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Schmiedel gegen Fraktionszwang bei Abstimmung über Sermuther Sportstätte

Gewissensentscheidung Schmiedel gegen Fraktionszwang bei Abstimmung über Sermuther Sportstätte

Solch bundesweit interessierende Themen wie die Ehe für alle hat der Colditzer Stadtrat sicherlich nicht zu beraten. Nichtsdestotrotz kochen die Emotionen mitunter hoch. Auch der Streit um die Sanierung der Sportstätte Sermuth hat das Potenzial dafür. Bürgermeister Matthias Schmiedel (parteilos) tut es in diesem Falle Kanzlerin Merkel gleich.

Das Gelände des SV Eintracht in Sermuth nebst Gebäude mit Gaststätte. Auf den ersten Blick sieht es gut aus, doch die Flut hat 2013 Schäden in Höhe von 1,4 Millionen Euro hinterlassen.

Quelle: Thomas Kube

Colditz/Sermuth. Solch bundesweit interessierende Themen wie die Ehe für alle hat der Colditzer Stadtrat sicherlich nicht zu beraten. Nichtsdestotrotz kochen die Emotionen mitunter hoch. Auch der Streit um die Zukunft der Sportstätte Sermuth hat das Potenzial für heftige Kontroversen. Bürgermeister Matthias Schmiedel (parteilos) tut es in diesem Falle Angela Merkel gleich.

Wie die Kanzlerin den Fraktionszwang ihrer Partei aufhob, als übers Heiraten Homosexueller abgestimmt wurde, spricht sich Schmiedel gegen jegliche Bevormundungen in der Sportanlagen-Debatte aus. Und damit meint er nicht nur seine Mehrheitsfraktion, die Freie Wählervereinigung „Für unsere Heimat“, sondern gleich alle Abgeordneten des Kommunalparlaments. „Jeder sollte seinem Gewissen folgen“, postuliert er.

Worum geht’s?

2002 überflutete die Mulde den Platz und das Gebäude des Sportvereins (SV) Eintracht Sermuth. Beim Wiederaufbau wurden Fördermittel des Bundes und Landes eingesetzt mit einer Bindefrist von 25 Jahren. So lange dauerte es nicht, bis die nächste Rekordflut 2013 das Gelände unter Wasser setzte. Schmiedel und der Stadtrat wollten die Notbremse ziehen, der Sportverein sollte mit Sack und Pack in höhere und damit sichere Gefilde am Ortsrand von Sermuth umziehen.

Das Ding war schon eingetütet, und die Landesdirektion Sachsen war bereit, von der langen Bindefrist der Beihilfen abzusehen. Doch dann verpufften die Pläne. Der Freistaat berechnete die Schadenssumme, die er für die Flut von 2013 zu zahlen bereit war, auf 1,4 Millionen Euro; der Umzug hätte fünf Millionen gekostet. „Die Differenz hätten wir als Stadt aufbringen müssen“, so Schmiedel. „So viele freie Mittel haben wir bei weitem nicht.“

Damit war klar: Das Sermuther Multifunktionssportfeld bleibt an Ort und Stelle. „Unser Ansinnen war es nun, dort die 1,4 Millionen Euro eins zu eins einzusetzen“, schildert Schmiedel. „Doch dann kam der SV auf die Idee, mit dem Geld auch einen Kunstrasenplatz anzulegen, der durch Fluten nicht zerstört würde.“

Welche Positionen gibt es?

Der Kunstrasenplatz stieß einigen Colditzern auf. „Rund 60 Bürger aus der Stadt und der Umgebung unterzeichneten eine Petition“, sagt Hauptamtsleiter Hans-Peter Kiesel. Sie fordern, den Kunstrasen und die Tartanbahn im hochwassersicheren Muldentalstadion der Kernstadt vorzusehen, wo sie auch der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden sollten.

Würde sich diese Position durchsetzen, könne dies zur Teilnutzungsuntersagung am Altstandort führen, mutmaßt Michael Völkl, der für die Linken in der Fraktion Pro Colditz im Stadtrat sitzt. Die Folgen würden aus seiner Sicht den mit 400 Sportlern mitgliederstärksten Verein der Stadt hart treffen. Geht es darum, das Muldentalstadion baulich zu verbessern, sollten andere Fördermöglichkeiten ausgeschöpft werden.

So ein öffentliches Vorpreschen Völkls hält Schmiedel für unangemessen. „Natürlich kann sich jeder zu Wort melden, aber was bringt das?“, meint er. „Wahrscheinlich gehen allein schon in der Fraktion Pro Colditz, in der auch CDU und SPD vertreten sind, die Meinungen weit auseinander.“

Woran hängt’s?

Abzuwarten bleiben aus Sicht des Bürgermeisters zwei Stellungnahmen von Landesdirektion Sachsen und Sächsischer Aufbaubank (SAB). Von ihnen will er wissen, was getan werden kann und wie mit den Bindefristen der Fördermittel von 2002 umzugehen ist. „Wir haben angefragt, ob wir das Gebäude in Sermuth sanieren und dort einen Kunstrasenplatz anlegen dürfen beziehungsweise ob die Möglichkeit einer Verlagerung besteht, zum Beispiel ins Colditzer Muldentalstadion“, sagt er. „Für uns ist wichtig, keinen Bock zu schießen. Der Stadt darf nicht Schaden entstehen, weil Fördermittel zurückgezahlt werden müssen.“

Schmiedel hofft auf baldige Antworten von Landesdirektion und SAB; dann solle der Stadtrat, der sich auch mit der Petition zu befassen habe, entscheiden. „Das wird in Kürze geschehen, denn bis 2019 müssen wir alles umgesetzt haben“, sagt er. „Außerdem sind wir zwar Eigentümer der Anlage, aber wir haben nur für das Gebäude eine Versicherung.“ Eine weitere Flut könnte also neuen Schaden anrichten, bevor der alte behoben ist.

Was gilt es zu beachten?

Viele Aspekte dürften bei der Entscheidung eine Rolle spielen. „Das Muldentalstadion wird gegenwärtig nur von den Alten Herren des HFC Colditz und für den Schulsport genutzt. Die Petenten meinen, mit einem Kunstrasenplatz könnte es auch im Winter bespielbar werden, wenn die anderen Plätze in Sermuth, Hausdorf und Zschadraß bei Nässe, Schnee oder Eis geschlossen sind“, erklärt Schmiedel. „Andererseits liegt die Anlage des SV Eintracht im Polder, der Sermuth und Erlln schützt. Dieser läuft auch voll, wenn es nicht so dicke kommt. Experten sind sich da uneinig. Auch in Rochlitz und Dresden gibt es Sportstätten in Flutgebieten. Manche sagen, das darf nicht sein.“

Von Frank Pfeifer

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