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Grimma Zschadraß: Zahnmuseum schließt zum Jahresende
Region Grimma Zschadraß: Zahnmuseum schließt zum Jahresende
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07:09 17.10.2018
Trotz alledem: Museumsleiter Andreas Haesler hat das Lachen noch nicht verlernt. Hier amüsiert er sich gerade vor lustigen Figuren zur Zahnarzt-Geschichte. Quelle: Foto: Frank Schmidt
Colditz

Ja, es sei bittere Gewissheit, sagt Andreas Haesler. Das Dentalmuseum in Zschadraß bei Colditz schließt zum Jahresende. Der Hüter der weltgrößten Sammlung zur Geschichte der Zahnmedizin fühlt sich im Stich gelassen – von der Region, vom Land, selbst von der Bundeszahnärztekammer.

Wegen eines Abstechers in das Museum hatte die oberste Behörde der Zahnärzte in Deutschland ihr Jahrestreffen extra nach Leipzig verlegt: „So sehr ich auch meine Not schilderte – außer einem Dankesschreiben kam nichts raus.“ Er bedauere dies sehr, so der Initiator des Zschadraßer Wissenschaftszentrums für Zahnheilkunde. Aber das zur Verfügung stehende Budget sei viel zu gering, um dringend benötigtes Personal einstellen zu können.

Bettelbriefe für das Zahnmuseum

Inzwischen nagt der Zahn der Zeit am Gemäuer. Hier und da stehen Schüsseln, um das eindringende Regenwasser aufzufangen. Jährlich 8000 Euro an Nebenkosten muss der Verein allein für die untere Etage des Museums berappen. Bei 2000 Besuchern und 2850 Euro über Beiträge der Fördermitglieder pro Jahr ein ungleiches Verhältnis, findet der Hobby-Museumsleiter. Kürzlich schrieb er 1420 Bettelbriefe, um die Dächer zumindest notdürftig zu flicken. „Am Ende hatte ich noch nicht mal das Porto rein.“

Das Museum in Colditz beherbergt die weltweit größte Sammlung rund um die Geschichte der Zahnmedizin.

Um Heizkosten zu sparen, sah sich das Museum zuletzt ohnehin gezwungen, im Dezember und Januar eine Winterpause einzulegen. Damit, so Haesler, sei die weltweit einzigartige Schau nur noch im Oktober und November, mittwochs bis sonntags, 10 bis 17 Uhr, zu besichtigen. Danach sei Schluss, sagt der Enthusiast, der als Zahntechniker mit eigenem Labor ohnehin beruflich stark eingebunden ist.

Zschadraß hat Potenzial

Die Schließung des Museums sei ein großer Verlust und bedeute zumindest für ihn eine große Enttäuschung. Fortan werde er sich um das angegliederte Wissenschaftszentrum kümmern, Exponate sortieren und die Sammlung weiter aufbauen.

Lange galt Utrecht in den Niederlanden mit 80 000 Positionen als die internationale Nummer 1 unter den Dentalmuseen. Zschadraß dagegen könne über eine halbe Million Exponate vorweisen. Das seien sechseinhalb mal mehr. Während anderswo im Schnitt etwa fünf Prozent des Wissens rund um den Zahn lagerten, seien es allein in Zschadraß 80 Prozent. „Nur weiß das kaum jemand. Hier gibt es unendlich viel Potenzial. Um es auszuschöpfen, bräuchte ich acht Leben.“ Und Mitarbeiter! Genau dies scheint nun der Knackpunkt zu sein.

In den 18 Jahren habe er den Museumsbetrieb über Minijobs, Bundesfreiwilligendienst und „soziale Teilhabe“ sichern können. Das jüngste, drei Jahre geförderte Projekt des Jobcenters laufe zum Jahresende aus. „Eine Verlängerung über diese Frist hinaus ist nicht möglich“, bestätigt Brigitte Laux vom Landratsamt Landkreis Leipzig. Jedoch verweist sie auf das neue Programm Sozialer Arbeitsmarkt (SAM). Dieses sei auch für Vereine interessant, so die Sprecherin.

Sie stellte in Aussicht, dass sich eine mit dem Programm befasste Fachfrau schnellstens in Zschadraß melden werde, um weitere Fördermöglichkeiten vorzustellen. „Allerdings muss dann noch eine geeignete Person gefunden werden, was sich bei der derzeitig guten Arbeitsmarktlage zunehmend schwieriger gestaltet.“ Eng beschreibt Laux zudem den Kontakt mit der Kulturförderung des Landkreises, die die bedeutende, aber private Sammlung soweit möglich unterstütze.

Kieferorthopäde gerät ins Schwärmen

Dennoch: Lange, viel zu lange fühlte sich Haesler wie der Rufer in der Wüste, als Prophet im eigenen Lande, der nichts zählt. Umso größer die überregionale, ja internationale Wertschätzung: Der japanische Kieferorthopäde Ritsuki Ito fiel vor Ehrfurcht gleich mehrfach auf die Knie: In Japan schwärzten sich unverheiratete Frauen lange Zeit die Zähne.

Als Professor Ito in der Ausstellung die uralte originale Schatulle mit den traditionellen Utensilien zum Färben der Zähne entdeckte, glaubte er seinen Augen nicht. Der russische Kollege Konstantin Paschkow, der in Moskau ein Zahnmuseum betreut, wollte die Ausstellung am liebsten gleich mitnehmen.

Auch mit Bayern gibt es Gespräche, sagt Haesler. Noch glaubt er an ein Wunder, will die Ausstellung unbedingt in Zschadraß halten. Zu viel Herzblut stecke in den vier einstigen Klinik-Klinker-Villen, die sein Verein vor gut zehn Jahren erwerben konnte. In Deutschland und darüber hinaus warb er Spenden ein, um Klub- und Patientenhaus, Apotheke sowie Kindergarten zu kaufen. „Quadriga Dentaria“, nennt er den Komplex aus Museum, Bibliothek, Technikum und Gästehaus, gerne oder auch „Arche Dentaria“.

Noch knapp zwei Monate können Interessierte seinen Exponaten auf den Zahn fühlen. An Folterapparate erinnernde Handbohrer, martialische Zahnhebel, Goldplombierhämmer – Zschadraß beherbergt Schätze aus 850 privaten Sammlungen, zwölf Universitäts- sowie zehn Firmenarchiven, acht Museen und über 190 Bibliotheken. Haesler: „Diesen 300-Tonnen-Schatz bewegst du nur, wenn du 100 Prozent von einem Neustart andernorts überzeugt bist.“

Von Haig Latchinian

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