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Schnupperkurs für Gästeführer: Stadtchronist weckt Neugierde

Landkreis Leipzig Schnupperkurs für Gästeführer: Stadtchronist weckt Neugierde

Mit einem Schnupperstunde im Blauen Saal des Kulturhauses Schweizergarten haben der Kulturbetrieb Wurzen und die Volkshochschule Muldental erstmals Interessenten für den Job als Gästeführer geworben. Denn in der Branche herrscht Mangel an Nachwuchs. Wie sich andere Kommunen im Landkreis Leipzig helfen.

Wurzen von oben: Die eigentlichen Gründer der Stadt waren die Meißener Bischöfe. Im Vordergrund zu sehen ist das Ensemble mit Dom und Schloss sowie dem Beruflichen Schulzentrum auf der Wurzener Domfreiheit.

Quelle: Andreas Röse

Landkreis Leipzig. Kirchen, Burgen und historische Stadtkerne: Die Kommunen im Landkreis bieten zahlreiche touristische Attraktionen. Aber ihnen fehlt teilweise der qualifizierte Gästeführer, der interessierten Touristen diese Highlights präsentiert. „Wir haben in der Branche ein Nachwuchsproblem“, sagte Regina Heinze, Leiterin des Fremdenverkehrsverbandes Kohrener Land. Weil in Wurzen die Not am größten ist, geht jetzt die Volkshochschule im Muldental in die Offensive.

„Man sieht nur, was man weiß – Man weiß nur, was man gesehen hat.“ Mit dem Zitat des Dichterfürsten Johann Wolfgang Goethe und seiner Abwandlung aus der Feder von Stadtchronist Wolfgang Ebert startete der Kulturbetrieb Wurzen im Schulterschluss mit der Volkshochschule (VHS) Muldental vor wenigen Tagen eine Werbeoffensive für Gästeführer. Eigens hierfür hatte die VHS ihren ehemaligen Dozenten Ebert als profunden Kenner der Wurzener Geschichte gewonnen und zu einer „informativen Veranstaltung“ in den Blauen Saal des Kulturhauses Schweizergarten geladen.

Gut ein Dutzend Interessenten lockte der Termin und manchen hernach die Ausbildungsofferte von Klaus Arweiler, freier Mitarbeiter der VHS für den Fachbereich Politik, Gesellschaft & Umwelt, Marketing. „Es mangelt an Stadtführern“, führte er ohne Umschweife zunächst die Zuhörer ein, weshalb die Volkshochschule gern einen Kurs anbieten wolle. „Dazu braucht es Wissen und Erfahrung.“ Derzeit, so Arweiler, sei das künftige Angebot in Planung – inklusive Inhalt und Finanzierung. „Nichtsdestotrotz möchten wir an diesem Abend ihre Neugierde wecken.“

Eben dieser Part fiel Ebert zu, der seit 1984 „mal mehr, mal weniger“ Fremde für die Sehenswürdigkeiten der Muldestadt begeistert. Immerhin habe das über 1000-jährige Wurzen jede Menge davon zu bieten – mit dem Schloss, dem Dom, als Ort an berühmten Kulturstraßen wie der Alten Salzstraße, der Via Regia oder dem Lutherweg, der Industrie sowie Ringelnatz. Doch mittlerweile gebe es nur noch vier Personen, die als Gästeführer fungieren und die facettenreiche Stadt erläutern können, so der 73-Jährige. Was es aus seiner Sicht stets braucht, um Touristen zu begleiten, seien Lokalpatriotismus und Fakten, die über die geschichtliche Bedeutung und Entwicklung der Stadt hinausgehen. Zum Beispiel die aktuelle Einwohnerzahl von 16 364 (Ende 2015), die momentane Arbeitslosenquote von 5,3 Prozent (Oktober 2016) oder das Durchschnittsalter der Bevölkerung von 47,8 Jahren (2012).

Den ersten Teil des Vortrages beschloss Ebert ferner mit einigen Hinweisen, woher die Besucher Wurzens stammen und welche Art von Gästen eine Führung wünschen. Angesichts der Vielzahl an Nationalitäten seit 2000, sagte der Stadtchronist, ließe sich vermuten, „Wurzen ist der Nabel der Welt“. USA, Mexiko, Schweden, Schweiz, Österreich, Italien, Australien, Russland, Frankreich – Ebert wird nicht müde, aufzuzählen. Sie kommen entweder mit Bussen, sind Geschäftspartner, Projekt-, Studien- oder Kirchgemeindegruppen, Neubürger und Zuwanderer, wünschen einen Rundgang als Familie. Lediglich auf die Frage von Ulrike Eisentraut aus dem Publikum, wie viele Touristen eigentlich pro Jahr Stadtführungen in Wurzen nutzen, wussten Ebert und die ebenfalls anwesende Leiterin der Tourist-Information, Martina Röhrborn, keine konkrete Antwort.

Den Schlussakkord der fast zweieinhalbstündigen Veranstaltung setzte Referent Ebert dann mit einer fiktiven Exkursion in Wort und Bild. Der Streifzug durch Raum und Zeit zog sich von der Besiedlung der Region vor 6000 Jahren bis hin zum Wandel Wurzens von einer Ackerbürger- zur Industriestadt. „Ein richtiger Schatz, den sie mitgebracht haben. Das ist ja fast ein Vollzeitstudium“, quittierte Arweiler die kenntnisreichen Ausführungen und durfte sich hernach über den einen oder anderen Kursinteressenten unter Telefon 03425/90 47 29 oder per E-Mail unter klaus.arweiler@vhs-muldental.de) freuen.

Dieses abgespeckte Vollzeitstudium hat Heike Raubold absolviert. Die Grimmaerin qualifizierte sich als Gästeführerin bei der Leipziger Industrie- und Handelskammer und schlüpft regelmäßig in die Rolle des Semmelweibes von Höfgen. „Andere fanden den Zugang zu einer Führung aus eigener Passion“, ergänzte Marlen Sandmann. Die Sprecherin verweist auf den Gäste führenden Koch der Stadt, Frank Ziegra und seine kulinarische Stadtführungen durch Grimma. Auch in Borna finden sich mit Thomas Claus, der als Luther Touristen auf die Spur durch die Stadt bringt, solche Unikate. Freiberufler wie er und Mitarbeiter des Stadtmuseums fungieren hier als Stadtführer. Wie Regina Heinze erzählte, hätten sich die Touristiker der Region vor Jahren mit den Kollegen im Rochlitzer Muldental zusammengefunden, um in einer konzertierten Aktion Gästeführer auszubilden. Erst jüngst hätte die Evangelische Heimvolkshochschule in Kohren-Sahlis Protagonisten für die Lutherführung qualifiziert. „Ohne Nachwuchs geraten wichtige geschichtliche Fakten und Ereignisse in Vergessenheit“, bedauerte Heinze. Aber junge Leute würden sich kaum für den Job interessieren. Denn er werde so gut wie nicht bezahlt. „Unsere Gästeführer erhalten eine Aufwandsentschädigung.“

Von Kai-Uwe Brandt und Birgit Schöppenthau

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