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Trompeter Ludwig Güttler gibt Nachwuchs auf Schloss Colditz einen Meisterkurs

Landesmusikakademie Trompeter Ludwig Güttler gibt Nachwuchs auf Schloss Colditz einen Meisterkurs

Wenn Star-Trompeter Ludwig Güttler (73) in Colditz seine Meisterkurse gibt, dann sind das Sternstunden in der noch jungen Geschichte der Landesmusikakademie Sachsens: Montag durfte die LVZ hinter die Kulissen des einstigen Marstalls auf Schloss Colditz blicken, in den Freistaat und Musikrat seit 2010 fast vier Millionen Euro investierten. Der Maestro plaudert über Queen und Putin, Frauenkirche und Fluchtmuseum, Ausbildung und Einbildung, Harmonie und Glücksgefühle.

Meisterkurs Trompete mit Ludwig Güttler (M.) auf Schloss Colditz: Julius Hanusch (16, Coswig), Ulrich-Moritz Losfeld (14, Halle), Güttler, Felix Noodt (17, Naumburg), Philipp Rauch (18, Leipzig), Assistent Güttlers, Frank Hebenstreit (v.l.).
 

Quelle: Andreas Döring

Colditz.  Er sei für ihn eine lebende Legende, sagt Matthias Schmudde aus Frankfurt. Oder oder? „Main.“ Der 47-Jährige steht noch ganz unterm Eindruck des Trompeten-Meisterkurses mit Professor Ludwig Güttler. Es ist, als schwärme ein leidenschaftlicher Fußballfan von einer Übungseinheit unter Lionel Messi vom FC Barcelona: „Vor 40 Jahren bekamen wir ein Ost-Paket von meinem Onkel Horst aus Sonneberg. Barocke Trompetenkonzerte mit Ludwig Güttler. Wahnsinn! Jetzt bin ich hier in Colditz und darf im Unterricht des wohl größten Trompeters der Welt hospitieren.“

Der 73-jährige Virtuose winkt ab und erinnert an seine bescheidenen Anfänge: „Zu DDR-Zeiten standen mir von meinen eigenen Produktionen nur immer jeweils zwei Schallplatten zu. Ach, wie viele Konsum-Verkäuferinnen musste ich bestechen, damit sie mir eine Platte mehr verkauften“, plaudert der Professor aus dem Nähkästchen. Dabei brauchte Güttler die Scheiben nicht für sich selbst: 3000 Platten schickte er ins westliche Ausland, nur 30 Adressaten bestätigten den Eingang. „Heutzutage wäre das für jeden PR-Strategen ein Superschnitt.“ Aber auch schon damals war das genug – die 30 Empfänger verpflichteten ihn zu Gastspielen und Konzerten... der Beginn einer beispiellosen Weltkarriere.

Christine Müller (38), Leiterin der Landesmusikakademie Sachsen, freut sich, den Maestro für einen viertägigen Kurs der Spitzenklasse gewonnen zu haben. Seit 2010 steht das Probenhaus auf Schloss Colditz, gleichzeitig Begegnungs- und Bildungsstätte, allen offen: Ob Kindern oder Senioren, ob Superstars oder Laien. 3,4 Millionen Euro investierte der Freistaat Sachsen in den Um- und Ausbau des einstigen Marstalls, der Sächsische Musikrat als Träger steckte weitere 200 000 Euro in Instrumente und Inventar. „Der Rat als größter Musikdachverband Sachsens mit 49 Verbänden und Institutionen hat einen heißen Draht zu Professor Güttler. Er kam hierher, sah die acht Probenräume, war begeistert und sagte sofort zu, hier etwas für den Bläsernachwuchs zu machen“, so Müller.

Perforiertes Eichenfurnier, Akustikputz, Mol-Ton-Vorhänge – Güttler lobt Logistik, Ästhetik und Funktionalität der jüngsten aller deutschen Landesmusikakademien. „Alles auf höchstem Niveau“, sagt der Professor und ergänzt mit Augenzwinkern: „Das könnte Putin nicht besser.“ Güttler muss es wissen, schließlich kennt er den russischen Präsidenten und ehemaligen KGB-Offizier schon länger als manch anderer: „Der saß immer im Weihnachtsoratorium des Kreuzchores.“ Zurück in Colditz: Vor dem Professor sitzen Deutschlands Nachwuchshoffnungen: Jonas Krause aus Meißen, Johanna Mundry aus Wurzen, Felix Noodt aus Naumburg, Philipp Rauch aus Leipzig. Ihre Eltern zahlten für den Kurs 232 Euro, inklusive Übernachtung und Verpflegung in der benachbarten Europa-Jugendherberge.

„Wenn du in der Werkstatt weißt, wo das Stemmeisen liegt, hast du schon gewonnen“, fabuliert der Professor und bringt entsprechend Ordnung ins Handwerkszeug der jungen Musiker: „Jetzt spielst du die reine Quinte zu meinem G ... und jetzt spiele ich das S und du eine saubere Oktave drüber ... die Schwingung war gut, fast ein Treffer – beim Luftgewehrschießen wäre es der Ring zwischen der Elf und der Zwölf.“ Wo die Ausbildung aufhöre, beginne die Einbildung, warnt Güttler seine wissbegierigen Schüler. Man müsse mit den Ohren zu einhundert Prozent bei seinem Mitspieler sein, dürfe dennoch am eigenen Spiel keinerlei Abstriche zulassen. „Eine solche Harmonie und Ausschüttung von Glücksgefühlen erreichst du nur in der Musik!“

Der 14-jährige Ulrich Moritz Losfeld besucht das Hallesche Musik- und Sprachengymnasium Latina. Er ist ein großer Verehrer von Ludwig Güttler, hatte sich auf dessen Konzert bereits ein Autogramm gesichert. Auch für Julius Hanusch (16) vom Landesmusikgymnasium Dresden ist der Professor kein Unbekannter: „Es ist faszinierend, was er alles aus einem heraus kitzelt, er will, dass wir noch besser werden.“ Die Luft müsse durch den ganzen Körper und das gesamte Instrument strömen, hat er gelernt. Als Dresdener weiß Julius, was Güttler, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche, alles geleistet hat und noch leistet.

1500 Benefizkonzerte zugunsten der Dresdener Frauenkirche habe er gegeben, sagt Güttler. 2007 wurde er mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt und zum Officer of the Order of the British Empire ernannt. Queen Elizabeth schüttelte ihm die Hand, er erklärte ihr im Gegenzug die Trompete. „Natürlich weiß ich, was hier in Colditz alles los war. Im Krieg diente das Schloss als Gefangenenlager für alliierte Offiziere. Die Briten bauten ein Segelflugzeug – ich hab’ mir extra die Ausstellung im neuen Fluchtmuseum angeschaut.“ Geschichte sei eines seiner Lieblingsfächer in der Schule gewesen. Und Biologie: „In der achten Klasse schrieb ich meine Abschlussarbeit über Pferdezucht.“ Weil er nicht zum ersten Mal in Colditz unterrichtet, hat er inzwischen immer einen Koffer in der Stadt stehen. Er logiert bei Familie Voigt-Ellinger in der Pension am Albertberg, schätzt seine Gastgeber, das gemütliche Zimmer und das reichhaltige Frühstücksbuffet mit Obst und Müsli.

Sylke Friedrich aus Zschirla bei Colditz ist in der Landesmusikakademie für die Organisation zuständig. Ob Schulchöre, Pop-Bands, Jazz-Workshop oder Musicalcamp – wenn die Musiker kommen, sind die Instrumente schon da: „Zusammen mit Hausmeister Fred Ittel tragen wir alles an seinen Platz – vom Podest bis zur Pauke“, lacht die 50-Jährige und schwitzt bereits vom Erzählen. 2016 konnte die Akademie 11 000 große und kleine Künstler begrüßen, in diesem Jahr haben sich bereits weit über 13 000 angesagt. Die Landesmusikakademie – ein Glücksfall fürs Schloss, für Colditz und die Kunst.

Die Thomaner aus Leipzig gehören längst zu den Stammgästen im Haus. In den letzten drei Tagen der Sommerferien eröffnen sie in Colditz immer ihre neue Saison. Dann werden die „Mutanten“, die Stimmbrüchigen, heraus gefischt, die Colditzer zum sonntäglichen Gottesdienst verzückt und die jüngsten Thomaner zünftig getauft: „Die stehen dann immer auf der Terrasse der Jugendherberge, rufen ihren Künstlernamen in Richtung Park und bekommen einen Eimer Wasser drüber“, weiß Akademieleiterin Müller zu berichten. „Nein, es sind weniger brave Klosterschüler als vielmehr super wilde Jungs.“ Auch die Kruzianer aus Dresden seien schon dagewesen. Sie hätten ihre beiden Chorleiter sogar zum Rap-Wettbewerb antreten lassen.

Die Landesmusikakademie ist immer für eine Überraschung gut. Auch der Meisterkurs lässt sich zum Abschluss was ganz besonderes einfallen, bastelt an einem kleinen Extra-Konzert. Für Chefköchin Susan Heinich und ihre Kolleginnen der Europa-Jugendherberge, die ihnen in den vier Tagen jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hätten. Ludwig Güttler sagt, was alle denken: „Diesmal servieren wir mit unseren Trompeten den Nachtisch.“

Von Haig Latchinian

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