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Grimma Seelingstädts kleenes Urvieh zieht um
Region Grimma Seelingstädts kleenes Urvieh zieht um
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19:06 04.12.2018
Lebewohl. Dieter Pöge aus Seelingstädt verabschiedet sich von seinem Haus und seiner Puppe. Quelle: Frank Schmidt
Trebsen/Seelingstädt

Seit Jahr und Tag sitzt er vorm Haus und zieht die Blicke der Vorbeifahrenden auf sich. Dieter grüßt sie nicht, sondern schaut starr und freundlich geradeaus. Wie soll er sich auch anders verhalten, fristet er sein Dasein doch als Puppe?! Deren Macher ist da von ganz anderer Natur, ein Tausendsassa, wie er im Buche steht. Vom Grundstück aus winkte er häufig Bekannten zu, und er kennt jeden. Jetzt jedoch hob er dort ein letztes Mal die Hand. Am Mittwoch zieht er um ins Seelingstädter Altenpflegeheim.

Als kleenes Urvieh rastlos

Der Puppe gab er seinen eigenen Namen. Dieter Pöge hatte sie 2001 zur 750-Jahrfeier von Seelingstädt gebaut und vergangenen Winter aus der Scheune hervorgeholt, wo sie all die Zeit lagerte. „Ich bin e kleenes Urvieh“, bricht es lachend aus ihm heraus. Immer rastlos, immer aktiv, immer humorvoll, dafür wird er im Ort geliebt.

Stets war Verlass auf den Altenhainer, der zu seiner Frau nach Seelingstädt in deren großelterliches Haus zog, das er aufstockte. Als gelernter Gleis- und Straßenbauer eilte er herbei, wenn jemand seine Hilfe brauchte. „Ich bin dann los und habe daheeme die Arbeit liegengelassen“, sagt der 81-Jährige mit einem Funkeln in den Augen.

Engagement ohne Ende

Genauso geleuchtet haben wohl die Guggerchen der Kinder im Dorf, zu denen er als Weihnachtmann kam. Wenngleich er auch für sie einen Schabernack auf Lager hatte. „Sie mussten in meinen Sack greifen, und wenn die Hand drin war, habe ich schnell zugemacht. Sind die erschrocken!“, erinnert er sich. „Aber dann haben wir alle gelacht.“

Auf Achse blieb Dieter Pöge auch, nachdem er mit 55 in den Vorruhestand ging. Als 2002 der Heimatverein Seelingstädt entstand, engagierte er sich von Anfang an in dessen Reihen ehrenamtlich, weshalb ihm der Verein zu seinem 80. Geburtstag die Auszeichnung „Roter Löwe“ verlieh. „Es gibt nicht viele, die so mitgezogen haben“, sagt der Vorsitzende, Manfred Müller. „Manche ließen sich nur für Vorhaben gewinnen, weil Dieter mit seinem Humor dabei war.“ Wenn nach getaner Arbeit oder zu anderen Anlässen gefeiert wurde, fand er mitunter lange nicht nach Hause. „Meine Frau musste dann schon eher gehen“, bemerkt er ohne Reue. „So war das eben.“

Helfer bei Speichersanierung

Drei Mädchen zogen die Beiden groß. Inzwischen ist der Witwer sechsfacher Großvater und zweifacher Uropa. „Allen geht’s gut.“ Solches Wissen beruhigt und lässt ihn getrost den Weg in die Caritas-Einrichtung antreten, in der zwei seiner Töchter arbeiten. Dort wird er ganz nah dran sein am großen Bauprojekt des Heimatvereins, an dem er maßgeblich mitgewirkt hat.

Speicher Seelingstaedt - viele Jahre haben Heimatverein und freiwillige Helfer aus der Ruine ein Schmuckstueck gemacht. Quelle: Andreas Doering

Gleich gegenüber vom Heim steht der Seelingstädter Speicher – heute Herberge mehrerer Gruppen und kulturelles Zentrum im Ort, früher eine Ruine. „In einer Zeit, als vieles mit der Raupe weggeschoben wurde, sollte er erhalten bleiben“, sagt der Rentner. „Und ich habe daran geglaubt, dass daraus etwas wird.“ Von seiner Gründung bis 2015 brachte der Heimatverein das historische Gebäude auf Vordermann.

Humor in jeder Lage

Als er am Speicher Putz abhackte, fiel Dieter Pöge vom Gerüst. „Da war ich noch jünger, 75 vielleicht. Ich hab mal den Kopf geschüttelt, dann ging es weiter“, sagt er grinsend. „Dem Tod bin ich schon bei anderer Gelegenheit von der Schippe gesprungen.“ In seinem Wohnhaus stürzte er eine Treppe hinunter und stieß mit dem Kopf auf. Die elf Zentimeter lange Platzwunde musste im Krankenhaus genäht werden. „Aber ich habe einen harten Nischel, hatte nicht mal Kopfschmerzen. Nur mit einem Turban musste ich rumrennen.“

Energiebündel aus Seelingstädt hält die Balance

Inzwischen hat er alles verkauft oder verschenkt, was er nicht mehr braucht. „Ich nehme es, wie es kommt“, sagt das Energiebündel, das seiner neuen Heimstatt schon mal ankündigt: „Ich werde die Leute ein bissel unterhalten.“ Mitnehmen wird er ein paar Würfelspiele, die er selbst gebastelt hat. Und ansonsten dürfte er allen viel zu erzählen wissen. „Ich bin nicht maulfaul, habe immer einen Witz auf den Lippen.“ Das unterscheidet ihn von Dieter, der Puppe, die nun ohne ihn auskommen muss.

Von Frank Pfeifer

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