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Seelingstädter Kindertagesstätte betreibt seit zehn Jahren erfolgreich Waldgruppe

Leben in Einklang mit der Natur Seelingstädter Kindertagesstätte betreibt seit zehn Jahren erfolgreich Waldgruppe

Jeden Morgen wird angespannt. Dann ziehen zwei Steppkes den Bollerwagen, und die Waldgeister folgen ihnen hinaus in den Tann. Seit zehn Jahren existiert nun schon die ungewöhnliche Außenstelle der Seelingstädter Kindertagesstätte „Pusteblume“ in freier Natur. Sie erfreut sich größter Beliebtheit angesichts ihrer ungeahnten Nebenwirkungen.

Seit zehn Jahren schickt die Kita „Pusteblume“ Kinder in den Wald. Und diese strahlen, wie zu sehen ist.

Quelle: Thomas Kube

Trebsen/Seelingstädt. Jeden Morgen wird angespannt. Dann ziehen zwei Steppkes den Bollerwagen, und die Waldgeister folgen ihnen hinaus in den Tann. Seit zehn Jahren existiert nun schon die ungewöhnliche Außenstelle der Seelingstädter Kindertagesstätte „Pusteblume“ in freier Natur. Sie erfreut sich größter Beliebtheit angesichts ihrer ungeahnten Nebenwirkungen.

Ob Sonnenschein, Regen oder Schnee, die 18 Mädchen und Jungen machen sich mit ihren Erzieherinnen auf den zwei Kilometer langen Weg. Der Bollerwagen ist beladen mit Tee, Obst und Milch; in den Rucksäckchen, die sie tragen, liegen die Bemmen, die ihnen ihre Eltern mitgaben. Die einzige Gefahr unterwegs lauert am vermeintlich sicheren Zebrastreifen der Grimmaer Straße. „Manche Autofahrer heizen durch, obwohl unsere Wagenzieher Leuchtwesten tragen“, kritisiert Kita-Leiterin Kerstin Schubert. „Nur wenn die Polizei kontrolliert, halten sich alle an die Regeln.“

Die Verkehrsader hinter sich gelassen, geht’s durch Feld und Wiesen. Im Birkenwäldchen an der Straße nach Beiersdorf erwartet den Tross das Gelände der unbegrenzten Möglichkeiten. Umzäunt ist es nicht. Die Waldis, wie sie sich nennen, bewegen sich frei, wissen aber, wie weit sie gehen können und dass der vorbeifließende Kranichbach nur gemeinsam in der Gruppe erkundet werden darf.

„Viel vom Wissen unserer Großeltern ging leider verloren“, meint Erzieherin Ulrike Ernst. „Bei uns erlernen die Kinder zum Beispiel die Vogelstimmen. Wir sammeln Kräuter und bereiten Tee daraus zu, machen aus Holunder Marmelade. Wen die Brennnessel zwickt, der wird mit Spitzwegerich eingerieben.“ Vorproduziertes Spielzeug gibt es nicht, denn die Natur bietet genug Rohstoffe, um sich selbst etwas zu bauen. Zum Beispiel Buden oder gerade eben erst ein Piratenschiff unterm Blätterdach.

„Größere Unfälle hatten wir noch nicht. Und holt sich jemand eine Schramme, dann kleben wir ihm ein Indianerpflaster drauf“, berichtet Ulrike Ernst. Der Aufenthalt im Wald härtet ab, nicht nur die Kinder. „Sie wie auch das Personal haben einen geringeren Krankenstand“, weiß Kerstin Schubert, Leiterin der sich in Trägerschaft der Volkssolidarität Leipziger Land/Muldental befindlichen Kita.

Derweil entdecken die Kleinen gerade einen Ameisenhaufen. Mit Insektenlupen verfolgen sie die Arbeit der Lebewesen respektvoll. „Sie geben inzwischen acht, keine Tiere zu töten. Zertritt jemand absichtlich Schnecken, sind sie entsetzt“, sagt Erzieherin Christa Richter. Die Kleinen wedeln nicht wild mit den Armen um sich, wenn sich eine Hornisse nähert, sondern warten still, bis sie wegfliegt. Sie sammeln Raupen vom Tagpfauenauge, beobachten, wie sie sich verpuppen und in Schmetterlinge verwandeln.

Sogar Eltern von außerhalb bringen ihre Sprösslinge nach Seelingstädt, wo ihnen das Leben in Einklang mit der Natur vermittelt wird. Da die Waldis altersmäßig gemischt sind – von dreieinhalb Jahren bis zum Schuleintritt – ergeben sich weitere Synergien. Vieles gucken sich die Jüngsten von den Großen ab, ohne dass pädagogisch eingegriffen werden muss. So lernen es nach und nach alle, die mächtige Weide empor zu steigen.

„Wer gut klettern kann, ist gut in Mathematik“, nennt Ulrike Ernst einen Zusammenhang, der auf den ersten Blick wenig einleuchtet, bis sie aufklärt: „Die Kinder müssen abschätzen, ob ein Ast hält oder nicht und ob ihr Arm bis zum nächsten Ast ausreicht. Das schafft Synapsen im Gehirn, die das Rechnen fördern.“ Der Wald bringt also auch überraschende Früchte hervor.

Sylvia Bernert, die vor zehn Jahren die Kita leitete, entwickelte das Konzept. Damals hatte die Einrichtung bereits jeweils im Frühling und Herbst Waldwochen am Stabsteich veranstaltet. Die Chefin erkannte das Potenzial und kreierte die Gruppe, die permanent die Vormittage draußen verbringen sollte – es sei denn, Unwetter ziehen herauf oder es ist zu heiß.

Auf einer gepachteten Fläche am Kranichbach in Richtung Trebsen fing alles an. Ein Vater besorgte einen Bauwagen, der häuslich eingerichtet wurde. 2008 zog die Gruppe ins Birkenwäldchen um, und Eltern zogen mit am Strang. Dank ihrer Initiative gibt es neben dem Bauwagen, in dem bei schlechtem Wetter gebastelt wird und Wechselkleidung lagert, falls alle durchnässt sind, noch einen Unterstand mit Sitzgruppe fürs Frühstück zwischendurch, ein gemütliches Waldsofa, ein Klo und manches mehr.

Verspeist ist längst alles, denn an frischer Luft vergeht die Zeit wie im Fluge. Die Kinder machen sich auf den Heimweg – mit weniger Gepäck im Bollerwagen, stattdessen vielen aufregenden Geschichten im Kopf. Beim Mittagessen in der Kita werden sie ihren Altersgenossen davon berichten. Von Erfahrungen, die selten geworden sind. Von wertvollen Erfahrungen, die sie prägen.

Von Frank Pfeifer

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