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Grimma Sachsens dienstältestem Clown fällt das Lachen schwer
Region Grimma Sachsens dienstältestem Clown fällt das Lachen schwer
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07:00 16.12.2016
Seit über 20 Jahren verbirgt sich hinter der roten Nase sein zweites Ich: Clown Maitre alias Eckhard Zeugner (57). Bekannt geworden in Leipzig auch als einer von wenigen Klinikclowns.  Quelle: Leipzig report
Grimma/Leipzig

 Ihm gehe es gut – der Welt aber schlecht. Eckhard Zeugner winkt ab. Bevor er weiter redet, hat er einen Wunsch: „Nenn’ mich Ecki, Eckhard das tut ja gleich doppelt weh.“ Und Tiefschläge musste er, der prominenteste und dienstälteste Clown von Sachsen, in diesen Tagen schon einige einstecken. Stichwort: Grusel-Clowns. Meldungen überschlugen sich, wonach Clowns mit Horror-Masken weltweit die Straßen unsicher machten, arglose Passanten beinahe zu Tode erschreckten und sogar attackierten: „Ist das nicht krank?! Ausgerechnet der Liebling aller Kinder, der Clown, wird zum Buhmann.“

Verrohung der Gesellschaft

Sicher, der Zwang zur Maskerade nehme in der Gesellschaft zu, sagt Ecki. Selbst der Bankdirektor im Nadelstreifenanzug sei kostümiert. „Unsere Aufgabe ist es, allen den Spiegel vorzuhalten.“ Clowns wollten es nicht krachen lassen, sie wollten ein Lachen. „Wenn nun aber Verbrecher als Clowns Angst und Schrecken verbreiten, dann ist das für unsere Zunft ein schwerer Imageschaden. Nächstens verkleiden sich die Straftäter noch als Weihnachtsmann.“

Ecki Zeugner als Klinkclown im Einsatz. Jetzt will der Grimmaer im Kinderhospiz Bärenherz anheuern. Quelle: LVZ

Ob als Knecht Ruprecht, Osterhase oder eben Clown Maître – der bekennende Rikschafahrer Ecki gilt in seiner Heimatstadt Grimma seit jeher als bunter Hund. Der gelernte Maschinen- und Anlagenmonteur parliert mit Erfahrungen wie der Zirkusjongleur mit Bällen: Im Colditzer Porzellanwerk arbeitete er in der Formgestaltung, war Gebrauchswerber beim Konsum, dekorierte Schaufenster, Weihnachtsmärkte und Jugendweihebühnen. Als Küster in Frauen- und Friedhofskirche kümmerte er sich um alles, was den anderen eher lästig war. Ende August 1989 wurde er gar zum Republikflüchtling, blieb nach einem Verwandtenbesuch im Westen: „Zu der Zeit wusste ja noch niemand, was der Herbststurm bringen würde.“ Er baute in Frankfurt am Messeturm mit, versuchte sich als Metallschlosser an Ofenrohren: „140 Prozent, Akkord ist Mord, da guckte keiner hoch.“

Der Vater von zwei Kindern bekam Heimweh, wollte nur noch zurück. Gesagt, getan. In Grimma übernahm er ein geschichtsträchtiges Haus am Markt, kellnerte im Hotel „Stadt Grimma“ und eröffnete sein legendäres „Kräutergewölbe“ – Motto: Wer nichts wird, wird Wirt. Zuvor hatte er bereits eine Werbeagentur gegründet: „Das war auch die Geburtsstunde von Clown Maître. Ich bekam den Auftrag, das Fest für ein Autohaus kulturell zu umrahmen. Weil ich nicht das Geld hatte, noch irgendwelche Darsteller zu engagieren, schlüpfte ich selbst in die bunte Haut und setzte mir die rote Nase auf.“

Neuanfang nach dem Neuanfang

In jedem stecke ein Clown, ist sich der Mittfünfziger sicher. Nur die wenigsten – und dabei meint er ausdrücklich nicht die Grusel-Clowns – hätten den Mut, es zu zeigen. Dabei sei es eine Herausforderung, andere zum Lachen zu bringen. Und das um so mehr, als es auch Ecki selbst nicht immer zum Lachen zumute war. Er erinnert an die Flut 2002 und 2013: „In Grimma habe ich das erste und das zweite Wasser erlebt, ich musste aus der Kneipe schwimmen. Die braune Brühe stand das eine Mal bis zu 3,20 Meter hoch, das nächste Mal Unterkante Oberlippe.“ Zwar ist das „Kräutergewölbe“ (Grimmas ältestes Lokal) inzwischen Geschichte, doch für Familienfeiern und Stadtführungen öffnet Ecki sein Reich noch immer: „Der Neuanfang nach dem Neuanfang kostete viel Kraft, ich freue mich aber, wenn sich die Gäste in meiner alternativen Heimatstube zwischen all den Puppen wohlfühlen.“

Ein Vorbild für Zeugner: Oleg Popow starb Anfang November im Alter von 86 Jahren. Quelle: dpa

Ecki suchte und sucht neue Herausforderungen: Es reichte ihm nicht mehr, auf Dorffesten den netten Winkeonkel mit der roten Nase zu mimen. Mit zwei Gleichgesinnten gründete er 2003 den Verein der Leipziger Klinik-Clowns. „Liebe ist ein Überfluss an Kraft, die nur den erfüllt, der nicht an sich selbst denkt.“ Er fuhr mit dem Zug immer wieder nach Leipzig, um krebskranken, schmerzgeplagten Kindern ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. „Lachen hilft heilen.“ Aus der anfänglichen eher oberflächlichen Clownerie wurde ein tieferer Sinn, eine echte Bestimmung. Er besuchte Workshops des bundesweiten Bündnisses der Clowns, wollte bewusster, besser werden. Gestik, Mimik, Rhetorik: „Als Clown wirst du zwar geboren und menschliche Wärme ist das Allerwichtigste, trotzdem musst du immer weiter an dir arbeiten.“

Auf der Bettkante im Krankenhaus könne man nicht wie bei einem Firmenvergnügen mit Kinderschminken anfangen: „Die Kleinen leiden. Da hast du oft nur wenig Zeit. Musst wegen der Ansteckungsgefahr Distanz halten. Ich gehe ganz auf Augenkontakt. Die Augen sind für mich der Zugang zur Seele.“ Als Klinik-Clown brauche man zudem eine gehörige Portion Galgenhumor: „Im Mittelalter stand der zum Tode Verurteilte am Montagmorgen unterm Galgen. Bevor man ihm den Strick um den Hals legte, sagte er: Na da fängt die Woche aber gut an.“

Jeden Abend eine Leiche

Ecki kann nur den Kopf schütteln, wenn er die Programmspalten der Fernsehillustrierten überfliegt: „Mord und Totschlag, wo auch immer du hinguckst. Soko Wismar, Soko Wien, Soko Weimar ... jeden Abend eine Leiche. Frau dreht Mann durch Fleischwolf, wir reden mit den Klöpsen! Ich weiß, warum ich keine Glotze habe.“ Von den Horror-Clowns hat er aus der Zeitung erfahren und auch vom Tod seines großen Vorbilds Oleg Popow: „Ich habe den berühmten russischen Clown noch selber erlebt, im Dresdener Kulturpalast. Unvergesslich seine Zaubernummer, bei der ein Mäuschen per Fallschirm einschwebt.“ Es sei womöglich kein Zufall, dass Popow ausgerechnet in diesem Jahr von uns ging. „Was wird er wohl gedacht haben, als er von den Grusel-Clowns gehört hat?!“

Eckehard Zeugner gibt nicht auf. Er hat sich als Clown im Markkleeberger Kinderhospiz „Bärenherz“ beworben. Wenn er darf, möchte er dort gerne als „Spaßmacher“ in der Sterbebegleitung arbeiten. „Das ist natürlich das ganz hohe Fach für einen Clown. Im Angesicht des Todes für Kurzweil zu sorgen.“

Angriffe von Horror-Clowns in ganz Deutschland

 

Quelle: dpa
  • In Duisburg tauchten zwei mit Horror-Masken verkleidete „Clowns“ auf dem Schulhof einer Gesamtschule auf und erschreckten mehrere Kinder. Nachdem sich diese Hilfe bei zwei Erwachsenen suchten, schlug einer der „Clowns“ wohl mit einem Baseballschläger auf einen 30-jährigen Helfer ein. Der musste sich im Krankenhaus behandeln lassen.
  • Im Saarland erschreckte ein „Clown“ mehrere Zugreisende und bedrohte sie mit einem Messer. Zwei Stunden später erwischten die Ermittler den mutmaßlichen Täter – einen polizeibekannten, betrunkenen 26-Jährigen. Die Maske und das Messer wurden sichergestellt. Ein Strafverfahren wegen Nötigung wurde eingeleitet.
  • Eine Autofahrerin in Niedersachsen entdeckte bei Rotenburg auf einer Landstraße zwischen Hesedorf und Beyern einen „Clown“, der am Straßenrand an einem Baum lehnte. Vor Schreck verlor die 19-Jährige einen kurzen Moment die Kontrolle über ihren Wagen. Im Rückspiegel erkannte sie, dass der Grusel-Clown mit einem Baseballschläger bewaffnet war und diesen aggressiv gegen sie erhoben hatte. Die Frau erstattete Anzeige gegen Unbekannt.
  • Ein als Clown verkleideter Mann hat einen Jugendlichen in Kassel so sehr erschreckt, dass er fast von einem Auto erfasst worden wäre. Der 16-Jährige war mit seinem 19-jährigen Bekannten unterwegs, als die beiden einen verkleideten Mann entdeckten, der sich hinter einem Auto versteckte. Als sie vorbeigingen, sprang der etwa 1,85 Meter große „Clown“ hervor und erschreckte die beiden. Die Jugendlichen flüchteten, der mit gelb-grünem Kostüm und Maske bekleidete „Clown“ sprintete hinterher. Schließlich stürzte der 16-Jährige beim Wechsel der Straßenseite auf die Fahrbahn. Nur durch eine Vollbremsung konnte ein Unfall vermieden werden.
  • Ein 17-jähriger Radfahrer in Bonn sah nach Angaben der Polizei, wie eine als „Clown“ verkleidete Person mit einem Messer in der Hand aus einem Gebüsch kam. Dabei habe sich der Jugendliche erschrocken und sei mit seinem Fahrrad auf ein Rasenstück gestürzt. Verletzt habe er sich dabei nicht. Der 17-Jährige sei dann aufgestanden, habe den „Clown“ nach eigenen Angaben getreten und geschlagen. Danach sei er wieder auf sein Rad gestiegen. Er habe sich bedroht gefühlt und erstattete deshalb Anzeige.
  • In Hagenow (Mecklenburg-Vorpommern) sprang eine Person im Clownskostüm und mit geschminktem Gesicht hinter einem Toilettenhaus hervor und lief mit erhobenem Messer auf eine 25-jährige Frau zu. Diese nahm ihr Pfefferspray und sprühte es dem Täter ins Gesicht, woraufhin er von ihr abließ und flüchtete.
  • In Datteln (NRW) sprangen zwei Personen mit Masken auf die Fahrbahn. Mehrere Autofahrer mussten scharf bremsen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Zeugen riefen daraufhin die Polizei. Dank der guten Personenbeschreibung des Mannes mit Totenschädel und der Frau mit Clowns-Maske gelang es den Beamten, eine 35-Jährige und einen 28-Jährigen in einer Wohnung ausfindig zu machen. Dort fanden die Beamten die Clowns-Maske.
  • Ein 33-Jähriger erlitt in Gelsenkirchen nach einem Grusel-Clown-Angriff mit einem Messer eine Schnittwunde. Angaben der Polizei zufolge war das Opfer gehörlos.
  • Besonders makaber war ein Fall aus Sachsen-Anhalt. „Ihr werdet alle sterben“ stand auf einem Plakat, das ein Grusel-Clown an einer Grundschule in Stendal in der Hand hielt.
  • In Wesel (NRW) erschreckte ein Maskierter eine Frau mit einer Kettensäge. Ein Glück, dass bei ihm die Säge klemmte. Ebenfalls wurde am Bahnhof ein als „Clown“ verkleideter Mann beobachtet, der mit einer Pistole hantierte und ein Messer mit sich führte.

Von Haig Latchinian

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