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Seitenwechsel für Grimmaer Café-Besitzerin

Seitenwechsel für Grimmaer Café-Besitzerin

Die Fensterläden des mobilen Verkaufswagens haben sich gerade geöffnet, da gehen bereits duftender Kaffee und kross gegrillte Bratwürste über den Tresen.

Es sind kräftige Männer in Latzhosen und mit Zollstock im Anschlag, die derzeit auf der riesigen Baustelle in Grimmas Altstadt tätig sind. Aber auch einzelne Touristen verirren sich her, loben den guten Kuchen und beobachten vom Freisitz aus das emsige Treiben rund um den Markt. Mittendrin sorgt Manuela Grawunder für zufriedene Gesichter und lockere Stimmung. Ihr mobiler Imbiss ist in den Tagen, da die Muldestadt mit den Folgen des Hochwassers kämpft, nicht nur eine Quelle zum Tanken neuer Energie, sondern auch der Umschlagplatz für Informationen. Ein Bekannter notiert ihre Telefonnummer. "Schreib aber nicht Café am Markt, sondern Café unter den Linden", scherzt Grawunder.

Die 41-Jährige war eine der ersten, die sich aus der Schockstarre heraus wagte. "Irgendwann sind die Tränen alle", sagt die Chefin vom Café am Markt, die schon eine Woche nach der Tragödie wieder Kaffee kocht. Der Keller unter dem angemieteten Erdgeschoss steht noch immer unter Wasser, da rollt sie bereits mit einer Interimslösung über die Straße. Eine Welle der Solidarität spült die quirlige Gastronomin auf die andere Straßenseite. "Ein Großhändler, meine Bank, das Autohaus, die Stadtverwaltung" - sie hält verunsichert inne, um niemanden zu vergessen - "haben mich unterstützt", sagt sie. Direkt vis-à-vis ihres Cafés am Markt bringt sie den Wagen in Stellung, holt ein paar Holzbänke aus dem Schuppen und eröffnet das "Café unter den Linden". In der Hitze nach dem Hochwasser spenden die Bäume Schatten.

Die Interimslösung hilft der umtriebigen Geschäftsfrau, an ihren Traum vom eigenen Café weiter zu glauben. "Ich muss immer etwas machen", sagt sie ungeduldig. 2008 übernimmt die bis dahin angestellte Sekretärin das gut eingeführte Lokal am Markt. Den Zugang verschafft ihr Mutter Ingrid, die bis heute als Institution in der Grimmaer Gastronomie gilt. Nicht nur die stilsichere Einrichtung und der leichte, frische Mittagstisch spricht sich schnell in der Kleinstadt herum. Die lebensbejahende Art der Betreiberin, auch die unkomplizierte Atmosphäre zwischen Kaffeehausstühlen und kreativer Fotografie sowie Malerei machen viele Grimmaer zu Stammgästen. "Ich hab den Schritt nie bereut", ist Grawunder überzeugt.

Auch nach dem Hochwasser nicht, fügt sie hastig hinzu, als müsse sie sich selbst davon überzeugen. Denn Anfang Juni steht ihr das Wasser bis zum Hals. Obwohl die Mulde nur langsam anschwillt, reißt sie das im Boden befestigte Podest vor dem Kaffeehaus aus der Verankerung. Die Eismaschine, das gesamte Mobilar versinken in den Fluten. "Meine zwei Kaffeemaschinen konnte ich aber retten", sagt Grawunder und hebt mit einem triumphierenden Lachen das Haupt. Diese werden der Einstand für ein neues Café werden. Noch zeichnen sich die Konturen für den Neubeginn am alten Standort nicht ab. "Der Eigentümer benötigt lange Zeit zum Austrocknen", sagt die bisherige Mieterin und zieht die Stirn ein wenig in Falten. "Aber auch ich will nichts überstürzen", betont sie lässig, lässt aber durchblicken, dass sie bereits mit einem Einrichter in Verhandlung getreten und gedanklich längst wieder bei der Sache ist. Sie freundet sich gerade mit flexiblen Tresensystemen in Würfelform an und verabschiedet sich von Festeinbauten. Im Frühjahr will die dunkelhaarige Frau mit einem Café am Markt zurück sein.

Die Zeit zu überbrücken, wird eine Herausforderung für die temperamentvolle Wirtin. Da ist die Angst vor dem Herbst, wenn die Linden das Laub abwerfen. Da quält einiges Unbehagen beim Kalkulieren des neuen Unternehmens. "Das muss ich ohne Finanzierung stemmen", sagt Grawunder nachdenklich. Denn die Investition, die gerade mit der Mulde weggeschwemmt wurde, sei noch nicht abgezahlt, eine Versicherung trete auch nicht ein. Bevor jedoch ein winziger Zweifel im Raum stehen bleiben könnte, schüttelt sie sich und erklärt mit entwaffnendem Optimismus, dass sie das schaffen werde. "In ein Büro gehe ich jedenfalls nicht wieder zurück."

Birgit Schöppenthau

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.08.2013

Schöppenthau, Birgit

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