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Grimma Stoye lieferte Beiwagen für Motorräder
Region Grimma Stoye lieferte Beiwagen für Motorräder
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06:09 15.09.2018
AWO-Motorrad mit Stoye-Seitenwagen: Claus Hüne, Gerhard Fenske und Gerold Trautner (v. li.) lieben Gespanne. Quelle: Jens Paul Taubert
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Bad Lausick

Sie waren mehr als die Familienkutsche des kleinen Mannes: Seitenwagen-Motorräder. Handwerker nutzten die geräumigen Anbauten, die ein Zweirad zum Gespann machten, ebenso wie der Schäfer der Genossenschaft, die (Reichs-)Post ebenso wie das Militär konträrer Systeme. Deutschlands produktivste und kreativste Beiwagen-Schmiede befand sich von den Zwanzigerjahren bis 1990 in Leipzig. Danach wurde die Firma Stoye abgewickelt. Ein Dutzend Enthusiasten, die die Erinnerung an Walter Stoyes Erfindergeist ebenso bewahren wie dessen robuste Technik, fanden jetzt in Bad Lausick ein neues Domizil.

Firmenchef Walter Stoye und Mitstreiter Jürgen Mittenzwei um 1960 vor Elastik-Seitenwagen in der Produktionsstätte in Leipzig-Gohlis. Quelle: Stoye-Archiv

Einen Trabant 600, wegen seiner Dachform im Volksmund später Kugelporsche genannt, schaffte Gerhard Fenske in den Sechzigerjahren an. „Meine Frau fuhr lieber Auto“, sagt der heute 76-jährige Leipziger. Er selbst aber fühlte sich auf dem Bock der ES 250 aus Zschopau wohler, an die er einen Beiwagen montierte – Marke Stoye. Trotz dieser unterschiedlichen Vorlieben: „Mit dem Gespann sind wir im Urlaub bis Ungarn gefahren, das war gar kein Problem.“

Rollendes Erbe wird in der Kurstadt gepflegt

Der ABV, der Abschnittsbevollmächtigte der Polizei, drückte seinerzeit auch beide Augen zu, wenn Familie Trautner mit drei Kindern, per AWO-Gespann auf Tour ging. „Die Schwester kam vorn ins Boot, ich quetschte mich mit meinem Bruder auf die schmale Bank““, erinnert sich der Bad Lausicker Gerold Trautner (63). Als er kurz nach der Jahrtausendwende beim Ostseeurlaub auf dem Darß eine bespannte AWO sah, „da wusste ich, die will ich“. Die Begeisterung für Seitenwagen war wieder da. Trautner, der den Kreis der Oldtimerfreunde im AMC Herrmannsbad Bad Lausick leitet – auch Fenske ist hier Mitglied –, freut sich, dass Stoyes rollendes Erbe nun in der Kurstadt gepflegt wird.

Das große S als Markenzeichen vornweg: Die Belegschaft von Fahrzeugbau Stoye bei einer Mai-Demonstration 1934. Quelle: Stoye-Archiv

„1988 habe ich als technischer Leiter im Werk 4 angefangen“, blickt Claus Hüne (66) zurück. Stoyes Firma, 1972 verstaatlicht, also enteignet, war dem erzgebirgischen MZ-Werk zugeordnet. Der bis 1990 gebaute Superelastik-Seitenwagen wurde für MZ entwickelt. In den vier DDR-Jahrzehnten wurden hier insgesamt 150 000 Seitenwagen montiert. Walter Stoye (1893 bis 1970), einfallsreicher Konstrukteur wie begabter Mechaniker, der 1920 in Leipzig eine Werkstatt eröffnete, entwickelte ab 1928 anderthalb Dutzend Patente und Gebrauchsmuster.

Lieferung an alle großen deutschen Motorrad-Fabriken

Schon in den Dreißigern belieferte er alle großen deutschen Motorrad-Fabriken. Die Seitenwagen verfügten über ein universelles Anschlusssystem. „Er war – neben Watsonian in Großbritannien – der am längsten produzierende Seitenwagen-Hersteller der Welt“, sagt Hüne. Bis April 1990 habe man gearbeitet, dann gingen in Leipzig-Gohlis die Lichter aus. Auf dem Betriebsgelände wurde ein Autohaus errichtet. „Kein Mensch wollte mehr Gespanne. Die wollten alle Westautos.“

Nicht nur den Tacho im Blick, sondern auch den Bug des Elastik-Seitenwagens. Quelle: Jens Paul Taubert

2010 ein Eigentümerwechsel: „Wir bekamen ein paar Räume, auch den originalen, in dem bis zuletzt produziert wurde.“ Inzwischen hatte sich der Wind gedreht, wurde von Stoyes Konstruktionen wieder wertschätzend gesprochen. Die Gespann-Enthusiasten richteten eine Werkstatt ein, arbeiteten Technik und Geschichte auf, trugen Exponate für eine Ausstellung zusammen. Bei den Tagen der Industriekultur 2015 holten sie Stoyes Lebenswerk zurück ans Licht der Öffentlichkeit. Einen Rückschlag brachte ein erneuter Verkauf der Immobilie: Die Bestände mussten raus, mussten eingelagert werden.

Tank einer AWO Sport. Quelle: Jens Paul Taubert

Nun also in Bad Lausick die Hoffnung auf einen Neustart, knapp ein Jahrhundert nach Walter Stoyes Werkstatt-Gründung. Ein Museum zu betreiben, würde die Gruppe überfordern, sagt Claus Hüne: „Im Kern sind es fünf, sechs Leute, die direkt am Thema arbeiten.“ Die Technik instandsetzen, Veranstaltungen organisieren, forschen. Für engagierte Mitstreiter sei man immer offen. Dass Jüngere die Liebe zum Seitenwagen-Motorrad neu entdeckten, freut Gerhard Fenske.

Fenske hat republikweit Gespanne eingeschätzt

Von Hause aus Lehrmeister im Leuchtenbau, fungierte er für den ADMV, den Allgemeinen Deutschen Motorsport-Verband der DDR, als Gutachter im Veteranensport: „Ich habe republikweit die Gespanne eingeschätzt.“ Heute zählt sein D-Rad-Gespann, Baujahr 1927, zu den Ältesten der Sammlung: „Der Seitenwagen war damals eine der ersten Werkszulieferungen.“ Und dann hat Fenske noch einen Spruch parat, der kaum jünger ist: „Ob Brenner oder Brocken, niemals bleibt mein D-Rad stocken. Lieber will ich Weiber hassen als mein gutes D-Rad lassen.“ Sagt’s und wendet sich mit öligen Händen wieder der Technik zu.

Kontakt über die Homepage.

Von Ekkehard Schulreich

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