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Seit acht Jahrzehnten zu Hause auf dem Etzoldshainer Renatenhof

Bauer aus Leidenschaft Seit acht Jahrzehnten zu Hause auf dem Etzoldshainer Renatenhof

Helmut Kraft ist Bauer – durch und durch: Auf dem Etzoldshainer Renatenhof betreibt er Landwirtschaft. Er meisterte gute und harte Zeiten und tritt mit knapp 80 Jahren etwas kürzer. Nächstes Jahr will er sich seinen Bauerngarten beschränken.

Helmut Kraft als Erntekapitän auf eigener Scholle: Nach der Wende entschied er, wieder selbst zu wirtschaften und schaffte sich sogar einen kleinen Mähdrescher an.

Quelle: privat

Bad Lausick/Etzoldshain. Gerahmte Fotografien im Treppenhaus der 1900 erbauten Villa über dem Dorf Etzoldshain erzählen Familiengeschichte: Helmut Kraft mit den Drillings-Kälbchen, als er Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre Leiter der Milchviehanlage war. Der Ruheständler Kraft auf einem historischen Unimog, mit dem er zu Oldtimertreffen fährt. Ein Bild aus den frühen Sechzigern zeigt ihn vor einer Vorkriegs-Mercedes-Limousine, die er bald darauf gegen einen praktikableren, zeitgemäßen Trabant vertauschte. Krafts widmen sich seit knapp 80 Jahren in Etzoldshain der Landwirtschaft. Helmut, der im nächsten Jahr selbst 80 wird, ist der Letzte hier, dem das zum Lebensunterhalt dient. Einer, wie pflegte es einst die Großvater-Generation zu sagen, von altem Schrot und Korn.

„Landwirtschaft ist eine schöne Sache, wenn man sie selber machen kann“, sagt Helmut Kraft. Er selbst, 1937 in Leipzig geboren und aufgewachsen auf dem Etzoldshainer Hof, den Vater Ernst erst wenige Monate zuvor gekauft hatte, sog das Bäuerliche in sich förmlich auf. Der Vater entstammte einer alteingesessenen Bauernfamilie im Württembergischen, kam auf der Suche nach einem Hof schließlich nach Sachsen, kaufte den Vierseithof samt der benachbarten Villa und 55 Hektar Land, den zuvor lange Bauer Joachim Schulze („Joachimshof“) und danach kurz ein Herr Dieck (unter ihm wurde es dann der „Renatenhof“ und blieb es) bewirtschaftet hatten.

„Ackerbau und Viehzucht gehörten bei uns immer zusammen“, meint Helmut Kraft. Daran änderte die Genossenschafts-Gründungen etwas. Als einer der großen Bauern war der Vater einer der letzten, die der LPG beitraten: „Es war schon Zwang.“ Auf eigener Scholle zu bestehen, sei seit den Nachkriegsjahren immer schwerer gemacht worden. In die 1946 errichteten Ställe für die Kraft’schen Rinder und Pferde zog das Genossenschaftsvieh. Eine Milchviehanlage am Dorfrand wurde gebaut. Kraft Senior wurde Brigadier in der Feldwirtschaft. Helmut ging in die Tierproduktion, doch „ich sah da nicht wirklich eine Zukunft“. Er ging nach Holzhausen nahe Leipzig, wurde Fuhrparkleiter einer Bäcker- und Konditoren-PGH, kehrte mit seiner Frau Veronika aber 1986 zurück; der Vater war gestorben, „einer musste sich auch um das Haus kümmern“.

Helmut Kraft hatte die Milchproduktion unter sich, als die Wende kam, die Landwirtschaft neue Strukturen suchte. „Mit 55 kannst du nicht aufhören, das war mir klar, aber mit 55 Hektar kaum existieren“, blickt Kraft auf die entscheidende Zeit zurück. Er wagte es, löste einen Teil des eingebrachten Landes aus der einstigen Genossenschaft heraus, kaufte ein bisschen Technik, baute Weizen, Gerste, Hafer an als Futter für ein paar Mastbullen und Schweine, für Hühner, Gänse, Enten, sanierte Stück für Stück die alte Villa. Und brachte sich deutlich ein in die Dorfgemeinschaft; zehn Jahre als Ortsvorsteher, 20 als Mitglied des Ortschaftsrates, außerdem viele Jahre als Chef der Freiwilligen Feuerwehr, als Kopf der Jagdgenossenschaft.

„Man kann nicht abseits stehen“, sagt Kraft und benennt sein Credo: „Das Dorf darf nicht aussterben. Es soll seinen dörflichen Charakter erhalten, soll nicht Stadt werden.“ Auch wenn – und gerade weil – Etzoldshain seit 1994 Teil der Stadt Bad Lausick ist, die Fluren nordöstlich an das Kurgebiet grenzen. Doch die in den neunziger Jahren errichtete Wohnsiedlung sei ein Stück weit vom Kerndorf entfernt, in dem in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten traditionsreiche Höfe für Handwerk, Gastronomie und zu Wohnzwecken saniert wurden. Die alte Milchviehanlage – für die zwischenzeitlich eine umstrittene Broilermast und eine Hühnerzucht im Gespräch waren – wird wieder landwirtschaftlich genutzt. Ein exklusives Wohngebiet in Hufeisen-Form nördlich des Dorfes, das kurz nach der Wende im Gespräch war, blieb auf dem Papier: „Die hätten auch die Hintere Dorfstraße ausgebaut.“ So ist die immer noch ein besserer Feldweg, die einzige postalische Adresse hier die Kraft’sche Villa.

Mit knapp 80 Jahren tritt Helmut Kraft kürzer. „Einen einzigen Hektar bewirtschafte ich noch, doch nächstes Jahr werde ich mich wohl auf meinen Bauerngarten beschränken.“ Im Fachwerkhof unmittelbar daneben, wo über viele Generationen Landwirtschaft lebendig war, ist längst Ruhe eingezogen. Die großen Schläge rings um das Dorf werden von der KÖG Kleinbardau bestellt. Einzig Achim Hempel, der Mann, der die Uhr der Etzoldshainer Martinskirche in hergebrachter Art per Hand aufzieht, ackert im Nebenerwerb noch auf ein paar Feldern. Die Zeit läuft ab für die kleinteilige Landwirtschaft am Bad Lausicker Stadtrand. Und selbst das Aufziehen der Kirchturmuhr benötigt bald nicht mehr den menschlichen Einsatz: Die Kirchgemeinde sammelt Geld für den Einbau einer elektronischen Steuerung.

Von Ekkehard Schulreich

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