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Parthensteiner Bürgermeister Kretschel wird 60

Parthensteiner Bürgermeister Kretschel wird 60

In den Mittelpunkt stellt er sich nicht gern. So kann ihn heute zu seinem 60. Geburtstag niemand besuchen. Der Parthensteiner Bürgermeister Jürgen Kretschel (parteilos) feiert den Ehrentag in Dubai.

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Bescheiden: Auf ein berufliches Statussymbol legt Jürgen Kretschel keinen Wert; sein Dienstwagen, ein 3er Golf, ist schon 18 Jahre alt. "Hier hat man das Gefühl, man sitzt auf einem Küchenstuhl", scherzt er. Privat fährt er einen BMW.

Quelle: Andreas Röse

Parthenstein. Seine Lebensgefährtin Karina Erdmann hat ihm die Reise geschenkt und wird den Tag mit ihm allein verbringen.

In seiner Gemeinde gilt Kretschel als Macher. Er selbst sagt von sich: "Ich will meine Entscheidungen für mich treffen. Weder privat, noch dienstlich bin ich da beeinflussbar." Leben und leben lassen, lautet sein Motto. Sein Lebenslauf zeugt von dieser Haltung, die ihn nur bis zu einem bestimmten Punkt Kompromisse eingehen lässt.

Hineingeboren in eine Pomßener Arbeiterfamilie, erinnert er sich an eine strenge, aber gerechte Mutter und einen herzensguten Vater. "Es gab nie ein böses Wort oder Schläge", sagt er. "Man kann seine eigene Meinung vertreten und sich mit anderen auseinandersetzen. Aber hinterher muss man sich wieder in die Augen schauen können." Mit seiner älteren Schwester pflegt er bis heute ein gutes Verhältnis.

In der Grundschulzeit brachte Kretschel nur Einsen in den Kopfnoten Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit heim. Später, in seinen Rüpeljahren, als er Fußball spielte und zur Disco ging, sollte sich das ändern. Ab 1970 erlernte er den Beruf des Baufacharbeiters. Er diente anderthalb Jahre in der Armee und arbeitete als Zimmermann im Bau- und Montagekombinat Süd in Leipzig.

1978 heiratete er. Später, als die beiden Kinder flügge wurden und die Eltern gestorben waren, stellte er fest, dass er und seine Frau sich auseinandergelebt hatten. Einen Kompromiss gab es nicht, im Sommer 2012 trennte er sich von ihr. Seine neue Beziehung tut ihm gut.

Zu ahnen war diese Entwicklung nicht, als er 1982 das eigene Haus in Pomßen fertigstellte. Die Ehe verlief harmonisch, nur das Geld war aufgebraucht. Sein Betrieb machte es möglich, für 300 Westmark zehn Tage lang an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens mitzuarbeiten. Damals ein Vermögen, zumal zu Hause das Gehalt weiterlief. Doch Kretschel durfte nicht in die Bundesrepublik fahren, weil er dort Verwandte hatte. Für ihn nicht akzeptabel. Er kündigte und fing in der Pomßener Firma Gerd Naumann als Stellmacher an.

"Auf die Wiedervereinigung hatte ich immer gehofft", sagt er. "Als damals Gespräche liefen über eine Anerkennung der DDR durch den Westen, war das für mich wie der Weltuntergang. Ich dachte, irgendwann rennen wir alle mit einem sowjetischen Parteibuch herum." Alles, was mit dem Staat und seinen Organisationen zu tun hatte, war ihm suspekt; ihn nervten die Reglementierungen. Als er 1986 zur Volkskammerwahl feststellte, dass Menschen, die kritische Meinungen vertraten, mit dem Kürzel ZZA (zurzeit im Ausland) von der Abstimmung ausgeschlossen wurden, obwohl sie sich in Pomßen aufhielten, zog er Konsequenzen. Er fungierte am 7. Mai 1989 selbst als Wahlleiter, um zu den Kommunalwahlen zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht.

Das war seine erste direkte Berührung mit der Politik. Ab September schon beteiligte er sich an den Leipziger Montagsdemonstrationen. Den Fall der Mauer erlebte er im Zustand der Euphorie. Für den ersten demokratisch gewählten Gemeinderat bewarb er sich. Und obwohl er nicht die meisten Stimmen erhalten hatte, plädierte das Gremium für ihn als Pomßener Bürgermeister. Das traf seinen Nerv, eigene Entscheidungen treffen zu können. "Wäre ich nicht Bürgermeister geworden, dann hätte ich mich als Zimmermann selbstständig gemacht."

Um sich fit für die neue Laufbahn zu machen, begann er 1993 ein berufsbegleitendes Studium an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie zum Verwaltungs- und Betriebswirt. "Das hatte Priorität. Ich wollte nicht, dass mein Amt und die Familie leiden." Ein Kompromiss wäre ihm nicht möglich gewesen, also trat er 1994 in die zweite Reihe zurück und wurde Bauamtsleiter der nach der Fusion entstandenen Gemeinde Parthenstein. Bürgermeister war nun Günter Pfarr. Als dieser 1999 aus gesundheitlichen Gründen ausschied, wurde Kretschel wiederholt zum hauptamtlichen Gemeindeoberhaupt gewählt. Seit 2006, als die Verwaltungsgemeinschaft Naunhof gebildet wurde, übt er diese Funktion ehrenamtlich aus. Zugleich ist er Außenstellenleiter der Stadtverwaltung und ganz neu auch wieder zuständig fürs Bauamt.

Wenn er auf seine Dienstjahre zurückblickt, dann denkt er, dass in der Gemeinde viel geschaffen worden ist. "Wir haben eine ordentliche Infrastruktur mit Schule, Kindergärten, Feuerwehren, Dorfgemeinschafts- und Vereinshäusern", zählt er auf. Sicher seien Umstrukturierungen in Betrieben wie den Steinbrüchen und den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften teilweise schmerzhaft verlaufen. "Aus heutiger Sicht haben wir aber alles richtig gemacht", ist er sich sicher. "Das ständige Meckern nervt mich, denn im Vergleich zu anderen Ländern haben wir ein hohes Niveau erreicht."

Kretschel ist fest überzeugt: "Wer bei uns sein Potenzial ausschöpft, dem kann es gutgehen. Man darf sich aber nicht zurücklehnen und abwarten, was andere tun oder was andere für einen tun, sondern muss sich selbst einbringen." Auch solche Sätze meint er kompromisslos und schiebt nach: "Nicht vergessen werden darf, dass Menschen mit weniger Potenzial von der Gesellschaft aufgefangen werden."

Jeder müsse für sich herausfinden, was ihm wichtig ist. Für ihn ist es neben seiner Beziehung die letzte Amtszeit vor der Rente, an die er noch keinen Gedanken verschwendet, weil bis dahin noch über sechs Jahre verstreichen, wenn es die Gesundheit zulässt. Einmal pro Woche geht er ins Fitnessstudio. Und er liebt es, die Welt zu erkunden, so wie jetzt gerade am Persischen Golf. Frank Pfeifer

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.03.2014
Pfeifer, Frank

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