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Grimma Pensionsbetreiber Gorny: Colditz ist mein Schicksal
Region Grimma Pensionsbetreiber Gorny: Colditz ist mein Schicksal
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00:34 08.04.2018
Ralf Gorny, der Inhaber der Colditzer Pension „ Zur alten Stadtmauer“ . Quelle: Thomas Kube
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Colditz

„Ja, ich bin krank, kann aber erst jetzt öffentlich darüber reden“, sagt Ralf Gorny. Der 51-jährige Pensionsbetreiber spricht langsam. Gesenkten Hauptes sucht er nach Worten, die ihm noch nie über die Lippen gingen: „Ich durfte bisher keine Schwäche zeigen. Sonst wäre es mir ergangen wie einem taumelnden Tier, das zu Boden geht und zum Abschuss freigegeben ist.“ Inzwischen berichtet er von innerer Unruhe, Angst, halbseitiger Gesichtslähmung. „Die Ärzte vermuteten zunächst, ich hätte einen Schlaganfall. Es war wohl ein eingeklemmter Nerv“, verrät der Mönchengladbacher, der sich 2005 einen Traum erfüllte und in Colditz seine eigene Pension eröffnete.

Vom Jäger zum Gejagten: Brandanschlag auf Pension

Ralf Gorny, der Inhaber der Pension „ Zur alten Stadtmauer“ Am Graben 5 in Colditz, engagiert sich gegen rechtsextreme Strukturen. Quelle: Thomas Kube

Die bewegten Jahre in Colditz sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er gehörte und gehört zu jenen, die sich gegen rechtsextreme Strukturen engagieren, schonungslos, auch sich selbst und seiner Gesundheit gegenüber. Er hielt und hält sie alle auf Trab – und das beinahe täglich: Polizei, Rathaus, Presse. Als er mithalf, einen Drogendealerring zu zerschlagen, wurde er selbst zum Gejagten – auf seine Pension wurde vor Jahren ein Brandanschlag verübt. „Ich saß damals nächtelang im Auto, um vom Parkplatz aus zu beobachten, wer sich alles an meinem Haus zu schaffen macht. Es war Qual, es war Folter.“ Aber, es habe sich gelohnt, resümiert Gorny. Der ewige Rufer in der Wüste sei erhört worden. Mittlerweile fahre die Polizei verstärkt Streife, habe es Verurteilungen gegeben und komme Colditz langsam zur Ruhe.

Erneut Fernsehteam in Colditz

Dennoch behelligen ihn noch immer Fernsehteams. Erst in dieser Woche strahlte der Nachrichtensender n-tv eine Reportage über „rechte Gewalt in Sachsen“ aus. Auch Colditz und Gorny waren dabei einmal mehr Thema. Gorny steht zu dem, was er sagt, mit Name und Gesicht. Er weiß, dass er sich damit keine Freunde macht: „Viele halten mich für einen elenden Nestbeschmutzer, der sich wichtig machen will und eigentlich nur nervt.“

Ob er daran denkt, wieder zurück in seine Heimat, den sicheren Westen, zu gehen? „Meine Heimat ist und bleibt Colditz. Ich brauche diese Stadt wie die Luft zum Atmen. Sie ist mein Unglück und Glück zugleich. Als ob es Fremdenfeindlichkeit nur im Osten gibt. Nee, gar nicht! Ich freue mich, in meiner Pension all die britischen Gäste zu begrüßen. Mit ihnen teile ich die Begeisterung für Colditz, das hoch über der Stadt thronende Schloss, die spannenden Storys über die Ausbruchsversuche. Das erfrischt mich, das gibt mir die Kraft zum Durchhalten.“

Britische Zeitungen berichten über die Geschichte des Schlosses

Im Zweiten Weltkrieg waren auf Schloss Colditz alliierte Offiziere inhaftiert. Ihr Katz-und-Maus-Spiel mit den Aufsehern füllt ganze Bücher, wurde mehrfach verfilmt. „Mancher Brite glaubt, das sagenumwobene Schloss ist nur eine Fiktion, eine Erfindung von Hollywood. Umso großartiger der Moment, wenn die erwachsenen Kinder das Gemäuer mit eigenen Augen sehen.“ Der Union Jack flattert vor der Colditzer Pension, und Gorny ist stolz darauf, allein in diesem Monat wieder in vier überregionale britische Zeitungen fast halbseitige Artikel über Colditz lanciert zu haben. „So eine Werbung könnte unser Tourismusbüro nie bezahlen. Ich schätze, das lesen an die zwei Millionen Leute, die vielleicht bald unsere Stadt besuchen.“

Gorny, der 2008 selbst unabhängiger Bürgermeisterkandidat in Colditz war und 13 Prozent der Stimmen holte, geht am Sonntag nicht zur Wahl. Keiner der fünf Kandidaten habe sich für ihn interessiert, als er gejagt wurde: „Ich finde, sie reden alle an der Realität vorbei.“ Eine Flucht aus Colditz komme für ihn aber nicht in Frage: „Colditz hat mich krank gemacht, vielleicht macht es mich wieder gesund. Colditz ist mein Schicksal.“

Von Haig Latchinian

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