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Verfassungsmedaille für Frank Nemetz aus Threna

Ehrung Verfassungsmedaille für Frank Nemetz aus Threna

„Sie sensibilisieren uns für politische Unrechtstaten und geben den Opfern und ihren Angehörigen eine Stimme.“ Nachdem Landtagspräsident Matthias Rößler diese Worte gesprochen hatte, verlieh er Frank Nemetz aus Threna die sächsische Verfassungsmedaille. Er ehrte damit einen Menschen mit einer außergewöhnlichen Biografie, der Leid erfuhr und jetzt anderen Menschen hilft.

Engagement nach leidvollen Erfahrungen: Frank Nemetz, Landesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, saß in den 1960ern in Haft.
 

Quelle: Andreas Döring

Belgershain/Threna.  Sie sensibilisieren uns für politische Unrechtstaten und geben den Opfern und ihren Angehörigen eine Stimme.“ Nachdem Landtagspräsident Matthias Rößler diese Worte gesprochen hatte, verlieh er Frank Nemetz aus dem Belgershainer Ortsteil Threna die sächsische Verfassungsmedaille. Er ehrte damit einen Menschen mit einer außergewöhnlichen Biografie, der Leid erfuhr und jetzt anderen Menschen hilft.

Ein stilvolles Haus, das Licht atmet; ein kleiner uriger Garten – wer Frank Nemetz in seinem Wohnumfeld sieht, könnte meinen, damit kann er sich zufrieden geben. Doch irgendetwas fehlte ihm, als er nach all den Arbeitsjahren, in denen er oft zwölf Stunden am Tag Leistung zeigte, in Rente ging. Damals, 2006, kamen sie plötzlich in ihm hoch, die alten Geschichten, die er so sehr verdrängt hatte und von denen er bis 1989 bei Strafe niemandem erzählen durfte. Auf einmal sah er die Bilder wieder, und er wusste, dass die Erinnerungen Konsequenzen haben mussten, Engagement von ihm forderten.

Landtagspräsident Matthias Rößler (r) überreichte Frank Nemetz die sächsische Verfassungsmedaille nebst Urkunde

Landtagspräsident Matthias Rößler (r.) überreichte Frank Nemetz die sächsische Verfassungsmedaille nebst Urkunde.

Quelle: SLT / René Deutscher

Jung war er, kein Freund des Kommunismus, aber jemand, der nicht aufbegehrte. „Ich habe alles mitgemacht“, bekennt der Ruheständler. In Leipzig begann er 1966 ein Chemieingenieur-Studium, alles lief seinen sozialistischen Gang.

Die Mutter seines Sportsfreunds, mit dem er an der Deutschen Hochschule für Körperkultur Hammer- und Diskuswerfen trainierte, war allerdings nach drüben gemacht, wie das seinerzeit hieß. Sie wollte ihre Kinder nachholen, besorgte Pässe der Bundesrepublik für sie. Die Staatssicherheit bekam Wind davon und verhaftete den Freund. Nemetz ging zu dessen Schwester, um nach dem Befinden ihres Bruders zu fragen; sie hatte inzwischen die Pässe durch einen Kontaktmann erhalten. Aus Angst, sie könnten bei einer Hausdurchsuchung entdeckt werden, gab sie diese Nemetz, der sie verstecken sollte.

Wenig später kam auch die Schwester in Haft. Und Nemetz fürchtete, verwickelt zu werden. So verbrannte er die Pässe. Wohl ein Fehler, denn bald darauf bestellte ihn die Stasi ein und glaubte ihm nicht, dass die Pässe vernichtet sind. „Sie dachten, ich wollte sie für mich und Gabriele, meine spätere Frau, benutzen“, berichtet der 72-Jährige.

Während er in Untersuchungshaft auf dem Kaßberg in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, saß, unternahm die Stasi den Versuch, auch seine Verlobte beim Wickel zu kriegen. Zwei Herren, angeblich Schleuser, suchten sie auf und wollten ihr Westpässe für sie und Nemetz überreichen. Sie ahnte die Falle, die – das beweisen Dokumente – von der Stasi detailliert vorbereitet worden war, und lehnte ab.

Wenig später wurde Nemetz wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer Republikflucht zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein mutiger Anwalt boxte die Revision durch, das Strafmaß wurde auf ein Jahr abgemildert und auf Bewährung ausgesetzt. So kam der junge Mann mit acht Monaten Untersuchungshaft davon. Acht Monate Einzelhaft, tagsüber stehend, mit der Verabreichung von Psychopharmaka. Eine Entschädigung bekam er dafür in der DDR nicht. Erst nach der Rehabilitierung, die er 1992 beantragt hatte, erhielt er umgerechnet 300 Euro pro Haftmonat.

Nach der Haft musste sich Nemetz in der Produktion bewähren, wie der Sprachgebrauch damals lautete. Doch er hatte quasi ein Berufsverbot. Rund 30 Betriebe fuhr er ab, die Mitarbeiter suchten. „Keiner wollte mich nehmen“, schildert er. Bei den Leipziger Eisen- und Stahlwerken durfte er endlich als Werkstattprüfer anfangen. Ein Unternehmen, das dringend Fachkräfte brauchte, aber nicht fand. So wurde ihm sogar erlaubt, sein Studium zu Ende zu führen, um danach wieder im Betrieb, der inzwischen Gisag hieß, einzusteigen. Noch verrückter: Er machte in der Folge sogar eine gewisse Karriere, arbeitete zuletzt in der Hauptabteilung Rechenzentrum des Gießerei-Kombinats.

Nach der deutschen Wiedervereinigung bewarb sich Frank Nemetz beim im Aufbau befindlichen Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Als Abteilungsleiter war er verantwortlich für die technische Ausstattung der Zentrale in Leipzig, der Landesfunkhäuser und des Hörfunks in Halle. Weil im Rundfunkrat unter anderem ein Vertreter der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) sitzt, kam er im Ruhestand auf den Gedanken, dieser Organisation beizutreten. 2012 wurde er dort Bezirksvorsitzender für Leipzig und zwei Jahre später sächsischer Landesvorsitzender. Inzwischen gehört er selbst dem MDR-Rundfunkrat an, er ist aktiv in Gremien des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und im Beirat der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.

400 Mitglieder hat die VOS im Freistaat, sie betreut 7000 Menschen, die monatlich 300 Euro Opferrente beziehen, die jedem zustehen, der in der DDR mindestens sechs Monate aus politischen Gründen inhaftiert war. Ein gewisser Ausgleich, denn in der Regel konnten die Betroffenen nach ihrer Haftzeit nur noch schlecht bezahlte Arbeiten annehmen und befinden sich deshalb heute in schwierigen sozialen Lagen. Nemetz vermutet, dass noch nicht jeder von seinem Recht auf die Opferrente Gebrauch machte. „Bis Ende 2019 muss man einen Antrag stellen, dann erlöschen die Ansprüche“, warnt er und bittet, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Auch Kinder und Ehepartner verstorbener politischer Häftlinge berät er gern, sie können bis zu 3000 Euro pro Jahr als Beihilfe erhalten. Für jene, die im Jugendwerkhof Torgau saßen, endete die Antragsfrist zwar am 30. Juni dieses Jahres. „Wer erst jetzt zu uns kommt, dem versuchen wir trotzdem noch zu helfen“, verspricht Frank Nemetz.

Diese sächsische Verfassungsmedaille erhielt Frank Nemetz

Diese sächsische Verfassungsmedaille erhielt Frank Nemetz. Das Datum erinnert an die erste Verleihung dieser Auszeichnung im Jahr 1997.

Quelle: Andreas Döring

In seiner Arbeit bei der VOS lernte er zahlreiche Menschen kennen, die, so sagt er, „noch ganz andere Geschichten als ich erzählen können.“ Menschen, die unter anderem im Speziallager Mühlberg, in dem nach 1945 rund 6800 Menschen ums Leben kamen, die Hölle durchgemacht haben. Menschen, die auf vielfältige Weise unschuldig unter die Räder kamen.

Dem Einsatz von Nemetz ist es maßgeblich zu verdanken, dass vor der Videokamera von Ariane Zabel Zeitzeugen von ihren Erfahrungen berichteten. Erschütternde Berichte, aus denen zwei Bücher entstanden – eins über den Raum Leipzig-Wurzen und eins über das Gebiet Dresden-Chemnitz. Ein drittes, das sich dem Vogtlandkreis widmet, befindet sich gerade in Arbeit.

Wir sind froh, dass der Freistaat Sachsen als einziges Bundesland die Opferverbände und Aufarbeitungsinitiativen jährlich mit 130 000 Euro unterstützt“, sagt Nemetz. Das decke die Unkosten, ansonsten wäre es nicht möglich gewesen, solche Hefte zu produzieren. „Wir machen alles ehrenamtlich, haben keine Lobby“, bedauert der Threnaer.

Dennoch ist die Arbeit aus seiner Sicht weiterhin wichtig. „Es werden oft nur die guten Seiten der DDR herausgestellt. Doch das war eine Diktatur, in der bis 1988 die Todesstrafe galt“, verdeutlicht er. „Der größte Fehler im Zuge der Wiedervereinigung war es, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands als politischen Intriganten nicht zu verbieten. Der thüringische Ministerpräsident Ramelow ist der einzige Linke, der anerkennt, dass sie eine Unrechtspartei war. Alle anderen schwören noch auf ihre Linie.“

Die Verfassungsmedaille des Freistaats sieht Frank Nemetz als Würdigung der ehrenamtlichen Arbeit seiner Vereinigung an. „Damit wird gezeigt, dass wir nicht allein gelassen werden“, meint er. Für Landtagspräsident Rößler ist es Sachsen ein Anliegen, die Erinnerung an politisches Unrecht und Willkür durch den Staat nicht aus dem historischen Gedächtnis verschwinden zu lassen. „Doch erst durch Menschen wie Sie, verehrter Herr Nemetz, und Ihr Engagement wird diese Intention mit Leben erfüllt und in die Tat umgesetzt“, sagte er zur Verleihung der Verfassungsmedaille.

Terminvereinbarung mit Frank Nemetz für die Beratung zur Opferrente unter Telefon 0151/17 29 38 97. Schriftliche Anfragen an die Bezirksgruppe Leipzig der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Altenburger Straße 7, 04275 Leipzig. Dorthin können sich auch Interessenten für eine Mitgliedschaft in der VOS wenden, sie müssen nicht unbedingt politisch verurteilt worden sein.

Von Frank Pfeifer

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