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Grimma Test: Wie barrierefrei ist Naunhof?
Region Grimma Test: Wie barrierefrei ist Naunhof?
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15:55 19.05.2015

So fordern es die Vereinten Nationen und nennen das Ziel Inklusion. Möglich wird Inklusion unter anderem nur, wenn im wahrsten Wortsinn Barrieren abgebaut werden. Die LVZ bat Heike Barthel zu einem Test, wie rollstuhltauglich Naunhof ist.

Oft ist sie in der Stadt unterwegs und kennt die neuralgischen Punkte. Sie weiß aber auch: "In Naunhof hat sich viel getan. Die Fußwege sind in der Regel in Ordnung und wurden abgesenkt, ich komme ganz gut durch die Stadt." Dennoch wäre noch einiges zu verbessern, manches mit wenig, anderes mit mehr Aufwand.

Start am Rathaus. Ohne fremde Hilfe müsste sie draußen bleiben, da sich die Türen des Neubaus nicht automatisch öffnen lassen. Ihr Ehemann Steffen, den sie vor 20 Jahren kennengelernt hat, reißt mit Schwung einen Flügel auf, rennt hinter ihren Rolli und schiebt sie hinein.

Die Wendeltreppe im Inneren ist ein unüberwindliches Hindernis. "Hier müsste eigentlich ein Hinweis auf den Fahrstuhl im Haus angebracht sein", erklärt Barthel. Das Gebäude hat zwar einen Lift bis zur obersten Etage, doch Fremde finden ihn nicht, ohne fragen zu müssen. Zur Erinnerung: Bei der Inklusion geht es ums selbstbestimmte Leben. Zumindest wurde inzwischen ein Verweis auf die Behindertentoilette im Erdgeschoss angebracht.

Noch einen Kritikpunkt an der Stadtverwaltung muss Barthel loswerden. "Bevor wir in den Urlaub fahren, erkundigen wir uns im Internet, welche Einrichtungen im jeweiligen Ort für uns zugänglich sind. Naunhof bietet das noch nicht auf seiner Homepage." Auch Hotels und Museen sollten in ihren Internetauftritten entsprechende Auskünfte veröffentlichen.

Vor dem Verlassen des Rathauses zeigt Barthel auf die Automaten der Sparkasse, die im Gebäude eine Filiale betreibt. Allein könnte sie kein Geld abheben, weil sie das Bedienfeld des Monitors nicht erreicht. Also ist die 44-Jährige, die wegen einer spastischen Lähmung ihr Leben lang schon Rollstuhl fährt, wenn's ums Geld geht, auf ihren Mann angewiesen.

Draußen an der frischen Luft zieht es Barthel zunächst zur Langen Straße. Im Zuge der Sanierung wurden die Gehwege angehoben, so dass sich die Zahl der Stufen verringerte, die in die Läden führen. Aber es bleiben immer noch einige, die mit dem Rollstuhl nicht zu bewältigen sind. "Günstiger wäre vor jedem Geschäft eine Rampe gewesen", bemerkt die Naunhoferin und hält grundlegend fest: "Was ich hier sage, betrifft schließlich nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Ältere, die schlecht gehen können oder auf einen Rollator angewiesen sind."

Im Osten Deutschlands, so ihre Erfahrung, seien die Zustände dennoch tendenziell besser als im Westen. Beim Gang über den Markplatz weist sie aber darauf hin, dass auch hier nach der Wiedervereinigung Fehler begangen worden sind. "Es ist ärgerlich, dass neu gebaute Häuser, wie zum Beispiel in der Gerberstraße, im Erdgeschoss nicht barrierefrei errichtet wurden. Bestimmt gibt es viele Senioren, die dort hätten einziehen können."

Durchgang im Stadtgut. Hier befindet sich eine Behindertentoilette. Je ein Schlüssel ist in der Bibliothek und im Café hinterlegt. Sind beide Einrichtungen geschlossen, kann die Toilette nicht benutzt werden. Der Euro-WC-Schlüssel, den Menschen mit Behinderung europaweit erhalten können und der ihnen in der gesamten EU Türen öffnet, passt hier nicht.

An einen Fahrstuhl im Stadtgut wurde gedacht. Er verbindet beide Etagen der Bibliothek und den Balkon des Bürgersaals. Barthel: "Doch auch hier fehlt ein Hinweisschild auf den Lift."

Hinterm Stadtgut liegt das Gesundheitszentrum mit der Engel-Apotheke. Hier ist die Welt für die Rollstuhlfahrerin in Ordnung. "Behindertenparkplätze vorm Haus, alles barrierefrei zu erreichen", sagt sie und betont: "Auch bei den anderen beiden Apotheken Naunhofs gibt es nichts zu kritisieren."

Auf dem Weg zur Grundschule spricht Barthel die Stadtkirche an. Sie sei von hinten über den Hof zugänglich, allerdings fehle vorn an den Stufen ein entsprechender Vermerk. Der Gemeindesaal sei gut zu erreichen.

Grundsätzlich anders sieht das in der Grundschule aus, die die Kinder der Barthels besucht haben. "Die Lehrer verlegten damals die Elternabende in den Speisesaal, damit ich dabei sein konnte", rekapituliert die zweifache Mutter. Treppen über Treppen, sogar der neu gebaute Hort verfügt über keinen Fahrstuhl. Heike Barthel: "Es ist gut, dass im Zuge der Inklusion etwas getan werden muss. Wie sonst sollen andere Kinder den normalen Umgang mit Menschen mit Behinderung von kleinauf lernen?"

Und wenn die Betroffene schon einmal beim Thema Schulen ist, dann spricht sie gleich noch die beiden anderen in der Stadt an. Die Oberschule besucht Sohn Florian in der zehnten Klasse. "Ich konnte in letzter Zeit nie bei den Elternabenden dabei sein, weil sie immer oben waren", kritisiert sie. Und im Freien Gymnasium, in das Tochter Anja geht, sei nur das Untergeschoss barrierefrei. "Wünschenswert wären Fahrstühle bei den nächsten Bauabschnitten, wenn sie denn umgesetzt werden."

Die Rolli-Fahrerin will nicht in erster Linie andere kritisieren. "Mir geht es darum, Verbesserungen anzuregen", sagt sie unterwegs zur letzten Station des Tests, dem Bahnhof. Von Vorteil wäre es, wenn im Vorfeld von Baumaßnahmen Menschen mit Behinderung beratend hinzugezogen würden. Eine Forderung, die stets aufs Neue von Behindertenverbänden formuliert wird, bei Bauherren und Architekten jedoch häufig auf taube Ohren stößt. Mit einem besseren Gehör könnten sie manche Behinderung im öffentlichen Leben von vornherein vermeiden.

Am Ziel angekommen, lobt Barthel den Bahnhofsvorplatz, der einen reibungslosen Wechsel zwischen Bus und Zug ermögliche. Ein anderes Bild auf dem Bahnsteig mit seinen abgesenkten Bereichen, die das Überqueren der Gleise hinüber zur anderen Plattform ermöglichen sollen. "Die Züge halten nach dem Zufallsprinzip", erläutert Barthel. "Wenn sich die Tür genau in so einem Bereich befindet, komme ich nicht rein. Die Zugbegleiter haben zwar ein Brett, das sie anlegen können, damit ich hinauf fahren kann. Doch da muss ich zwei Tage vorher anmelden, dass ich einsteigen will."

Also doch lieber mit dem Bus fahren. Vorm Bahnhof hält gerade einer von den Leipziger Verkehrsbetrieben. Ein freundlicher Fahrer öffnet die Tür und klappt die fest installierte Rampe heraus. Heike Barthel kann hier bequem zusteigen. Und ortsfremde Rolli-Fahrer gelangen barrierefrei in die Stadt. Ein Tor Naunhofs, das bei allen erwähnten kleinen und großen Mängeln in die Zukunft weist.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.09.2013

Pfeifer, Frank

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