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Toreflut nach Hochwasser

Toreflut nach Hochwasser

Solange es keine Schlammpackung war, egal. FC-Präsident Egon Pape buchte das 0:8 eh nur als Zahlenspiel ab. Ihn interessierten die harten Fakten: Als Sprecher Tilo Rantzsch die Zuschauerzahl 1250 verkündete, war der Jubel größer als bei allen acht Gästetreffern zusammen.

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Publikumsmagnet RB: Der Kapitän Timo Röttger (Nr. 18) trieb die Gäste aus Leipzig immer wieder an. Dabei geriet das Resultat diesmal nur zur Nebensache. Viel wichtiger war, dass 1250 Zuschauer zum Benefizspiel kamen und der Rasen nach wochenlanger Schlammschlacht wieder grün ist.

Quelle: Andreas Röse

Tatsächlich stauten sich die Fans am Kassenhäuschen zeitweise bis zum Nicolaiplatz zurück, weswegen das Spiel mit zehnminütiger Verspätung begann. Niemanden störte das. Kein Wunder: Die Einnahmen des Spiels kommen den geschundenen Grimmaer Kickern zugute, die nach der Hochwasserkatastrophe jeden Cent brauchen.

Die stattliche Kulisse hatte sich der Verein mehr als verdient. Oldie Werner Ritter, der für den FC Grimma sogar noch mit 75 Jahren als Schiedsrichter unterwegs ist, lobte den Sachsenligisten: "In den Vorjahren mussten wir immer wieder um den Klassenerhalt zittern, so gesehen ist Tabellenplatz 6 in dieser Saison eine Superleistung." Nachwuchstrainer Daniel Kurzbach würdigte ausdrücklich auch die Erfolge der Youngster: "Die F-Jugend wurde Pokalsieger, die B-Jugend hielt in der Landesliga die Klasse, na und die C-Jugend, was meine Mannschaft ist, schaffte sogar den Aufstieg, spielt fortan auf Sachsenebene."

Obwohl der frischgebackene Drittligist RB Leipzig in Grimma bereits 0:3 führte, brach Balljunge Paul Diermann deshalb noch lange nicht in Tränen aus. Der 13-jährige Mittelfeldspieler hatte großen Anteil am Aufstieg seiner C-Jugend und ist froh, dass in Grimma der Ball überhaupt wieder rollt. "Die erste Woche nach der Flut konnten wir gar nicht trainieren. Da schippten wir jeden Tag fleißig Schlamm und fuhren ihn in der Karre ab. Später trainierten wir auf einem Ausweichplatz in Nerchau."

Stadionverantwortlicher und einstiger Fifa-Referee Harald Sather, der an jenem Fluttag zusammen mit Platzmeister Dietmar Böhme bis zuletzt versuchte zu retten, was nicht mehr zu retten war, schätzt den Schaden auf rund anderthalb Millionen Euro: "Sauna, Entspannungsbecken, Medizinraum - es war einmal." Grimmas Fußballrecke Matthias "Ossy" Seifert stellte unisono mit Teammanager Tom Rietzschel klar: "Der Rasen sieht zwar optisch gut aus, doch die Drainage ist mit Schlamm zugesetzt. Das Wasser läuft nicht richtig ab." Präsident Pape brachte abermals ein neues Stadion an einem anderen Standort ins Gespräch. "Jederzeit kann die nächste Flut kommen. Bei wem sollten wir uns da noch versichern?" Er träumt von einem kleinen feinen Stadion für 5000 Zuschauer - "dann könnten wir auch weiter internationale Spiele ausrichten."

RB führte inzwischen 0:6. Für David Kauerauf kein Grund, Trübsal zu blasen. Solange er denken kann, sei er Fan von Grimma, sagte das 33-jährige Gründungsmitglied des Fanclubs Stehplatztribüne. Für David war das Benefizspiel eine willkommene Gelegenheit, mal durchzuatmen: "Ich bin Filmvorführer. Unser Kino ist genauso abgesoffen wie das Haus, in dem ich wohne. Jetzt bin ich arbeitslos. Auf meiner Kündigung aber steht: Sofortige Wiedereinstellung bei Wiedereröffnung." In Grimma-West verbrachte er seine Kindheit, als Stift bolzte er auf dem Willi-Schmidt-Sportplatz: "Nie hätte ich mir träumen lassen, dass unsere Erste Mannschaft - wie kürzlich gegen Leutzsch - auf diesem ehemaligen Acker je ein Punktspiel machen würde."

Als Schiedsrichter Enrico Jahn beim Stand von 0:8 abpfiff, bekamen das einige Kiebitze gar nicht mit - so sehr waren sie in ihre Unterhaltung vertieft. Mancher Fan dachte gar, es stünde bereits 0:9. "Ach was, das eine Tor war doch Abseits." Für FC-Spieler Oliver Kurzbach (22), der selbst Schlamm geschoben hatte, ist die hohe Niederlage kein Beinbruch: "RB startete heute in die neue Saison, für uns dagegen war es der Saisonabschluss. Wir spielten nicht in Bestbesetzung - da sollte man nichts überbewerten."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.06.2013

Haig Latchinian

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