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Grimma Vor 150 Jahren: Beginn für Behandlung der Seele
Region Grimma Vor 150 Jahren: Beginn für Behandlung der Seele
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00:25 17.04.2018
Im vollverspiegelten Raum des Psychiatrie-Museums erlebt der Besucher das Innenleben des Gehirns. Quelle: Frank Schmidt
Zschadraß

Olaf Beyer war in Zschadraß einst selber in stationärer Behandlung. Eine Zeit lang wohnte er auf dem Klinikcampus. Damals wollte sich der heute 56-Jährige nützlich machen. Er wurde auf die Gesellschaft Schloss Colditz aufmerksam und half mit, die Geschichte der psychiatrischen Landesanstalt auf Schloss Colditz zu erforschen. Groß war die Freude bei Erwerbsunfähigkeitsrentner Beyer, als er das Angebot bekam, stundenweise als Betreuer im Zschadraßer Psychiatrie-Museum einzusteigen.

Ausstellung spricht alle Sinne an

Innehalten und den Geschichten der ehemaligen Patienten lauschen, das kann der Besucher in diesen Sitzkörben. Quelle: Frank Schmidt

Das Innere des Klinkerbaus 15 a des Zschadraßer Krankenhauses ist nichts für schwache Nerven. Geleitet vom Zeitstrahl auf den altehrwürdigen Fußbodenkacheln betritt der Besucher nacheinander fünf Rauminstallationen des in Wien, Berlin und für das Projekt vorübergehend in Zschadraß lebenden Künstlers Christoph Mayer. Ob im feuerroten Zimmer mit verkohlten Schränken, in schwebenden Korbsesseln oder in den unendlichen Weiten eines begehbaren Gehirns – die Ausstellung spricht alle Sinne an.

Geisteskranke galten noch bis ins 19. Jahrhundert hinein als Abschaum. Nicht selten wurden sie weggesperrt – fristeten mit Schwerverbrechern in dunklen Verliesen und an Ketten ihr trostloses Dasein. Geradezu revolutionär waren da die Ideen von Christian August Fürchtegott Hayner, des Direktors der 1829 auf Schloss Colditz gegründeten Anstalt: Für ihn waren die Kranken keine Menschen dritter oder vierter Klasse, nicht mal Menschen zweiter Klasse. Der weltgewandte Schriftsteller David Ferdinand Koreff (1783-1851) nannte ihn einen der „ausgezeichnetsten Männer Europas“. Er pries dessen „Erfolge in der Behandlung der Geistesstörungen“ aber auch seine „unerschöpfliche Nächstenliebe“.

Patienten mit Beschäftigung therapieren

Heimatforscher Albert Peter Bräuer weiß, dass Hayner einen Festsaal einrichten ließ, in dem Nervenkranke vor ihresgleichen Theater spielten und musizierten. Als einer der europaweit Ersten propagierte er die Arbeit in der Landwirtschaft und in Gärten – die Beschäftigungstherapie. Unter dem späteren Anstaltsdirektor Friedrich August Hermann Voppel wurde genau das Wirklichkeit. Mit Bezug auf die Theorien des Reformpsychiaters Wilhelm Griesinger startete die sächsische Regierung im Nachbardorf Zschadraß, damals ein kleiner Ort mit gerade mal zehn Bauerngütern, ein auch überregional vielbeachtetes Experiment: Als Außenstelle der Schlossklinik gründete der sächsische Staat die „agricole Kolonie“, eine „Irren-Colonie“ mit landwirtschaftlicher Arbeitsweise.

Der Ursprung der Anstalt

An jenem 15. April 1868, auf den Tag genau vor 150 Jahren, bezogen zwei Kranke aus der Landesversorgungsanstalt Colditz zusammen mit einem Pfleger und dessen Familie das ehemalige Gut von Friedrich August Wilhelm Stecher. Schon am 6. Mai folgten weitere acht Kranke und ein Wärter nach. Der ruhige Ort ohne Schule, Kirche und Wirtshaus schien dem sächsischen Königreich besonders geeignet. Immer mehr Güter wurden aufgekauft, weitere Baracken errichtet. Die Kolonie mit ihren Feldern, Ställen und Werkstätten – ein absoluter Erfolg: „Unter dem Einflusse gesunder und in ihren Zielen als vorteilhaft erkannter Tätigkeit erwerben die Kranken ein Gefühl wohltuender Befriedigung, welches sich bei ihnen durch den Vergleich zwischen dem Leben in der geschlossenen Anstalt und dem in der Meierei immer mehr befestigt, und sie im Widerstande gegen das Überwuchern krankhafter Ideen und Triebe kräftigt“, heißt es im Jahresbericht 1872 des Landes-Medicinal-Collegiums.

Ausstellung zeigt wechselvolle Geschichte

Olaf Beyer vom Museum präsentiert die Geschichte der Nervenheilanstalt. Quelle: Frank Schmidt

Olaf Beyer führt durch das Museum. Ein Wechselbad der Gefühle. Sternstunden und Abgründe: Wegen der miserablen Lebensumstände im Ersten Weltkrieg starben in Zschadraß hunderte Patienten. Nach dem Schrecken wurden bis 1924 etliche Tuberkulosekranke in den zum Teil leerstehenden Gebäuden untergebracht. In der Nazizeit war auch Zschadraß in Zwangssterilisation und Massenmord verstrickt. Auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurden mindestens 226 geistig Behinderte und psychisch Kranke direkt in eine Tötungsanstalt geschickt. 3910 Patienten aus anderen Anstalten fanden hier zeitweise Unterbringung, ehe sie zur Vernichtung „verlegt“ wurden.

Lungenheilkunde war international angesehen

In der DDR knüpfte das Krankenhaus wieder an die fortschrittlichen Traditionen der Gründerjahre an, auch wenn die baulichen Verhältnisse zu wünschen übrig ließen. Die meisten Fenstergitter verschwanden. Die Klinik verfügte über einen eigenen Radiosender. Nicht wenige Patienten sponnen und webten, klebten und falzten, zogen Kerzen, arbeiteten in Wäscherei, Druckerei und Gärtnerei. Die neben Psychiatrie und Neurologie in Zschadraß ansässige Lungenheilkunde entwickelte sich zu einer international angesehenen Forschungsinstitution. 1999 gingen „Lunge“ und „Innere“ nach Chemnitz, die Diakonie übernahm in Zschadraß sowohl Neurologie als auch Psychiatrie. Sprecher Christian Pudack: „Besonders stolz sind wir, eine der wenigen deutschen Kliniken zu sein, die neben der klassischen Schulmedizin Elemente aus der Alternativen Medizin in ihre Konzepte integrieren. Mit diesem Ansatz ist es uns gelungen, Zschadraß fit für die Zukunft zu machen.“

Die einst nicht zuletzt in Zschadraß geborene Idee, Patienten mit Beschäftigung zu therapieren, lebt fort. „Wir haben hier nicht wenige Suchtkranke“, sagt Pudack: „Vom Bau eines Vogelhäuschens bis zum Gärtnern auf der eigenen Scholle – die sinnstiftende Arbeit ist fester Bestandteil unseres Konzepts und hilft den Menschen, wieder zu sich selbst zu finden.“

Schumann-Sohn verbrachte 29 Jahre in Zschadraß

1884 lebten und arbeiteten bereits 275 Kranke in Zschadraß, was etwa einem Drittel der Gesamtbelegung der Landes-Versorgungsanstalt Colditz ausmachte. Anders als Patient Carl-Julius Mossdorf, der in Zschadraß zum Vorarbeiter in der Meierei aufstieg und später entlassen wurde, blieben zwei Genies bis zu ihrem Tode in der sogenannten Irrenanstalt auf Schloss Colditz: Ludwig Schumann, Sohn des berühmten Musiker-Ehepaares Clara und Robert Schumann, brachte dort 29 Jahre zu. Er starb hier genauso wie der für verrückt erklärte königlich-sächsische Oberförster Ernst Georg August Baumgarten. Der fliegende Oberförster konstruierte bereits 1879 das erste lenkbare muskelkraftbetriebene Luftschiff.

Offene Türen am internationalen Museumstag

Am 1. Juli 1894 nabelte sich die Kolonie Zschadraß von ihrer Colditzer Mutteranstalt ab und firmierte fortan als koloniale Heil- und Pflegeanstalt. Für die nun fast 1000 Patienten entstanden zahlreiche Klinkervillen im Pavillonstil, die in ihrer Bauweise ganz bewusst an Schweiz, Berge und Erholung erinnern. „Von Küche bis Kirche, von Festsaal bis Wasserturm – alles entstand planvoll. Zum Flanieren wurde ein Park mit Sichtachsen angelegt“, weiß Olaf Beyer. Später seien noch vier größere Patientengebäude hinzugekommen, sagt der Betreuer des Museums. Per Bus, Bahn, Rad oder auch zu Fuß schlägt sich Olaf Beyer von Zweenfurth aus immer wieder gern bis nach Zschadraß durch. Bei freiem Eintritt erwartet er die Besucher dienstags von 9.30 bis 12.30 Uhr sowie mittwochs und donnerstags von 14 bis 17 Uhr: „Ich hatte schon Wanderer, Firmen und Kirchgemeinden da. Vielleicht spricht sich unser Angebot demnächst noch etwas mehr herum.“ Am 13. Mai beteiligt sich sein Haus am Internationalen Museumstag. Von 9 bis 16 Uhr sind dabei auch originale Zeichnungen, Pläne und Skizzen aus der Zeit der agricolen Kolonie zu sehen.

Von Haig Latchinian

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