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Grimma „Stonehenge von Nordsachsen“ bei Göttwitz entdeckt
Region Grimma „Stonehenge von Nordsachsen“ bei Göttwitz entdeckt
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04:00 05.12.2015
Während der Ausgrabungen am Göttwitzer Kreisel. Quelle: Foto: Thomas Kube
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Göttwitz


Bei Ausgrabungen nahe Göttwitz bei Mutzschen entdeckten Wissenschaftler auf dem Mutzschener Berg das „Stonehenge von Nordsachsen“

Sven Conrad war einer der beiden Grabungsleiter, die mit 20 Kollegen in zwei Teams nahe Göttwitz das „Stonehenge von Nordsachsen“ freilegten. Auch wenn die Arbeiten im Auftrag des Dresdener Landesamtes für Archäologie schon 2013 abgeschlossen waren und längst Autos über die neue Staatsstraße 38 rollen, so erfuhren die Anwohner erst jetzt von den Dimensionen der spannenden „Grabenkämpfe“. Allein auf der fast 1,8 Hektar großen Fläche des jetzigen Göttwitzer Kreisverkehrs stießen die Wissenschaftler auf 2000 Befunde. „Hier lag der große Teil einer rund 4000 Jahre alten bronzezeitlichen Siedlung“, sagt Conrad. „Zwischen 1200 und 700 vor Christus war dieses Areal durchgängig besiedelt.“ Neben Scherben, Schöpfgruben und Mahlsteinen entdeckten die Forscher immer wieder gebrannten Lehm, der auf Feuerstellen hindeute. „Wir haben auch eine kleine Vogelplastik aus Ton gehoben, wie sie in der Jungbronzezeit in ähnlicher Form als Grabbeigabe typisch war“, sagt der 51-jährige Leipziger. Jedoch habe man trotz aufwendiger Suche den abgebrochenen Kopf des kultigen Piepmatzes nicht aufspüren können. Dafür stellte man eine kleine Rassel sicher: „Mit etwas Fantasie ähnelt sie einem Fisch.“ Beim Schütteln klappert es, weil sich im Bauch des tönernen Fisches ein Kügelchen befindet, wie das Röntgenbild bewies. Dass die Altvorderen in Göttwitz bereits Handelsbeziehungen in die Ferne, zumindest aber in den Ostseeraum unterhielten, veranschaulicht eine ausgegrabene Bernsteinperle. „Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die einstige bronzezeitliche Siedlung dann von einer slawischen überlagert.“

Jutta Barthel, Mutzschens geschichtliches (Ge)wissen, erinnert an frühere Ausgrabungen in der Region: „Das ist uraltes Siedlungsgebiet. Klar, die Lösslehmböden sind äußerst fruchtbar. Hinzu kommt die Nähe zur Döllnitz und damit zum Wasser.“ Die 87-Jährige berichtet über die Mutzschener Diamanten im Schlossberg, einem alten Vulkan, der sehr gut verteidigt werden konnte. „Im Zweiten Weltkrieg wurden Altäre Leipziger Kirchen in die schützenden, einstigen Bergwerksstollen ausgelagert.“ Neu ist der langjährigen Museumsleiterin allerdings das „Stonehenge von Nordsachsen“. Grabungsleiter Conrad vermutet, dass auf dem Mutzschener Berg rund 1000 Pfosten zu einer Art Palisadenrondell verbaut wurden. Immerhin: 81 Pfostengruben konnten nachgewiesen werden. „Es handelt sich nicht etwa um eine Begräbnisstätte, auch nicht um eine Verteidigungsanlage – dafür standen die Holzpfähle zu weit auseinander. Die Kreise könnten als mystisches Sonnenobservatorium gedient haben. Es ist gut möglich, dass hier auch bestimmte Rituale ausgeführt wurden. Eine weitere, in der Forschung diskutierte Erklärung besagt, dass Jugendliche in derartigen Rondellen in die Welt der Erwachsenen aufgenommen worden sein könnten, so wie man das von Riten der Naturvölker kennt. Natürlich, alles ist nur Spekulation.“

Günter Herbst erklärt in Göttwitz etwa 30 interessierten Gäste die archäologischen Ausgrabungen während der Straßenbauarbeiten zum neuen Kreisverkehr. Quelle: Thomas Kube

Donnerwetter. Jetzt ist Rudi Wentzlaff platt. Ein ganzes Jahr lang hatten die Archäologen in der Nähe seines Hauses gegraben. Und nun das: „Stonehenge von Nordsachsen“. Eigentlich schade, dass nach dem Bau der Staatsstraße nichts mehr an die großartige Geschichte erinnert. Da tritt Gastgeber Günter Herbst auf den Plan: „Wie wäre es, wenn es neben der ausführlichen Dokumentation der Archäologen in Papierform auch vor Ort einige Informationen gäbe? Es könnten Tafeln aufgestellt werden, die auf die Schätze im Untergrund hinweisen.“ Herbst ist nicht nur ein Mann der Worte, sondern auch der Tat: Der Vorsitzende des Dorfvereins selbst schrieb bereits Geschichte. So machte er seinen Hof zum preisgekrönten Schmuckstück und den Dachboden des Seitengebäudes für die Allgemeinheit zugänglich. Der Name „Müllers Bauernstube“ geht zurück auf die Vorfahren seiner Frau Erika, eine geborene Müller: „Meine Großeltern Paul und Selma sowie die Eltern Erhard und Wella bewirtschafteten das Gut all die Jahrzehnte.“ Hier treffen sich feierwütige Senioren, 25 rührige Vereinsmitglieder und zu Vorträgen besagte wissbegierige Dorfbewohner. Diese erlebten bereits Vorträge zu Fisch- und Gänsezucht sowie zum Obstbau – allesamt „Gewerke“, die sich im Logo des Göttwitzer Dorfvereins wiederfinden. Und wer weiß, vielleicht zieht das „Stonehenge von Nordsachsen“ ja doch noch Kreise, und Göttwitz wird zum großen Touristenmagneten.

Von Haig Latchinian

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