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Peter Franke aus Ammelshain schafft Kunst zum Be-greifen

Ausstellung Peter Franke aus Ammelshain schafft Kunst zum Be-greifen

Neuen Lebensmut nach einer schweren Krise fand Peter Franke aus Ammelshain. Zwar verliert er zunehmend seine Sehkraft, Halt findet er aber in einer Kunst, die nicht nur mit dem Auge gesehen, sondern im Wortsinn be-griffen werden will.

Auch Kerzenständer entstehen wieder unter den Händen von Peter Franke, jetzt allerdings nicht mehr gedrechselte, sondern geschliffene.

Quelle: Thomas Kube

Naunhof/Ammelshain. „Man sollte sich mit einer schweren Krankheit nicht zurückziehen, sondern eine Aufgabe suchen.“ Peter Franke sagt den Satz bedächtig, denn er weiß, wie qualvoll es sein kann, ihn in die Tat umzusetzen. Hinter dem Ammelshainer, der zunehmend sein Augenlicht verliert, liegt eine Krise, die es in sich hatte. In der Holzkunst fand er jedoch Erfüllung, und in Ausstellungen die Bestätigung. Die neueste wird jetzt im Naunhofer Turmuhrenmuseum eröffnet.

Stunde um Stunde geht der 65-Jährige erst mit grobem, dann mit immer feinerem Schleifpapier über die Baumscheibe, die ihm Lutz Lehmann, ein Tischler aus dem Ort, mit der Kettensäge zurechtgeschnitten hat. Der Oberfläche nimmt er geduldig das Raue; spiegelglatt offenbart sie in der Maserung des Holzes ihr bisher verborgenes, aber wirkliches Antlitz. In seiner Gänze vermag es Peter Franke allerdings nicht zu sehen.

28 war er, als er die Diagnose Makula-Degeneration erfuhr. Helfen konnten ihm die Ärzte nicht. Die häufigste Erblindungskrankheit in westlichen Industrieländern gilt als unheilbar. In der Mitte des Gesichtsfelds verlor er die Sehkraft, ein Kreis, der sich immer weiter ausdehnte und nur noch in der Peripherie Erkennbares übrig ließ.

2008 musste Franke seinen Beruf an den Nagel hängen. Hatte er bei der Reichsbahn und später bei der Deutschen Bahn noch im Qualitätsmanagement gearbeitet, mit Ultraschall Schweißnähte und Laufräder überprüft, sollte er nun daheim bleiben in dem Haus, das er mit seiner Frau Christine 1993 gebaut hatte. „Ich fiel in ein tiefes Loch, wurde von Depressionen geplagt“, gibt er preis. „Die Wertlosigkeit, die ich fühlte, hat mich noch kränker gemacht.“

Der deutschlandweit agierende Verein Pro Retina, dem er beitrat und über den er inzwischen selbst andere Betroffene berät, verhalf ihm zur innerlichen Wende. „Betrachte nicht die Vergangenheit, also das, was nicht mehr geht, sondern suche etwas anderes, was noch geht“, hießt es dort. Franke entschied sich, an etwas Vergangenes anzuknüpfen und zu Neuem zu modifizieren. „Das war ein Segen für ihn“, kommentiert Christine Franke (66), mit der er seit über 40 Jahren verheiratet ist.

Holz ist das Material, auf das er sich zurückbesann. In jungen Jahren hatte er gedrechselt, was das Zeug hielt: Tische, Kerzenständer, Blumenhocker. Mal als Geschenkidee, mal auf Nachfrage als Auftragsarbeit. Alles, was es in den Läden der DDR nicht so ohne weiteres gab.

In der Lage wäre er nicht mehr, die Maschinen zu bedienen. Da sich aber mit der sinkenden Leistungsfähigkeit des Auges jene des Ohrs verbessert, horcht er sofort auf, wenn in Ammelshain irgendwo eine Kettensäge ertönt. „Dann lasse ich alles stehen und liegen“, bekennt er. Bäume, die wegen Baumaßnahmen oder, weil sie krank sind, gefällt werden, haben es ihm angetan. Von ihnen sucht er sich jene Abschnitte, von denen er sich etwas Besonderes verspricht. Das können ungewöhnliche Wuchsformen sein, aber auch Stämme, die innen morsch sind und deshalb nach dem Aushöhlen originelle Durchblicke bieten.

Durchgreifen und Durchblick

Durchgreifen und Durchblick: Dieses hohle Stück eines Apfelbaums kann in zweierlei Hinsicht wahrgenommen werden. Den Tisch hat Peter Franke aus einer 95 Jahre alten Eiche gefertigt, er bringt es auf einen Durchmesser von 1,15 Metern.

Quelle: Thomas Kube

Die Auswahl trifft der Autodidakt mit den Händen. Aus dem Rohstoff erschafft er seine Unikate nicht nur hauptsächlich mit dem Tastsinn, sondern fordert den Betrachter auch auf, diese im wahren Wortsinn zu be-greifen. „Die Besucher meiner Ausstellungen sollen sie berühren“, sagt er. Die Magie, die seiner Kunst innewohnt, entfaltet sich am intensivsten durch die Kombination aus Augen- und Hautkontakt.

Ihm selbst sichert sie den Kontakt zum sozialen Umfeld, wie sich beispielsweise im März bei einer sehr erfolgreichen Ausstellung in der Grimmaer St. Georgenkapelle zeigte. Raus aus der Isolation und neue Menschen kennenlernen, das gilt ihm als das Wichtigste an seinem eingeschlagenen Pfad. „Wenn das gelingt, ist es Erfüllung“, weiß er.

Ausstellungseröffnung am 29. Oktober, 15 Uhr, im Turmuhrenmuseum Naunhof, Ungibauerstraße 1

Von Frank Pfeifer

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