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Zschetzsch: Das Tal der Höhepunkte

Zschetzsch: Das Tal der Höhepunkte


Colditz/Zschetzsch. Von Sermuth und Colditz aus geht es zwar bergauf. Oben angekommen befindet man sich dennoch im Tal, im Zschetzscher Loch.

. Aber auch manche Niederung hat Höhepunkte. Erst recht der preisgekrönte 53-Seelen-Kultort Zschetzsch. Seit neuestem wächst dieser sogar über sich hinaus. Im Rahmen ihres Widderfestes nahmen die Zschetzscher am Wochenende ihren fast zehn Meter hohen, weithin sichtbaren weltlichen Glockenturm in Betrieb.

 

Begeistert vom sonoren Klang stimmte Peter Bräuer, Leiter der Colditzer Liedertafel, wahre Lobeshymnen an: „Man hört sofort die Bronze heraus. Viele Glocken wurden im Krieg eingeschmolzen. Der gusseiserne Ersatz klingt oft blechern. Die Zschetzscher Glocke dagegen könnte genauso gut in einer Domkirche hängen." Musik in den Ohren von Klaus Thalmann, der mit all den anderen Heimatfreunden mühsam das nötige Holz für den Turm herbei geschafft hatte. Der eigentliche Turmbau zu Zschetzsch erfolgte in Altranstädt – auf dem Firmengelände von Andreas Kitze, Chef der Gewandhausgesellen. Die traditionsreichen Zimmerer und Maurer, die einst das weltbekannte Leipziger Konzerthaus bauten, versammelten sich zum 70. Geburtstag ihres Mitglieds Eberhard Modes in Zschetzsch. Aus einer Bierlaune heraus wurde die Idee des Glockenturms geboren. Modes, selbst Zschetzscher: „In Schönbach hatten sie zu der Zeit noch eine Glocke über. Wir planten nach dem Vorbild des Altenburger Prinzenraubes bereits den Glockenraub zu Schönbach, entschlossen uns dann aber, eine 540-Kilo-Glocke in der Gießerei Lauchhammer zu kaufen."

Das ganze Dorf war am Wochenende auf den Beinen. Niemand wollte den historischen Moment der Glockenweihe verpassen. Traktorfahrer Herbert Scheibe tuckerte auf dem als „Rauschenbusch-Express" bezeichneten Hänger etliche Schönbacher und Sermuther herüber. Auf dem idyllischen Spazierweg vorbei an Blockhütte und Wasserrad herrschte reges Begängnis. Auch der 86-jährige Rolf Schwarze aus Leipzig lustwandelte wie einst Frau Holles Goldmarie zwischen Apfelbäumen und Backofen: „Ich wohnte von 1928 bis 1953 in Zschetzsch. Anni Schuster, die ehemalige Wirtin der Hemmschuhschänke, hatte mich früher im Kinderwagen geschoben. Meine zwei Jahre ältere Cousine Gudrun Leesch. die jetzt in Cottbus lebt, gab mir den Tipp, zur Glockenweihe unbedingt dabei zu sein. Nun, ich bin da. Wer fehlt, ist meine Cousine. Sie wurde von einer Zecke gebissen und lässt sich entschuldigen." Schaulustige schossen etliche Fotos: „Wir werden sicher einige Bilder zeigen", versprach Gunter Möbius von TV-Schönbach, dem vielleicht kleinsten Fernsehsender Deutschlands. Von wegen Tal der Ahnungslosen! Persönlich engagierte sich Möbius auch für die aktuelle Kandidatur von Schönbach/Zschetzsch beim 8. Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft". Was viele nicht wissen: Beim letzten Mal belegte das starke Doppel auf Sachsenebene Platz 4! Kein Wunder, angesichts der Höhepunkte im Zschetzscher Loch, wie etwa der Widder – das heimliche Herz des Ortes, das nie aufhört zu „schlagen". Es pumpt das Wasser vom Tal bis in den Teich, auf dem Philipp Keller, Justin Michael, Johannes Herbert und Pascal Eichhorn zur Feier des Tages per Floß schipperten. Derweil kredenzten die Schönbacher Feuerwehrfrauen Pia Deutscher und Ilona Krebs selbst gebackenen Kuchen. Unter den Gästen ein Promi: Gewandhausgeselle Peter Kunze. Als damaliger Oberbauleiter hatte er beinahe täglich mit Kurt Masur zu tun: „Unseren Alten – nannten wir ihn liebevoll. Er war nicht nur mit ganzem Herzen für sein Konzerthaus da, sondern auch für uns kleine Handwerker. Als es an Waschpaste fehlte, besorgte er sie persönlich im Böhlener Patenbetrieb."

Alle rätseln schon, welche Attraktion wohl beim nächsten Widderfest eröffnet wird. Sicher ist eines: „Wir kommen widder!"

Haig Latchinian

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