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"Spätestens mit 60 müssen die Glocken läuten“

"Spätestens mit 60 müssen die Glocken läuten“

Grimma. Beim Thema verlängerte Lebensarbeitszeit ist noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Nach der Diskussion über die Rente mit 67 ist jetzt sogar die mit 70 im Gespräch.

. „Wenn wir uns die höhere Lebenserwartung und die abnehmende Geburtenrate anschauen, wird sie perspektivisch kommen müssen", meint etwa der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther.

Eine Meinung, der der Grimmaer Elektro-Meister Mario Richter wenig abgewinnen kann. „Zwar ist längeres Arbeiten in unserer Branche zumindest theoretisch vielleicht noch eher möglich als etwa im Dachdeckerhandwerk. Gleichwohl sind die Tätigkeiten insbesondere im Elektroinstallationsbereich körperlich so fordernd, dass arbeiten jenseits der 65 kaum vorstellbar ist." Auch hinsichtlich der Option, ältere Kollegen bevorzugt im Büro einzusetzen, zeigt sich Richter skeptisch. „Einerseits ist es kaum realistisch, dass dafür zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Andererseits halte ich es für wenig sinnvoll, wenn dadurch bestehende Mitarbeiterstrukturen zerrissen werden." Als wenig realitätsnah für das Handwerk bewertet auch Fleischermeister Frank May den Vorstoß. „Das wird im Handwerk nicht umsetzbar sein", lautet sein kurzer Kommentar. „Ich kenne keinen Fleischer, der noch einen vollwertigen 70-jährigen Mitarbeiter beschäftigt. Ich selbst fühle mich mit meinen 36 Jahren als Ergebnis der schweren körperlichen Arbeit an so manchem Morgen deutlich älter."

Auch die Grimmaer Frisöse Yvette Erfurth sieht die Rente mit 70 als keinen praktikablen Beitrag zur Sanierung des Rentensystems. „Wir frotzeln hin und wieder im Kollegium, dass uns mit fortschreitendem Alter nur noch der Nass-Formhaarschnitt vorbehalten sein wird, weil sich das dafür benötigte Zittern der Hände quasi von allein ergibt", so die Inhaberin des Salons Hairlichkeiten. „Aber ganz im Ernst: Es ist in unserer Branche eher die Regel als die Ausnahme, dass Kolleginnen vorzeitig in Rente gehen, weil die tagtägliche Arbeit im Stehen Spuren hinterlassen hat." Spuren eines langen Arbeitslebens, von denen auch Bäckermeister Bernd Haferkorn zu berichten weiß. „Mein Vater ist mit seinen kaputten Knochen ein gutes Beispiel dafür, dass der Mensch trotz aller medizinischen Fortschritte nicht zeitlich unbegrenzt belastbar ist. Und selbst wenn eine längere Lebensarbeitszeit je nach Branche im Einzelfall möglich ist, so ist es doch ganz sicher kein Modell für das Bäckerhandwerk und den Großteil der Handwerksberufe."

Eine Meinung, an die sich die von Stefan Galert nahtlos anschließt. „Ja, sollen denn die Leute noch im Rollstuhl zur Arbeit fahren?", fragt sich der Grimmaer Klempnermeister. „Fakt ist, dass, ganz abgesehen von der körperlichen Belastbarkeit, die nun einmal ihre Grenzen hat, auch die Technik immer weiter voran schreitet und ein junger Kopf nun einmal leistungsfähiger ist als ein alter", so Galert, dessen Renten-Forderung deshalb in die entgegengesetzte Richtung geht. Er sagt: „Spätestens mit 60 müssen die Glocken läuten."

Roger Dietze

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