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Grimma Schlaflos in Mutzschen: Wenn die Biker zum Schloss rollen
Region Grimma Schlaflos in Mutzschen: Wenn die Biker zum Schloss rollen
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14:08 06.10.2018
Wilhelm Eichner wohnt in Mutzschen in der Straße Zum Schloss und beklagt Tempo, Lärm und Abgase der Biker, die seit Eröffnung des Moto Soul an seinem Haus vorbeikommen. Quelle: Frank Prenzel
Grimma/Mutzschen

Das vor einem Jahr eröffnete Soul Kitchen im sanierten Torwächterhaus des Mutzschener Schlosses mausert sich zu einer beliebten Einkehr. Und wie von Schlossherrin Deborah Hey erhofft, lassen die Biker aus Nah und Fern ihr Moto Soul nicht links liegen, sondern steuern Restaurant und Events wie das Musik-Festival im August gern an. Etwa die Hälfte der einkehrenden Gäste rollt auf zwei Rädern an.

Denkt auch über die Zufahrt nach: Mutzschens Schlossbesitzerin Deborah Hey mit dem Plan für ihr Moto Soul. Quelle: Frank Prenzel

Wilhelm Eichner indes hat das wachsende Verkehrsaufkommen längst in schlaflose Nächte gestürzt. Sein Haus steht in der Straße Zum Schloss, der einzigen Zufahrt zum Schlosshof. Was sich in der schmalen Straße am Wochenende abspielt, bezeichnet der 84-Jährige als „Horror für uns“. Krach und Gestank der Motorräder seien kaum noch zu ertragen. Wegen der Abgase müsse er die Fenster geschlossen halten. Nur zwei Meter von seinem Küchentisch entfernt würden die Biker durch die Straße donnern, ohne auf das vorgeschriebene Tempo 30 zu achten, klagt der Rentner. Der einstige Brunnenbauer lebt mit seiner Frau Renate Flemming (77) seit 40 Jahren in dem kleinen Haus, das er nach dem Mauerfall erworben hatte. Er glaubt, dass es nun unverkäuflich wird.

Stadt verweist auf Baugenehmigung

„Die pflastern hier durch“, schimpft der Senior. Wenn er etwas sage, werde ihm noch der Stinkefinger gezeigt. Eichner weist auf die Straße, die keinen Bürgersteig besitzt, und befürchtet, dass hier noch jemand „über den Haufen gefahren wird“. Bis zu 60 Biker zählt er an manchen Tagen. Seine Hilfe-Gesuche verhallten bislang. Im Ortschaftsrat geriet er mit Ortsvorsteher Carsten Graf sogar aneinander und wurde des Raumes verwiesen. Auch an die Stadt Grimma wandte sich der Rentner und zeigt sich von der schriftlichen Antwort des Oberbürgermeisters „tief enttäuscht“. Der Stadtchef verweist auf die gültige Baugenehmigung fürs Lokal im Torwächterhaus und auf das Landratsamt, das als Immissionsschutzbehörde „für sämtliche Lärmbelästigungen“ zuständig sei.

Wie berichtet, baut Investorin Hey das Schloss zum Hotel aus. Und im Schlosspark will sie ein Festivalgelände ebenso schaffen wie ein lauschiges Campingareal. Eichner treibt das den Schweiß auf die Stirn. Durch diese Schleuse, wie er seine Straße bezeichnet, könne der wachsende Verkehr unmöglich rollen. „Es müsste eine andere Zufahrt gebaut werden“, verlangt der 84-Jährige.

Investorin will Zufahrten neu planen

Deborah Hey und ihre Mitarbeiter nehmen die Bedenken ernst und mit dem Bebauungsplan für den Park werden ihren Worten zufolge auch Parkplätze und Zufahrt bedacht. Dennoch sei die Straße Zum Schloss für Mitarbeiter, Lieferanten und Gäste unverzichtbar. Als passionierte Bikerin weiß sie freilich, dass die Kradfahrer auch gern mal mit dem Gas spielen. „Wir weisen sie dann darauf hin, das beim nächsten Mal zu lassen“, erzählt die 55-jährige Unternehmerin. Das werde in der Regel befolgt.

Park & Ride an der Autobahnabfahrt Mutzschen

Um den Moto-Soul-Verkehr künftig zu lenken, sind drei Überlegungen angedacht. Für das Hotel sind Parkplätze unterhalb der Terrassen geplant, so dass die Gäste über den Seilerberg fahren würden. Für Festivals möchte die US-Amerikanerin an der Mutzschener Autobahnabfahrt ein Park & Ride etablieren. Und für die Nutzer des künftigen Naturcamping- und Glampingareals im Sechs-Hektar-Park ist eine Zufahrt über die Mühlgasse angedacht. Der hier zum Schlosspark führende Feldweg und die Brücke übers Mutzschener Wasser müssen dazu allerdings ertüchtigt werden. Hey ist mit Landwirten im Gespräch, um am grünen Rand einen Parkplatz für die Camper zu errichten. „Wir arbeiten an Lösungen“, versichert sie.

Zur Eröffnung des Moto-Soul-Cafés im Schloss Mutzschen. Quelle: René Beuckert

Schlossherrin will Einklang mit Mutzschenern

Der Schlossherrin, die Millionen in das Areal stecken möchte, ist die Harmonie mit den Mutzschenern wichtig. Vorwiegend erhält sie positives Feedback für ihre Pläne. Auch von Sebastian Knust, dessen fünfköpfige Familie ebenfalls in der Straße Zum Schloss wohnt. „Ich bin froh, dass hier was passiert“, sagt der 35-Jährige. Die Biker würden ihn „überhaupt nicht“ stören. Hey lädt die Einwohner bei freiem Eintritt zu Veranstaltungen ein, der diesjährige Weihnachtsmarkt wird gemeinsam mit Vereinen und Firmen erstmals komplett im Schlosshof über die Bühne gehen. Die Gemeinschaft einzubinden, sei Teil des Projekts, sagt sie.

Grimmas Stadtchef stärkt Hey den Rücken

Die Mehrzahl der Mutzschener freue sich, dass mit dem Schloss endlich etwas passiert, bemerkt auch Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger. Heys Pläne seien ein Impuls und eine Chance für die ehemalige Kleinstadt. „Wir können heilfroh sein, jemanden gefunden zu haben, der sich der Sache mit so viel Engagement annimmt.“ Bleibt das Problem der Zufahrt. Man könne mit einer weiteren Geschwindigkeitsreduzierung reagieren, meint Berger auf LVZ-Anfrage. „Aber ob das hilft?“ Auch Geschwindigkeitskontrollen seien eine Möglichkeit. Durchgeführt wurden sie bislang aber nicht.

Von Frank Prenzel

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