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Schloss Colditz rettet die einzig erhaltene Tüchleinmalerei von Lucas Cranach

Denkmalschutz Schloss Colditz rettet die einzig erhaltene Tüchleinmalerei von Lucas Cranach

Kein Geringerer als der damalige Sächsische Hofmaler Lucas Cranach der Ältere bekam im 16. Jahrhundert den Auftrag, die Colditzer Gemächer von Kurfürst Friedrich dem Weisen auszugestalten. Die Werkstatt des bedeutenden deutschen Malers und Grafikers der Renaissance bespannte die Decke mit reich verzierten Tüchern. Reste dieser Tücher konnten jetzt konserviert und somit gerettet werden.

Ausschnitt des Tuches von Lucas Cranach d. Ä . von 1534. Das Kunstwerk ist auf Schloss Colditz zu sehen.

Quelle: Andreas Döring

Colditz. In der Nationalgalerie von Oslo hängt das Gemälde „Das goldene Zeitalter“ von Lucas Cranach dem Älteren. Das Bild um 1530 zeigt im Vordergrund allerlei entblößte Menschlein, dazu mehr oder weniger wildes Getier, im Hintergrund thront auf dem Felssporn ein Schloss. Der Leisniger Restaurator Thomas Schmidt konnte nachweisen, dass es sich dabei – anders als vielfach behauptet – nicht um das Torgauer, sondern das Colditzer Schloss handelt. Die damalige Kubatur des imposanten Bauwerks ist nahezu identisch mit der heutigen, nur der alte Gefängnisturm, der auf dem Gemälde noch zu sehen ist, steckt inzwischen im Kanzleihaus.

Schmidt weiß, dass Cranach eine besondere Beziehung zu Colditz hatte. Als Sächsischer Hofmaler und Hofarchitekt weilte dieser nicht nur im Schloss, um erlegte Jagdtrophäen des Kurfürsten zu malen, einen auf der Leipziger Messe erstandenen Edelsteintisch zu arrangieren oder das Muster des Holzfußbodens der Schlafkammer festzulegen. Seine Werkstatt war in Colditz auch mit der prunkvollen Deckengestaltung des kurfürstlichen Wohnzimmers beauftragt. Es war Restaurator Schmidt, der fast 500 Jahre später im ehemaligen „schönen Gemach“ des Fürstenhauses hinter doppelten und dreifachen Decken auf Reste der sogenannten Tüchleinmalerei stieß.

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Der deutsche Maler und Grafiker der Renaissance, Lucas Cranach d. Ä. hat im Auftrag Friedrich des Weisen dessen Schlosssitz in Colditz gestaltet. Teile der verzierten Tücher sind jetzt wiederentdeckt und aufgearbeitet worden.

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Regina Thiede, Museologin auf Schloss Colditz, präsentierte gestern exklusiv für die LVZ ein neun mal 153 Zentimeter langes, reich verziertes Tuch, das im 19. oder 20. Jahrhundert auf wundersame Weise ins Stadtmuseum kam. Bestärkt durch die Enthüllungen von Restaurator Schmidt beauftragte die Schlösserverwaltung die beiden Studentinnen Iris Masson und Marieluise Michaelis von der Dresdener Hochschule für Bildende Künste mit der Konservierung der verblichenen Leinwand. Die beiden Spezialistinnen leisteten ganze Arbeit: Die Ornamente in Temperatechnik, Weintrauben, Pfirsich und Akanthusblätter, erstrahlen inzwischen wieder in alter Farbenpracht. Die Schlösserverwaltung geht von unschätzbarem Wert aus: „Nach derzeitigem Erkenntnisstand besitzen wir die einzig erhaltene Tüchleinmalerei aus dem Hause Cranach“, so Regina Thiede, die das gute Stück möglichst bald im klimatisierten Magazin der Burg Kriebstein einlagern lassen will.

Renovierungen nach Stadtbrand von 1504

Die Ursprünge von Schloss Colditz reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück. Die einstige Burg an der Mulde wurde im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut. Nach dem Stadtbrand 1504 ließ Kurfürst Friedrich der Weise seine hochherrschaftlichen Gemächer mit Blick auf den Tiergarten neu errichten. Schloss Colditz galt als eine der Lieblingsresidenzen des bedeutenden Wettiners, der auch auf dem Fürstenzug in Dresden verewigt ist. Neuere Forschungen belegen, dass er in Colditz mehr Zeit verbrachte als in seinen Schlössern in Wittenberg oder Coburg. „Wir wissen das, weil genau dokumentiert ist, in welchem Schloss wann und wie viele Briefe rausgingen“, sagt Regina Thiede. Man besitze historische Inventarlisten und Grundrisse. Genau daran orientierte sich Restaurator Schmidt bei seiner sondierenden Bestandsuntersuchung: „Das gesamte Fürstenhaus besitzt noch immer den Deckenbestand aus dem 16. Jahrhundert.“

Im Schweiße seines Angesichts legte Michael Heiser, der langjährige Technische Leiter, das Objekt der Begierde auf etwa zehn Quadratmetern frei: „Auf dem Gerüst stehend musste ich mit Hammer, Spachtel und Nagelzieher sehr vorsichtig zu Werke gehen, ehe die Kassetten schließlich heil zum Vorschein kamen. Ich war kohlrabenschwarz wie der Schornsteinfeger.“ So wie vor Jahren Restaurator Schmidt auf eher kleinem Raum arbeitete sich der Technische Leiter großflächig durch die Sperrholzplatten der Krankenzimmerdecke von 1980 und den dahinter liegenden etwa 1,20 Meter breiten Hohlraum, um anschließend die Sparschalungsdecke, also Bretter, Schilfrohr und Putz aus dem 19. Jahrhundert zu beseitigen. Darunter stieß er dann auf den Bestand aus dem 16. Jahrhundert: Neben allerlei Balken, Lehm, Stroh und Kalk eben auch auf besagte Kassettendecke. Diese besteht aus größeren Holzrahmen, die mit bemalten Tüchlein bespannt waren.

Akten belegen die Herkunft

Dass die Tüchlein auch tatsächlich in der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. gefertigt wurden, beweisen aufgespürte Akten: „Im Weimarer Staatsarchiv gibt es sogar noch Rechnungen, die 1524 den Transport des bemalten Leinengewebes von Wittenberg nach Colditz belegen“, sagt Thiede. Noch immer befindet sich in den kurfürstlichen Gemächern eine kleine Öffnung in der Wand: „Das ist der Zugang zu einer längst vermauerten Treppe. Die stieg der Kurfürst einst zu seiner Kunstkammer hinauf. Friedrich der Weise galt als großer Reliquiensammler. Wenn man so will, war seine Colditzer Kunstkammer der Vorgänger des Grünen Gewölbes in Dresden.“

Friedrich der Weise war längst nicht der letzte Herrscher auf Schloss Colditz. Kurfürst August etwa ließ nach 1580 noch einmal ausbauen. Größeren Prunk entfaltete auch Sophie von Brandenburg, die Frau von Christian I., die Schloss Colditz von 1603 bis 1622 als Witwensitz wählte. Seit 1404 besaß das Adelsgeschlecht der Wettiner das Schloss. König August II. war der letzte sächsischer Herrscher, der Schloss Colditz mit seiner Jagdgesellschaft besuchte. 1787 wurde das gesamte Inventar verkauft. Das war auch die Zeit, in der die bemalten Tücher herausgeschnitten wurden und beinahe komplett verschwanden. Nur kleinere Reste direkt unterhalb der Holzleisten und das gerettete Band, dessen florale Darstellungen die biblischen Szenen garnierten, erinnern noch an die unbezahlbare Pracht von einst.

Weitere Funde: Eine Spielkarte und ein Fallhäubchen

1803 wurde das pittoreske Anwesen zu einem Arbeitshaus für „Vagabunden, Taugenichtse und Gesindel“, 1829 zur Landesversorgungsanstalt für unheilbar Geisteskranke und gut 100 Jahre später zu KZ und Kriegsgefangenenlager. 1945 diente das Schloss als Sammelstelle für enteignete und vertriebene Gutsbesitzer und deren Familien. Ab 1946 war auf Schloss Colditz ein Krankenhaus untergebracht, das 1996 ausgelagert wurde. So viele Um- und Einbauten es in der Geschichte auch gegeben haben mag – Colditz hat, was kein anderes vergleichbares sächsisches Schloss bieten kann: Die gesamte historische Raumsituation aus dem 16. Jahrhundert ist vorhanden, sogar die Toilette von Friedrich dem Weisen soll noch existieren. Jörg Lörtscher, Technischer Mitarbeiter, zeigt einen weiteren Fund aus dieser Zeit: „Zwischen den Dielen entdeckten wir eine Spielkarte, im Turm ein Fallhäubchen aus dem 18. Jahrhundert, das man Kindern aufsetzte, um mögliche Stürze abzupolstern.“

Auch Bürgermeister Matthias Schmiedel konnte inzwischen einen Blick auf die konservierte Tüchleinmalerei werfen: „Per Beschluss des Stadtrates hatten wir das Fragment der Sächsischen Schlösserverwaltung übergeben. Ich wünsche mir, dass das Tuch wieder nach Colditz zurück kehrt, sobald das Fürstenhaus saniert ist.“ Das kann sich auch Regina Thiede gut vorstellen. Allerdings sei damit wohl nicht vor 2025 zu rechnen, drückt sie auf die Euphoriebremse.

Von Haig Latchinian

Schloss Colditz 51.1310204 12.8072853
Schloss Colditz
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