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Grimma Willkommen in Klein-Venedig: Fremdiswalde empfängt Jury
Region Grimma Willkommen in Klein-Venedig: Fremdiswalde empfängt Jury
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00:25 08.05.2018
Unser Dorf hat Zukunft – Fremdiswalde hofft auf eine vordere Platzierung im sächsischen Landeswettbewerb. Quelle: Andreas Döring
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Fremdiswalde

Unter älteren Fremdiswaldern hält sich das Superlativ hartnäckig: „Längstes Straßendorf der DDR“. Ob es stimmte oder nicht, wer weiß? Hans-Joachim Wolfram von Außenseiter Spitzenreiter war leider nie da. Immerhin, mit dazugehörigen Siedlungen kommt der 400-Seelen-Ort auf eine Ausdehnung von sensationellen sieben (!) Kilometern. Deshalb charterten die Bewohner auch einen Bus, um den Jurymitgliedern zwischen Oberdorf, Mitteldorf und Unterdorf in kürzester Zeit möglichst viel zu zeigen. Denn eines ist klar: Das Dorf will es wuppen, möchte das Dutzend Mitbewerber hinter sich lassen und am 22. Juni in Stangengrün (Landkreis Zwickau) zum Sieger des 10. Landeswettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ gekürt werden.

Fremdiswalde hat sich (neben Frankenhain) als Vertreter des Landkreises Leipzig für den Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ qualifiziert – 13 Dörfer aus Sachsen sind im Rennen.

Heimatvereinschefin Jana Mundus erwies sich im Bus als kenntnisreiche Reiseleiterin. Als es am Haus der Familie Grimm vorbei ging, berichtete sie über jenen dramatischen Tag im Februar vorigen Jahres. Damals brannte der Dachstuhl lichterloh, das Gebäude war unbewohnbar: „Viele Fremdiswalder packten mit an, trieben Möbel auf, spendeten Bettwäsche, Kleidung und Geschirr. So konnten die Grimms schon eine Woche später ihre Ersatzwohnung beziehen. Inzwischen sind sie wieder im angestammten Haus.“

Fremdiswalde ist wie eine große Familie

Es ist das, was der alteingesessene Bäckermeister Gunter Schaaf meint, wenn er sagt, Fremdiswalde sei wie eine große Familie. Zur Feier des Tages versorgte er die Jury mit lecker Eierschecke. Die gestrengen Prüfer Hannes Clauß, Roland Höhne, Sonja Heiduschka, Anikó Popella, Ines Neumann, Renate Brähler-Kollmann und Hannelore Krausch putzten sich die Krümel vom Mund und – staunten: Ein ganzer Kindergarten für nur 15 Steppkes. Die beiden Erzieherinnen Iris Richter und Silke Heller hielten mit ihrem Glück nicht hinterm Berg: „Bis vor kurzem waren wir ein reiner Mädchen-Kindergarten, inzwischen haben wir auch schon Jungs.“ Die Dreikäsehochs waren gerade auf dem Weg zu Jubilarin Marlies Lindner, um ihr zum 70. Geburtstag ein Ständchen zu bringen. Tradition in Fremdiswalde.

139-jährige Theatergeschichte

Überhaupt arbeiten jung und alt hier Hand in Hand. Seit 139 Jahren wird im Dorf Theater gespielt. Gestiefelter Kater, Schneekönigin, Aschenbrödel – zu Weihnachten und Neujahr gehen im Landgasthof von Familie Scheibe fünf Aufführungen über die Bühne. Regisseurin Andrea Pfeifer, heute 39, erfüllte sich vor zwei Jahren einen Traum, inszenierte das „Sternlein, das sich nicht putzen wollte“, jenes Stück, in dem sie damals als Kind selber mitwirkte. Typen, Titel, Temperamente – Fremdiswalde und seine Aktivposten: Feuerwehrgeneral Thomas Karich und seine Kameraden, Annelie Lauchstädt und ihre Volkssolidarität, Gerd Richter und seine Alttechnikfreunde, Christina Domke und ihre Kirchgemeinde, Tim Schmidt, Max Brauner und ihr Jugendclub, Inge Mundus und ihre Ortschronisten, Diana Hoßfeld und ihre Dorffeststernchen.

37 Brücken in Klein Venedig

„Bei unserem Wettbewerb suchen wir nicht etwa das schönste Dorf – vielmehr geht es uns um lebendige, in die Zukunft gerichtete Projekte, um Menschen, die sich für ihre Heimat stark machen“, sagte Juryleiter Markus Thieme. Ohne eine Wertung vorwegnehmen zu wollen, äußerte er sich auch im Namen seiner Kollegen Dietrich Berger, Ines Senftleben, Thomas Naumann, Maja Schottke und Annette Decker ziemlich beeindruckt von den nimmermüden Fremdiswaldern. Er erfuhr, dass der Ort entlang des Baches Launzige verläuft und wegen seiner 37 Brücken auch als Klein-Venedig gilt. Janine Wolff, Grimmas Stadtentwicklungschefin, berichtete über den ökologisch-nachhaltigen Hochwasserschutz, ein zunächst auf vier Jahre angesetztes bundesweites Pilotprojekt. Weder mit Beton noch Rohren wolle man die mitunter widerspenstige Launzige zähmen, sondern ganz natürlich und somit nachhaltig: Böschungen öffnen, Durchflüsse verbreitern, Biotope schaffen. Oberbürgermeister Matthias Berger lobte die ambitionierten Versuche in Fremdiswalde ausdrücklich. Die Dorfbewohner leisteten damit auch ihren Beitrag zum Flutschutz für Grimma: „In unserer Stadt betreuen wir rund 250 Kilometer Bachlauf. Das entspricht der Länge, die in der Verantwortung der Stadt Dresden liegt. Anders als in der Landeshauptstadt, wo sich elf Mitarbeiter um die Pflege der Gewässer kümmern, sind es bei uns nur 0,2“, so Berger.

Fremdiswalder lieben ihre Heimat

Ob Student Max Maucher, Erzieherin Corina Lichtenberger, Dachdecker René Pfeifer, Landwirt Richard Schicketanz, Rentnerin Inge John oder Urgestein Wolfgang Patzsch – die Fremdiswalder lieben ihre Heimat. So wundert es auch nicht, dass die Dorfbewohner ihr Denkmal für die Kriegstoten aufwendig instand setzten, unzählige freiwillige Stunden beim Bau des Gerätehauses leisteten und zusammen mit den Kindern den Zaun des Dorfplatzes bunt anstrichen. „Reiseleiterin“ Jana Mundus wies den Chauffeur Andreas Klausnitzer an, vorbei an Brühl, Storchennest und Pferderanch, vorbei an grasenden Kühen, blühenden Rapsfeldern und flatternden Wäschestücken in Richtung Großteich zu fahren. Willkommen im Paradies! Stadt- und Kreisrätin Ute Kniesche, die ganz in der Nähe wohnt, erwartete den hohen Besuch mit einer Auswahl selbstgeschossener Bilder: Singschwäne, Kraniche, Fischadler. „Nach manch turbulenter Parlamentsdebatte finde ich hier Ruhe und Entspannung. Ich lausche dem Konzert der Moorfrösche, beobachte den Neuntöter und fotografiere immer wieder gern.“ Während sich ihr fußballbegeisterter Mann Frank im Fernsehen den AC Milan anschaut, bekommt Ute Kniesche in der freien Wildbahn den Roten Milan vor die Linse. Reiseleiterin Mundus sagte das, was viele dachten: „Andere müssen ewig lange ins Naherholungsgebiet fahren, wir haben den Wermsdorfer Wald direkt vor der Haustür!“

Von Haig Latchinian

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