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Unfallschwerpunkt Colditz: "Ich sehe dort immer noch Pascal"

Unfallschwerpunkt Colditz: "Ich sehe dort immer noch Pascal"

Das Sächsische Verkehrsministerium will Unfallhäufungsstellen untersuchen und entschärfen. Es gibt Menschen, für die kommt dieser theoretische Ansatz zu spät.

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Dunkle Wolken mit Symbolgehalt: Cornelia Kasten erlebte auf der Kreuzung am Colditzer Ortseingang ihre dunkelsten Stunden.

Quelle: Heinrich Lillie

Colditz. Viel zu spät. Weil die Realität längst erbarmungslos zugeschlagen hat.

Fast auf den Tag zwei Jahre ist es her. Cornelia Kasten erinnert sich noch genau an jenen Sonnabend, an jenen 17. September 2011. Nach dem gemeinsamen Frühstück bricht ihr damals 17-jähriger Sohn Pascal-Dominic mit seiner Freundin auf dem Moped auf. Wenige Minuten später kommt der Anruf: Unfall. Mit Tochter Caroline-Isabell macht sich Conny Kasten auf den Weg. Die Bilder, die sie sieht, haben sich eingebrannt in ihrem Kopf. "Pascal lag in Unterhose auf der Straße. Und das erste, was der Notarzt mir sagte, war, dass es nicht gut aussieht." Ein Feuerwehrmann hat sie zurückhalten müssen, erinnert sich die Mutter an furchtbare Gefühle. An Ewigkeiten, die es dauert, bis der Sohn endlich per Hubschrauber in die Uniklinik geflogen wird. Sie sieht auch noch den jungen Autofahrer vor sich, der Polizisten und Feuerwehrleute anpflaumt mit den Worten "Räumt doch mal den Dreck hier weg, damit ich durchkomme." Und sie sieht die Schaulustigen, die mit ihren Handys ein Foto nach dem anderen schießen. Die Einsatzkräfte müssen Caroline einfangen. "Das ist mein Bruder", schreit sie die Gaffer an und will auf sie losgehen.

Passiert ist der Unfall, weil ein Autofahrer, aus der zur Bundesstraße 107 hin ansteigenden Weststraße kommend, Pascal-Dominic die Vorfahrt nimmt: Der 17-Jährige wird unter den Pkw gedrückt, auf der Straße mitgeschleift. Seine Freundin erinnert sich daran, dass sie über den Wagen fliegt. Ihr Glück, sie kommt mit Prellungen und Schürfungen davon. Pascal-Dominic hingegen erwischt es schwer: offener Beinbruch, Handgelenk- und Rippenbruch und - gequetschte Nerven im Kopf. Stundenlang operieren die Ärzte, dann fällt er ins Koma. Vier Tage lang. Danach monatelange Rehabilitation. Neurologische Klinik, geschlossene Abteilung. Im Dezember darf er nach Hause, später folgt die Behandlung in einer Tagesklinik. Auch zwei Jahre danach fehlen ihm noch drei Monate in seiner Erinnerung. Bei seiner Mutter ist das anders. Sie hat den Kampf der Familie noch genau vor Augen. Und sie sieht, dass die fehlende Erinnerung nicht alles ist, was ihr Sohn erlitten hat.Die Behandlungen sind noch längst nicht abgeschlossen.

Der Unfallverursacher hat seine Schuld nie bestritten. Seine Tochter und er selbst haben sich bei ihr gemeldet. "Doch ich konnte nicht mit ihm reden", sagt Conny Kasten. "Wenn ich heute an der Kreuzung stehe, sehe ich immer noch Pascal dort liegen."

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.09.2013

Heinrich Lillie

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