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Grimma Persönlichen Erinnerungen zu 90 Jahre Töpferbrunnen
Region Grimma Persönlichen Erinnerungen zu 90 Jahre Töpferbrunnen
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20:02 11.05.2018
Geburstagskind in Kohren-Sahlis: Der Töpferbrunnen, Wahrzeichen der Stadt, wird 90 Jahre alt. Quelle: Jens Paul Taubert
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Kohren-Sahlis

Günter Barthel hat nicht nur über die Geschichte des Töpferbrunnens geschrieben, er hat auch persönliche Erinnerungen daran. Überhaupt kennt sich der 76-jährige Heimathistoriker mit der Vergangenheit seiner Stadt bestens aus. Stolz ist er auf sein Geburtshaus, ein schönes Fachwerkhaus mit Blumenkästen, wo er bis heute lebt. Lächelnd sitzt der Senior im Sessel seines Wohnzimmers und sagt: „In diesem Raum bin ich geboren.“

Heimathistoriker Günter Barthel kennt Details aus der 90-jährigen Geschichtes des Töpferbrunnens in Kohren-Sahlis. Quelle: Jens Paul Taubert

Wenn er über den Töpferbrunnen erzählen soll, muss er auch übers fehlende Wasser in Kohren sprechen. Der Ort liegt auf dem Berg, „da war es mit dem Wasser immer schwierig“. Lange Zeit mussten die Bewohner weite Wege zum Brunnen laufen. Große Modernisierung: Über ein Schöpfwerk wurde das Wasser in Hochbehälter gepumpt und durch Rohre zu Zapfstellen geleitet, damit wenigstens jede Straße eine Wasserstelle hatte.

Kohrener fanden den alten Brunnen klein und hässlich

Der alte Brunnen auf dem Markt wurde deshalb nicht mehr gebraucht. Er war ohnehin ein Ärgernis, weil die Kohrener ihn klein und hässlich fanden. Schon damals, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, waren Ausflügler für die Stadt wichtig. Die Einwohner schimpften, dass dieses kümmerliche Bauwerk auf dem Marktplatz doch kein Aushängeschild sei. Außerdem stand der Wasserspender dauernd im Weg. Wenn Fuhrgeschäfte die gefällten Bäume zum Sägewerk transportierten, kamen sie oft schwer daran vorbei.

1912 wurde zum ersten Mal diskutiert, dass ein neuer schöner Brunnen – einige Meter versetzt wegen der Fuhrwerke – den Markt schmücken sollte. Doch es dauerte 16 Jahre, bis er geweiht werden konnte. Streitereien und Weltgeschichte verzögerten die Sache immer wieder.

Opel fahrender Pfarrer spendete 6000 Mark

Dem Töpferhandwerk ging es damals nicht gut. „Die Zahl der Töpfereien nahm ab, weil es neue Materialien gab“, sagt Barthel. Billiges Steingutgeschirr zum Beispiel, das ewig hielt. Die Töpfer mussten sich neu orientieren, sich auf Ziergeschirr spezialisieren.

Immer mehr Betriebe starben, die Kohrener Töpferinnung löste sich auf. „Der Sächsische Heimatschutz warnte damals, dass man das Töpferhandwerk nicht kaputt gehen lassen darf“, weiß der Kohrener.

So sei man auf die Idee gekommen, den Neubau des Brunnens mit einer Ehrung dieser Zunft zu verbinden. Sogar Geldsegen gab es. Der Pfarrer Heinrich Jentsch spendete 6000 Mark. Dieser Pfarrer, ein Schwiegersohn des Rittergutsbesitzers, war ein Original der Stadt. Er hatte zum Beispiel das erste Auto in Kohren, einen Opel.

Erster Weltkrieg und Inflation verzögerten Bauprojekt

Doch Idee und Geld genügten nicht. Das Vorhaben ging nicht voran, es wurde viel und lange diskutiert. Der Erste Weltkrieg erschütterte das Land, später entwertete die Inflation die großzügige Spende des Pfarrers.

Dennoch hielten die Stadtväter am neuen Brunnen fest. Der Sächsische Heimatschutz, der dem Innenministerium unterstand, gab schließlich 8000 Euro. Weitere 3000 Euro musste die Gemeinde selbst aufbringen. Das Baugeschäft Fritz Wilhelm Striegler sorgte für den Unterbau. Dort war Günter Barthels Vater als Maurer beschäftigt. „Mein Vater mauerte mit am achteckigen Kern des Brunnens“, sagt der Sohn heute nicht ohne Stolz.

Dralle Töpfersfrau thront auf dem Brunnen. Quelle: Jens Paul Taubert

Den Auftrag für die keramische Gestaltung erhielt der einheimische Töpfer Kurt Feuerriegel (1880-1961). Er krönte seinen Brunnen mit der Plastik einer derben Töpfersfrau, die Krüge und Formen unter den Armen und in den Händen hält. Sie sollte an all die Frauen erinnern, die Töpferwaren auf den Märkten verkauften und so das Einkommen ihrer Familien sicherten.

Reliefs zeigen typische Arbeitsgänge des Handwerks

Die acht Felder des darunter liegenden so genannten Oktogons enthalten Reliefs, die typische Arbeitsgänge dieses Handwerks zeigen: Ton aus der Erde graben, modellieren, auf der Scheibe drehen, bemalen und glasieren sowie die Waren brennen.

Wenn Günter Barthel und seine Frau Siegrid die Figuren betrachten, erkennen sie Menschen von früher wieder. „Mein Lieblingsbild ist das Mädchen mit den blonden Zöpfen“, sagt die 75-Jährige. Eine Kohrenerin erzählte ihr einst, dass sie als Kind Kurt Feuerriegel Modell stand. Er habe damals zu ihrer Mutter gesagt, er brauche ein Mädchen mit blonden Zöpfen.

Ihr Mann mag den weinenden Jungen, den ebenfalls ein Relief zeigt. Er weint, weil er einen Krug zerbrochen hat. Das war damals „eine Katastrophe“, weiß der Heimathistoriker. Den Jungen kennt er gut, „das war mein Freund“, einige Jahre älter als er selbst. Wie er Modell in der Töpferei wurde, kann er nicht sagen. Aber jedes Mal, wenn er an dem Brunnen vorbei geht, muss er an ihn denken.

Menschenmassen zur Brunnenweihe im Juni 1928

Auch zahlreiche Anekdoten dieser Zeit kennt das Paar. Zum Beispiel hatte Feuerriegel seine Brunnenverzierung bereits 1927 fertig und schimpfte, weil er die vielen Einzelteile in seiner Werkstatt lagern und immer darüber steigen musste.

Die Brunnenweihe im Juni 1928 war ein Großereignis. Menschenmassen drängten sich auf dem Markt. Alle waren festlich gekleidet, die Männer trugen Zylinder.

Doch schon bald gab es Ärger. Obwohl Feuerriegel empfohlen hatte, die Keramik im Winter zu schützen, hatte man auf eine Einhausung verzichtet - aus Geldgründen. 1928/29 war ein strenger Winter mit Temperaturen bis Minus 35 Grad. So platzte die Glasur hier und da ab. Auch wieder nach langer Diskussion wurde das Bauwerk Jahre später im Winter geschützt. 1946 wurde es nochmals stark beschädigt: Ein Auto fuhr dagegen.

Zu DDR-Zeiten habe der Brunnen außerdem stark unter dem sauren Regen gelitten, erzählen die Barthels. 1953, zur 500-Jahrfeier der Stadt, legte Senior Feuerriegel selbst noch mal Hand an und wechselte einige Kacheln aus. Die große Restaurierung jedoch fand 2004 bis 2006 statt. Die Leipzigerin Silke Rohner erneuerte die gesamte Keramik.

Ausstellung im Museum mit Beschwerde des Ofensetzers

Dem Geburtstagskind wird derzeit eine Ausstellung im Kohrener Töpfermuseum gewidmet. Zu sehen sind Keramiken von Feuerriegel, die Matrize des weinenden Jungen, eine alte Wasserleitung und dicke Akten jener Zeit. So beschwerte sich beispielsweise der Ofensetzer Karl Kraus, der am Vorhaben mit beteiligt war, beim Bürgermeister, dass dieser ihn in seiner Rede zur Einweihung nicht erwähnte. Er hatte sich eine gewisse Werbung dadurch versprochen.

Welche Rolle der Töpferbrunnen heute für die Kohrener spielt? „Er ist nach wie vor unser Wahrzeichen“, ist sich Siegrid Barthel sicher. „Wenn Klassentreffen sind, geht es nicht ohne Foto am Brunnen. Das gehört einfach dazu.“ Sie mag auch das Gedicht von Börries Freiherr von Münchhausen auf der Tafel unter den Reliefs. Darin heißt es über ihren geliebten Heimatort:

„Städtlein reich gesegnet,

Ob es schneit, ob’s regnet,

Was dir auch begegnet,

Städtlein sei gesegnet!“

Die kleine Ausstellung über den Töpferbrunnen ist im Töpfermuseum, Baumgartenstraße 18, in Kohren-Sahlis bis August zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 13 bis 17 Uhr. Eintritt Erwachsene zwei Euro, ermäßigt ein Euro.

Von Claudia Carell

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