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Grimma Wie Pferde ticken und wann sie kicken
Region Grimma Wie Pferde ticken und wann sie kicken
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05:00 14.08.2010

. Das Pferd aber muss zehn Wochen damit laufen." Der 41-jährige Jan Kurth weiß, wovon er spricht. Er ist Hufschmied und war jetzt mit seiner Werkstatt auf Rädern beim Thallwitzer Original Peter Schneider zu Gange. Peter ist alter Reiter. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auch Tochter Marlis lebt für die Pferde. Wie ein Mann packt sie das Bein von Stute Lissy. Alleine macht schließlich kein Pferd die Hufe hoch. „Manchmal verlagern die Tiere ihr ganzes Gewicht drauf", erzählt Tausendsassa Peter. Er lobt Schmied Jan Kurth über den grünen Klee. „Ein Anruf genügt. Und schon ist er da. Ich kann doch nicht mit drei Eisen zum Turnier fahren." Jan sei sehr geschickt im Umgang mit den jungen Pferden. „Manche huppen sonst wo hin. Der Huf ist eines der empfindlichsten Körperteile."

Jan winkt nur ab. Als Hufschmied sei er zwar ein Exot. Aber nicht der einzige im Muldental. Mit seinen Berufskollegen verstehe er sich gut, fühle sich nicht als Konkurrent. Manchmal arbeite man in größeren Ställen sogar nebeneinander. „Aber es stimmt. Beim Aufnageln muss ich die anderthalb Millimeter dünne weiße Linie exakt treffen. Ansonsten wird es eng für alle Beteiligten", lacht er. Natürlich habe auch er mal einen Tritt abbekommen. Wenn er zum Beispiel mal falsch stand. „Aber es blieb bisher bei blauen Flecken und einer Gehirnerschütterung."

Jeder ist seines Glückes Schmied. Das trifft besonders auf Jan Kurth zu. Die Arbeit macht ihm Spaß. Obwohl er nie ein Reiter war, weiß er genau, wie die Pferde ticken und wann sie kicken. „Manche Pferde sind wie kleine Kinder, die zum ersten Mal beim Friseur sind. Da darfst du nicht zu langsam sein." Pferde seien eben auch nur Menschen. Ob 35 Grad im Schatten oder minus zwölf Grad – Kurth ist zwischen Mutzschen, Göttwitz, Fremdiswalde, Vierteln, Trebsen und Thallwitz ständig auf Achse. In seinem Transporter befindet sich alles Notwendige: Hammer, Zange, Amboss, Schweißgerät, Bohrmaschine, Schraubstock, Scheren, Gewindeschleifer und vor allem das Schmiedefeuer. 1200 Grad heiß ist es, wenn er seine Rohlinge dort hinein hält. Und wie sehr das raucht, wenn er die Eisen genau anpasst! Rümpft mancher die Nase, weil es ähnlich stinkt wie bei angesengten Entenstoppeln, holt Jan tief Luft, als gebe ihm das die Kraft zum Durchhalten.

In Roda bei Mutzschen wuchs er auf, lernte in Grimma bei der PGH Metall und qualifizierte sich in der Leipziger Tierklinik zum Hufschmied. Knochenbau, Sehnen, Bänder – alles musste gepaukt werden. „Ein guter Hufschmied muss auch mit einem Tierarzt zusammenarbeiten können", sagt Experte Peter Schneider. Früher habe er die Pferde noch einzeln zum Hufbeschlag nach Falkenhain reiten müssen. So gesehen seien die Schmiede auf Rädern jetzt eine große Erleichterung.

Wie ein orthopädischer Schuhmacher korrigiert Jan Kurth mit seinen Eisen Fehlstellungen. Sportpferde bekommen von ihm eine Art Stollenschuh verpasst, damit sie auf nassem Rasen nicht wegrutschen: „Da bohre ich ein Loch ins Hufeisen, schneide ein Gewinde und schraube die Stollen rein." Einmal wurde er in ein Dorf bei Leipzig gerufen. Ein Pony konnte dort nicht mehr stehen, weil es so lange Hufe hatte. „Ich stemmte es hoch, um das Hufhorn abzuschneiden. Als ich mit drei Füßen fertig war, musste ich zunächst mein stumpf gewordenes Messer schärfen. Da stupste mich das Pony doch tatsächlich mit dem Kopf und hielt mir den vierten Fuß hin, damit ich ihn ja nicht vergesse!"

Haig Latchinian

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