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Trebsen schreibt Weltgeschichte

Trebsen schreibt Weltgeschichte


Trebsen. Wenn die Stadt im Mai ihre urkundliche Ersterwähnung vor 850 Jahren feiert, dann sei das kein Kindergeburtstag: „In Trebsen wurde 1945 ein Kapitel Weltgeschichte geschrieben", sagt Frank Patzsch.

. Denn die erste Begegnung zwischen Sowjets und Amerikanern habe es nicht – wie oft behauptet – in Torgau, sondern am Lindhof-Gut vor Leckwitz gegeben: „Leutnant Albert Kotzebue startete seine Patrouillefahrt an jenem 24. April von Trebsen aus."

Der gelernte Maschinenanlagenmonteur Patzsch ist ein Tausendsassa. In den vergangenen sechs Jahren musste er der Arbeit hinterher fahren, war lange im Ausland unterwegs. Ob Frankreich, Holland, Belgien oder Norwegen – überall verband er das weniger Angenehme mit dem Nützlichen: „Ich bin eine Art Krämer, immer auf der Suche nach uralten Ersatzteilen. Wenn ich an einem Container vorbei komme, wittere ich Kanister oder Kochgeschirr der US-Army – eben all das, was Leute achtlos wegwerfen. Ich habe da einen Riecher." Derzeit arbeitet der 53-Jährige einen Lkw Chevrolet auf: „Das ist ein Anderthalb-Tonner. Angefangen hatte ich mit Rahmen, Achse, Tank und Motor. Das war alles. Die Leute zeigten mir den Vogel. Inzwischen aber bin ich mit meinen Freunden schon ziemlich weit. Bremsen und Zündung sind noch das Problem." Bis zum 29. Mai will Patzsch fertig sein. Beim mit Spannung erwarteten Trebsener Festumzug soll es ein eigenes Bild zum Einmarsch der Alliierten geben. Dann wollen die Historiker neben dem Laster auch zwei Original-Jeeps der Marke Willys und Ford GPW präsentieren. „Natürlich in zünftigen GI-Uniformen mit Helm und Kaugummis. Wenn die in Leipzig die Völkerschlacht nachstellen, tun die das ja auch nicht in Jeans", lacht Patzsch.

Der Tüftler stöbert aber nicht nur im Schrott, sondern auch in der Literatur. Mit Interesse las er das Buch „Grenzfluss Mulde". Darin beschreibt Adolf Böhm die Vorstöße der Amerikaner zur Elbe. Laut Böhm gelangten drei Aufklärungstrupps über unseren Raum an die Elbe. Leider sei aber nur jene Patrouillefahrt des Leutnants William Robertson in die Geschichtsbücher eingegangen. Dieser überquerte die Mulde bei Wurzen auf einer Pontonbrücke und reichte sich in Torgau mit dem Weißrussen Alexander Silwaschko die Hände. Die beiden anderen Patrouillefahrten, darunter die von Leutnant Kotzebue, seien weitgehend unbekannt. Patzsch: „Kotzebue überquerte am 24. April die Fabrikbrücke Trebsen. Er wollte den Raum Kühren und Luppa erkunden. In Kühren übernachtete er und fuhr am nächsten Morgen eigenmächtig über Meltewitz nach Dahlen und dann weiter über Lampertswalde nach Osten. Am Lindhof-Gut vor Leckwitz traf seine Gruppe um 11.30 Uhr auf den Kavalleristen Aitkalia Alibekow zu Pferde. Das war der erste Kontakt zwischen amerikanischen und sowjetischen Soldaten auf deutschem Boden." Patzsch imponiert diese Geschichte: „Vor allem exisitiert die nach der Flut 2002 aus der Mulde gezogene Trebsener Fabrikbrücke, auf der Kotzebue damals startete, immer noch. Sie soll bei unserem Festumzug eine wichtige Rolle spielen", verrät der Trebsener. Patzsch besitzt das Alte Testament eines US-Soldaten, das dieser in Trebsen zurückließ, sowie Briefe von Veteranen der 69. Infanteriedivision, die auch im Ort untergebracht war. Mit dem unvergessenen Trebsener Heimatfreund Herbert Konrad führte Frank Patzsch vor Jahren ein Interview, das er auf Kassette festhielt. „Als die Amerikaner am 16. April 1945 aus Richtung Seelingstädt vorrückten, fiel in Trebsen kein Schuss." Augenzeuge Konrad weiter: „In einer Wedniger Feldscheune war Branntwein gelagert. Dreiviertel Liter gab es für zwei Mark und 40 Pfennige. Einen Teil hatten sich die Amerikaner einverleibt. Da können Sie sich ja vorstellen, wie die in den ersten Tagen durch Trebsen fuhren."

Haig Latchinian

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