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Wie vor 100 Jahren: Wäschemangeln sind im Landkreis Leipzig immer noch beliebt

Große Wäsche Wie vor 100 Jahren: Wäschemangeln sind im Landkreis Leipzig immer noch beliebt

So manche Hausfrau schwört auch im Jahr 2017 auf die gute alte Wäscherolle. Doch nur noch in wenigen Dörfern und Städten lässt sich auf diese Weise die Wäsche glätten. Die LVZ hat zwei dieser Orte im Landkreis Leipzig gefunden.

Hier schiebt Elisabeth Kritz die in den Docken eingerollte Wäsche unter die Maschine.

Quelle: Andreas Döring

Landkreis Leipzig. Rollende Wochen? Das Arbeitsregime, das Schichtarbeiter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringt, kann Marianne Müller noch toppen. Sie blickt auf „rollende Jahrzehnte“ zurück. Seit nunmehr 60 (!) Jahren betreut sie in Cannewitz, einem kleinen Dorf bei Grimma, die Wäscherolle. Zahnräder, Treibriemen, Motor – nur die regelmäßige Wartung garantiere eine Mangel ohne Mängel. Zusammen mit Sohn Jörg repariert, ölt und fettet sie. „Na und Staub muss auch immer gewischt werden, nicht dass die Wäsche nachher schmutziger als vorher ist“, lacht die 80-jährige Frau.

Sie ist sich darüber im Klaren, dass sie ganz nebenbei eine Art Museumsleiterin ist. Denn die Rolle aus dem Hause Richard Keller, Dresden-Laubegast ist fast 100 Jahre alt und somit eigentlich ein Museumsstück. Aber genauso wenig wie sich die rüstige Rentnerin zum alten Eisen zählt, gehöre auch die Mangel längst noch nicht aufs Altenteil. „Wozu auch? Die Rolle als lebende Legende ist besser als all der neumodische Schnickschnack zusammen.“ Die Wäscherolle helfe nicht nur Zeit zu sparen, sondern auch Platz im Regal. „Das Tischtücher ist hinterher flach wie eine Briefmarke, na und die Frotteewäsche wird weich ohne Vergleich.“ Lore Born, Dora Busch, Ursula Schroth und wie ihre treuen Wäschefrauen aus Cannewitz und Umgebung noch alle heißen mögen – sie können unmöglich irren. Penibel halten sie sich an die Buchstaben des Gesetzes, das in Form einer Roll-Ordnung von anno dazumal von der Tür her grüßt: „Der Dreher hat darauf zu achten, dass die Docken gerade unterliegen. Dadurch erleichtert er sich das Drehen. Die Person, welche aufdockt, muss darauf achten, dass die Wäsche straff aufgedockt ist. So wird die Wäsche schön glatt...“

Ortswechsel: In Wyhra, Ortsteil von Borna, packt Elisabeth Kritz ihren großen Waschkorb auf den Rollfix und macht sich auf den Weg. Ziel ist die ehemalige Scheune, gleich neben der Feuerwehr. Dort steht heute die Wäschemangel, die zu DDR-Zeit ihren Dienst in den Räumen der LPG verrichtete, nur ein Stück entfernt. „Nach der Wende kam unsere Rolle dann hier her“, erzählt die 68-Jährige. Sie wurde in Wyhra geboren, lebt noch heute mit ihrer Familie im Elternhaus des schönen Dorfes. Vier Jahrzehnte arbeitete sie als Gemeindeschwester in der Region.

Marianne Müller (80) betreut die Cannewitzer  Wäscherolle seit 60 Jahren

Marianne Müller (80) betreut die Cannewitzer Wäscherolle seit 60 Jahren.

Quelle: Haig Latchinian

Als Kind ging sie zum „Rollen“, wie sie es nennt, mit ihrer Mutter noch zum Kaufmann, der hinter seinem Geschäft eine Mangel hatte, wo die Leute aus dem Ort ihre Wäsche gegen kleines Geld glätten konnten. „Das funktionierte allerdings nur per Hand, ich musste immer an der Kurbel drehen“, erinnert sie sich.

Der Wäscherolle ist sie treu geblieben. „Ich bin es gewohnt und habe es gern, wenn die Wäsche so frisch gerollt im Schrank liegt. Ich kenn’s gar nicht anders“, sagt sie lächelnd. Trotz elektrischem Antrieb ist es immer noch Handarbeit. So greift sie nach der Holzdocke mit dem langen Leinentuch und breitet es auf dem Tisch aus. Flink legt sie die oberste Schicht des Waschkorbes, jede Menge Handtücher, darauf und rollt sie anschließend ein.

Nun kann das Glätten beginnen. Die Wyhraerin öffnet die rechte Tür der Mangel und schiebt ihre Wäscherolle unter die große Maschine. Die ist mit Feldsteinen gefüllt, das Gewicht drückt auf die Docke, schiebt sie hin und her und auseinander. Ist der Vorgang beendet, lässt sich die Tür wieder öffnen und die Docke wird ausgepackt. Glatte Hand-, Wisch- und Taschentücher, Tischdecken und Bettwäsche landen im Waschkorb. „Ich brauche etwa eine Stunde für den Korb“, sagt die Hausfrau. Das kostet 1,50 Euro. Die Münzen klimpern in eine Kasse des Vertrauens. Daneben liegt das „Mangelbuch“. Dort können die Frauen ihre Zeiten reservieren, damit keine von ihnen lange warten muss. Montag, Mittwoch und Sonnabend von 9 bis 18 Uhr hat die Mangel geöffnet.

Nur noch wenige Orte würden eine eigene Rolle haben, weiß Kritz, „deshalb kommen auch Leute aus den umliegenden Dörfern“. Sie sei froh, dass es das Angebot in ihrem Dorf noch gibt und hofft, „dass uns das lange erhalten bleibt“. Ja, es seien meist Ältere, die herkommen. Die jüngeren Leute würden eher bügelfreie Wäsche wählen oder zu Hause zum Bügeleisen greifen.

Petra Kahl gehört zu den Frauen, die extra wegen der Wäscherolle nach Wyhra kommen. Sie stammt aus dem Nachbardorf Neukirchen. Auf ihre frisch gerollte Wäsche legt sie ein Tuch mit dem Schriftzug „Frische Wäsche“, das ihre Mutter vor mehr als 70 Jahren stickte und mit blauen Blümchen verzierte.

Zurück im Muldental, in Cannewitz: Für Marianne Müller ist die Rolle mehr als nur eine Maschine – sie ist auch ein Kapitel Familiengeschichte: „Die Mangel steht im Hof meiner Schwiegereltern Artur und Dora Müller. Sie gehörte ihnen auch, wer wollte, konnte sich anmelden und sie mit nutzen – für ein paar Pfennige.“ Heute befinden sich Hof und Rolle im Eigentum von Sohn Jörg. Dass beide, Jörg und Marianne, die Rolle am Laufen halten, sei auch ein Vermächtnis an den verstorbenen Vater und Ehemann Joachim. Der stammte aus Cannewitz. Als Marianne ihn 1957 heiratete, ging sie automatisch auch mit der Wäscherolle „den Bund fürs Leben“ ein. Joachim schmiedete unter anderem die Kasse des Vertrauens. Als diese zu DDR-Zeit zweimal aufgebrochen und der Inhalt gestohlen wurde, musste die Rolle vorübergehend geschlossen werden. Der damalige Bürgermeister Johannes Kurth höchstpersönlich bat die Müllers, die Mangel wieder zu eröffnen: „Die Leute wollen wieder rollen.“ Die Müllers ließen sich nicht lange bitten. Sohn Jörg baute einen Münzautomaten ein. Seitdem ist die Rolle nicht mehr von der Rolle.

So sie es ermeckern kann, schwingt sich die 80-jährige noch heute hinters Lenkrad und steuert das Auto von ihrem Wohnort Roda bei Mutzschen ins nahe Cannewitz, um nach dem Rechten zu schauen. Für sie ist es immer auch eine Reise in die Vergangenheit. Kein Wunder, dass der Westbesuch aus Hannover große Augen macht, wenn von der Rolle die Rede ist: „Die haben so was noch nie gesehen“, lacht Marianne Müller: „Klar, die Tradition der Wäscherolle stirbt irgendwann aus. Das werden wir nicht verhindern. Aber so lange ich noch kann, kümmere ich mich.“

Von Claudia Carell und Haig Latchinian

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