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Pflegemutter Simone Bohne aus Hohnbach erhält in Dresden den Sächsischen Bürgerpreis

Preisverleihung Pflegemutter Simone Bohne aus Hohnbach erhält in Dresden den Sächsischen Bürgerpreis

Kaum einer kennt die Abgründe der Gesellschaft so gut wie Simone Bohne. Die Hohnbacherin springt als ehrenamtliche Pflegemutter ein, wenn Kleinkinder in Notlagen geraten und in Sicherheit gebracht werden müssen. 45 Mädchen und Jungen gingen bereits durch ihre fürsorglichen Hände. In Dresden wurde die 59-Jährige jetzt mit dem Sächsischen Bürgerpreis geehrt.

Zur Auszeichnung mit dem Sächsischen Bürgerpreis in der Dresdener Frauenkirche mit Ministerpräsident Stanislaw Tillich (2.v.l.) – die Hohnbacherin Simone Bohne (M.).

Quelle: Matthias Rietschel

Colditz/Hohnbach. Ministerpräsident Stanislaw Tillich gratulierte höchstpersönlich und dankte ihr von Herzen. Was er wohl gesagt haben mag? „Keine Ahnung, die Leute haben so laut geklatscht – ich konnte kein einziges Wort verstehen“, sagt Simone Bohne noch immer sichtlich bewegt. Für ihr soziales Engagement wurde sie dieser Tage in der Dresdener Frauenkirche mit dem Sächsischen Bürgerpreis geehrt.

Dabei ist die 59-Jährige einigen Lärm gewöhnt. Sie ist die Mutter Courage von Hohnbach und braucht das laute Kinderlachen wie der Skispringer den Aufwind. Seit 1986 umsorgte sie als ehrenamtliche Pflegemutter 45(!) Mädchen und Jungen. Mal 14 Tage, mal 19 Jahre! 19 Jahre, so alt ist Mandy inzwischen. Mit drei Monaten kam sie einst in das kleine Dorf bei Colditz, mittlerweile ist sie in der Ausbildung, wohnt im Internat und besucht alle 14 Tage die Mutti. Mutti, so nennt sie ihre Pflegemama Simone: „Ich bin froh und glücklich, in dieser Familie aufgewachsen zu sein.“

Ashley, die Kleine mit der Plüscheule im Arm und der roten Blume im Haar, drückt mit ihren acht Jahren inzwischen die Schulbank. Wirbelwind Vanessa, knapp zwei Jahre jung, gibt dagegen erst Ruhe, wenn ihr „Mama“ die Gummibärchen reicht und sie auf dem Handy tippen lässt. Simone Bohne ist in dauernder Bereitschaft, hat derzeit noch ein Bettchen frei. Daher kann jeden Moment das Telefon klingeln. Immer dann, wenn das Jugendamt einen Notfall meldet – ein Kind, das von jetzt auf gleich ein neues Zuhause braucht.

Eine alleinstehende Mutter, die plötzlich erkrankt und nicht weiß, wohin mit dem Kind. Neugeborene, deren weiterer Verbleib unklar ist. Anrufer, die besorgt sind, weil das Nachbarkind seit Stunden schreit – die Gründe, weshalb Behörden eingeschaltet würden, seien sehr verschieden, sagt Simone Bohne: „Bevor die Mitarbeiter vom Jugendamt raus fahren, klingeln sie durch und fragen an, ob ich bereit zur Aufnahme bin.“ Oft kläre sich das Problem vor Ort, im Schnitt nach jedem zehnten Anruf stünde aber ein neuer kleiner Erdenbürger vor ihrem Haus.

Ria Albrecht vom Jugendamt Grimma hatte die Hohnbacherin für den Preis vorgeschlagen: „... weil sie keinen Weg scheut, die Kinder auch zu den Treffs mit den leiblichen Eltern begleitet. Das ist oft nicht leicht, vor allem dann, wenn das Umfeld von Drogen und Gewalt geprägt ist. Frau Bohne fragt nicht viel nach, sie ist sorgsam, sensibel und begegnet den Eltern vorurteilsfrei.“

Die Hohnbacher Mutter Courage ist sechsfache Oma, ihre Pflegekinder behandelt sie so wie einst die eigenen drei Kinder Katharina, Doreen und Michael. Sie selbst stammt aus einer kinderreichen Familie, genauso wie ihr Mann Jürgen, der sieben Geschwister hat. Kinder – das ist für sie Berufung, obwohl sie nie Erzieherin oder Lehrerin werden wollte. Simone Bohne ist gelernte Sachbearbeiterin, war zu DDR-Zeit beim VEB Stern-Radio in Rochlitz beschäftigt. Sie wurde arbeitslos, durchlief ABM und Weiterbildungen, bis sie erfuhr, dass das Jugendamt noch Pflegeeltern sucht.

Simone Bohne mit einem ihrer Schützlinge im heimischen Bällebad

Simone Bohne mit einem ihrer Schützlinge im heimischen Bällebad.

Quelle: Frank Schmidt

Die Fahrten zu Ärzten, Psychologen und Therapeuten – Pflegemutter sei ein Full-Time-Job. Für den es allerdings keinen Lohn gibt. „Die Familie lebt vom Verdienst meines Mannes. Der arbeitet als Lagerlogistiker. Zusätzlich gibt’s Pflegegeld, das aber ausschließlich für die Kinder gedacht ist: Gedeckt werden damit etwa die anteiligen Kosten für Wasser, Strom und Heizung, für Essen, Kleidung und Schulsachen...“ Nein, sie sehe sich nicht als Heldin. Im Gegenteil: „Ich bin stellvertretend für viele andere Pflegeeltern ausgezeichnet worden. Wir kennen uns gegenseitig, sind miteinander vernetzt. Alleine kannst du das ohnehin nicht leisten. Ohne Jürgen würde es nicht funktionieren. Wenn ich mit dem einen Kind unterwegs bin, kümmert er sich um das andere – sofern er nicht auf Schicht ist. Und auch die erwachsenen Kinder, selbst die Nachbarn springen ein.“

Familie Hänsel etwa betreute Vanessa, als Frau Bohne in Dresden ausgezeichnet wurde. Tochter Katharina kümmerte sich in der Zeit um Ashley. Sonja Schilde, Stadträtin in Colditz und selbst Hohnbacherin, ist voll des Lobes über die uneigennützige Frau, die in ihrem Garten sogar für Schaukel, Wippe und Rutsche gesorgt hat: „Da kann man nur den Hut ziehen. Mitunter kommen verwahrloste Kinder, die mit drei Jahren noch nicht sprechen können, die gewickelt werden müssen oder keinerlei Sättigungsgefühl kennen. Für die Mädchen und Jungen ist die Adresse in Hohnbach ein Hauptgewinn. Sie werden eben nicht ins Heim abgeschoben, sondern leben in einer ganz normalen Familie“, sagt Sonja Schilde, deren Sohn Karsten und Schwiegertochter Grit auch regelmäßig aushelfen, wenn die Bohnes mal eine Auszeit brauchen.

Die Mitarbeiter des Landratsamtes in Borna freuen sich sehr über Simone Bohnes Ehrung: „Wenn man so will, ist sie ehrenamtlich immer im Dienst. Ob in den späten Abendstunden, feiertags oder am Wochenende – als Pflegemutter und in der Bereitschaftspflege“, sagt Gleichstellungsbeauftragte Konstanze Morgenroth: „Sie hat sich den Preis redlich verdient.“

Die Kinder seien wichtiger als jeder Preis, sagt die Geehrte. Ihnen Sicherheit zu geben, den Übergang zu ermöglichen – das sei ihre Aufgabe. Natürlich falle es schwer, irgendwann loszulassen, den Kontakt abbrechen zu müssen, um Familien die Ruhe für einen Neubeginn zu geben. Wie auch immer: Vielleicht klingelt in Hohnbach ja heute schon wieder das Telefon. Dann heißt es: „Frau Bohne, wir haben ein Kind für sie.“ Mutter Courage wird helfen, ohne wenn und aber.

Von Haig Latchinian

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