar. Die Beweggründe indes blieben im Ungefähren. „Mir ging es psychisch nicht gut.“ Diesen Satz äußerte der Beschuldigte über seinen Dolmetscher, so oft ihn der Vorsitzende Richter am Landgericht Zöllner zu seiner Motivation fragte. Und einmal: „Egal, wo ich eine Kirche sah, bin ich hineingegangen.“ Was trieb ihn, mit welcher Absicht? „Darüber weiß ich nichts. Ich hatte psychische Probleme.“

Gutachter: Mann war in Griechenland in Haft

Bei der Ursachenforschung kam der Gutachter, dessen Ausführungen den ersten Tag beschlossen, auf den Konsum von Cannabis und Alkohol zu sprechen. Ob darin die psychische Erkrankung wurzele, blieb offen. Immerhin erhellte sich die Lebensgeschichte des Mannes, der in Pakistan nie die Schule besuchte, nicht lesen kann, keinen Beruf lernte. Über die Türkei kam er nach Griechenland, jobbte drei Jahre, war zwei weitere in Haft, erreichte über München schließlich Chemnitz. Sein Wunsch: ein Restaurant eröffnen. Für Deutschland hat er eine Aufenthaltsgenehmigung, die aller sechs Monate zu verlängern ist.

Der Prozess vor der 4. Strafkammer wird am 23. Oktober mit der Anhörung weiterer Zeugen fortgesetzt.

Restauratorinnen haben Schäden beseitigt

In der Bad Lausicker Kirche sind die Schäden am spätgotischen Altar und der Kanzel inzwischen beseitigt. Das sei den Restauratorinnen Diana Berger-Schmidt und Sylvia Cieslienski zu danken, sagt Manfred Schön, Vorsitzender des Fördervereins St. Kilianskirche. Einzig der Kronleuchter, den die Ermittler beschlagnahmt hatten, müsse noch restauriert werden. Der Schock über das Geschehen in jener Aprilnacht sei abgeklungen. Leicht verdauen aber könne man das nicht: „Wir hatten noch Glück. Wäre das eine Nacht vorher geschehen, hätte es unsere Konfirmation betroffen.“

Von Ekkehard Schulreich

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