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Grimma Verletzter Schwan aus Naunhof erhält Prothese
Region Grimma Verletzter Schwan aus Naunhof erhält Prothese
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11:01 02.05.2018
Ausgetrickst: Stefan Bröckling von Tiernotruf.de aus Düsseldorf, fing den Schwan im Autobahnsee. Quelle: Ramona Auerswald
Brandis/Naunhof

Gleich mehrere Märchenmotive fließen in das Ballett Schwanensee von Tschaikowski ein. Und Märchen gehen bekanntlich gut aus. Auf ein Happy End hoffen auch die Tierschützer, für die in den vergangenen Wochen die Musik am Autobahnsee spielte, der je zur Hälfte auf Brandiser und Naunhofer Flur liegt. Mit großem Aufwand gelang es ihnen, einen Schwan einzufangen und in tierärztliche Behandlung zu bringen, der sich im Winter in einer Angelschnur verheddert hatte. Zwar ließ sich nicht umgehen, ihm ein Bein zu amputieren, aber vielleicht schon am Montag kann ihm eine Prothese angepasst werden.

„Vergangenen Montag haben wir einen Abdruck genommen“, sagt die Deubener Tierärztin Sabine Hauptvogel (46). Der Schwan war am 18. April zu ihr gebracht worden, noch am gleichen Tag musste sie ihm ein Bein abnehmen, das durch die Angelsehne abgeschnürt und in der Folge abgestorben war. Jetzt arbeitet ein Leipziger Hersteller von Tierprothesen an einem Ersatz aus Kunstharz. „Für ihn ist das Neuland, denn nach seiner Kenntnis wurde deutschlandweit erst an einem Schwan eine Prothese angesetzt“, erklärt die Medizinerin. „Diese war aber nicht so lang wie jene, die wir bei unserem Vogel brauchen.“

Naunhofs Ordnungsamtsleiter Daniel Brcak zeigt sich fassungslos, weil eine Angelschnur dem Schwan zum Verhängnis geworden war. „Das ist ein großes Ärgernis an unseren Seen“, sagt er. „Angler dürfen ihre Schnüre und Haken nicht am Ufer liegen lassen, denn sie stellen eine enorme Verletzungsgefahr für Tiere und Besucher dar. Aber Verstöße gegen diese Pflicht kommen immer wieder vor.“

Ein mehrwöchiges Drama um Höckerschwan Roland soll jetzt noch ein gutes Ende bekommen.

Wie und wann der Schwan sich verfing, weiß niemand. Am 12. Februar bemerkten Passanten das offenbar hilflose Tier, das auf einer kleinen Insel in der Mitte des Sees festgefroren war. Die hinzugerufene Feuerwehr Brandis bahnte sich mit einem Schlauchboot einen Weg durch das Eis. Als sie dem Tier näher kam, floh es aber robbend vor den Rettern. Nach reichlich zwei Stunden gaben sich die Einsatzkräfte geschlagen.

Am nächsten Tag erteilte die Jagdbehörde des Landkreises dem Jagdpächter Alexander Stelzer den Auftrag, sich des Falls anzunehmen. „Das geschieht immer, wenn Wild verunfallt oder sich verletzt“, erläutert der 39-Jährige. „In der Regel endet das mit einem Gnadenschuss. In diesem Fall entschied ich mich aber dagegen. Ich gehöre nicht zu den Jägern, die gleich zur Waffe greifen.“

Gepostet von Stefan Bröckling am Samstag, 21. April 2018

Wie er gerade das Tier beobachtete, kam Ingrid Thunig mit ihren Hunden vorbei. Die 70-Jährige Berlinerin, die sich in ihrem Beuchaer Wochenendhaus direkt am See aufhielt, hatte vom bisherigen Geschehen nichts live mitbekommen. Nun kochte sie für Stelzer Fencheltee, unterhielt sich mit ihm, und beide beschlossen, den Vogel zu retten.

Mehrere Rettungsversuche scheiterten

Ein erneuter Versuch, diesmal der Beuchaer Feuerwehr, die sie riefen, scheiterte. „Die Männer kamen einfach nicht mit dem Boot an den Schwan ran. Er flog, kurz bevor sie ihn erreicht hatten, zum anderen Ende des Sees. Dort befand sich dann am kleinen Sandstrand überall Blut, und wir sahen, dass sein Bein verletzt war. Die Feuerwehr zog unverrichteter Dinge ab. Aber sie gab dem Tier noch den Namen Roland“, berichtet Thunig.

Über eine Freundin fand sie Kontakt zu Ramona Auerswald (43), die wiederum Karsten Peterlein von der Leipziger Wildvogelhilfe des Naturschutzbundes Deutschland hinzuzog. „Er schlug vor, dass ich Vertrauen zum Schwan aufbaue und ihn füttere“, so Thunig. „Das ging ganz schnell, denn er war ausgehungert. Er kam immer näher.“ In Abständen wollte Peterlein ihn mal mit einem Kescher, mal mit einem Netz fangen. Sogar ins eisige Wasser stürzte er sich. Alles vergebens.

Letzte Hoffnung Tiernotruf

Woche um Woche vergingen in dem Drama, das so wenig märchenhaft erschien. Auerswald dokumentierte das Geschehen mit der Kamera und erkannte auf den Fotos, wie sich der Zustand des Beins verschlechterte. Das Internetportal Tiernotruf.de schien ihr die richtige Adresse für eine Unterstützung zu sein, eine Düsseldorfer Organisation.

Gepostet von Stefan Bröckling am Samstag, 21. April 2018

Gründer Stefan Bröckling scheute sich zunächst vor der 500 Kilometer langen Strecke. Der Einsatz würde den 47-Jährigen einen wertvollen Tag kosten, an dem er angesichts der beginnenden Brutzeit mehrere andere Tiere retten könnte. Doch Auerswald ließ nicht locker, schickte ihm Fotos vom Bein. Umgehend setzte er sich ins perfekt ausgestattete Nothilfeauto und begab sich auf seine bislang weiteste Rettungstour.

Beherzter Sprung ins flache Wasser

„Man muss das Tier mit Körnern ins flache Wasser locken“, erläutert er. „Taucht der Schwan mit dem Kopf unter, um sie zu fressen, erkennt er nicht, was über ihm geschieht, weil sich die Oberfläche immer bewegt. So kann man ihn fangen.“ Doch das artgerechte Futter interessierte Roland nicht. Deshalb musste Bröcking tun, wovon er ansonsten abrät. Er nahm Brot, rollte es zu festen Kugeln, die auf den Grund hinabsanken. Nach 15 Minuten fiel der Vogel darauf rein, der Tierschützer rannte ins Wasser und fasste blitzschnell zu. Sofort stülpte er ihm eine Haube über den Kopf, damit Roland nichts mehr sehen konnte und sich somit beruhigte.

Mit seinem Wagen brachte ihn Bröckling zur Tierärztin, die ihn nach der Amputation tagelang mit Antibiotika behandelte. Sie hofft, den Schwan, sobald dessen Prothese sitzt, möglichst schnell in der freien Natur aussetzen zu können. „Damit sich seine Muskeln nicht so stark zurückbilden, während er hier in Obhut ist“, begründet Hauptvogel.

Spenden für Prothese werden gebraucht

Sollte er wieder am Autobahnsee seine Runden drehen, ist falsch verstandene Tierliebe unangebracht. Für ihn gilt das selbe wie für alle Wasservögel. „Unsere Lebensmittel dienen nicht ihrer Gesundheit und verschmutzen außerdem das Wasser“, erklärt Ordnungsamtsleiter Brcak. Tierschützer Bröckling mahnt drastisch: „Es gibt keinen Grund, sein altes Brot in Wasservögeln zu entsorgen.“ Wer sie füttern will, solle artgerechtes Futter, also Körnerfutter, nehmen. „Das ist das Beste, was man machen kann – einfach, nicht teuer und es macht keinen Dreck.“

Um alle entstandenen und noch entstehenden Unkosten decken zu können, bitten Ingrid Thunig und Ramona Auerswald um Spenden. Eine Büchse haben sie schon im Brandiser Eiscafé „Lilly Vanilly“ und bei Edeka aufgestellt, weitere sollen folgen. Jagdpächter Stelzer, Geschäftsführer des Borsdorfer Vereins Meta, der im Auftrag des Landkreises Leipzig Familien in Notsituationen hilft, stellte ein Treuhandkonto zur Verfügung, auf das Spenden eingezahlt werden können. Mit dem Geld wäre für sämtliche Akteure das Märchen perfekt. „Ich bin heilfroh. Wenn jetzt auch alles mit der Prothese klappt, wäre das eine runde Sache“, meint Auerswald.

Spendenkonto: Verein für Familie, Bildung & Soziales, IBAN: DE57 8605 5592 1100 9778 95, BIC: WELADE8LXXX, Betreff: Schwanrettung

Von Frank Pfeifer

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