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Zum Greifen nahe: ColditzerOrtschef begegnet der Queen

Zum Greifen nahe: ColditzerOrtschef begegnet der Queen

Knapp daneben ist auch vorbei. Die Queen steht keine zwei Meter von ihm entfernt. Er legt sich bereits seine auswendig gelernten Englischvokabeln zurecht, doch dann erkennt die Königin einen amerikanischen General und wendet sich ganz diesem zu.

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Auf die Freundschaft: Queen Elizabeth II. erhebt das Glas auf weiterhin gute Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland. Der Colditzer Bürgermeister Matthias Schmiedel und seine Frau Sybille erlebten einen unvergesslichen Abend in der Residenz des Botschafters.

Quelle: Frank Schmidt

"In Uniform schindet man bei der Königin offenbar besonderen Eindruck", tröstet sich der Colditzer Bürgermeister Matthias Schmiedel. Er, der es bei der NVA nur zum "Gehbefreiten" gebracht hat, steht in Schlips und Kragen in einer für ihn fremden Welt. Königinnen kennt er bislang nur vom Colditzer Birkenfest und aus unbeschwerten Kinderjahren: "Da fuhren wir mit der Schulklasse zur Märchenstunde ins Theater."

Gartenparty in der Grunewalder Residenz des britischen Botschafters. Schmiedel arbeitet sich durch die Polizeisperren. Immer wieder zückt er Einladung und Ausweis. Das babylonische Stimmengewirr kommt immer näher. Britische Militärs gewähren ihm Einlass. Geschafft. Und wann kommt die Queen? Von weißen Mäusen und sechs Meter langem Bentley noch keine Spur. Die gespannte Erwartung erinnert ihn dennoch nicht an die Ankunft der einstigen Friedensfahrer - zu ungewohnt ist alles. Knickse hier, Diener da. Dobrindt und Wowereit. Pimm's und Pommes. Würstchen im Schlafrock, Erdbeeren mit Schlagsahne. Englischer Rasen, rote Rosen. Schmiedel steht mit seiner Frau Sybille etwas abseits. Der stille Genießer amüsiert sich über Damen mit gewagt-wackligen Hüten und dadurch sichtlich steifen Hälsen. Er wundert sich über die Drängler, die mit Handy bewaffnet Jagd nach der Hand der Queen machen: "Schlangen wie früher, als es im Zschadraßer Konsum Bananen gab", lacht Schmiedel in sich hinein. Er dankt den fliegenden Kellnern, die alle zwei Minuten mit kleinen Häppchen neben ihm landen. Er bewundert den Dudelsackspieler hoch oben im siebten Himmel.

Zwischen königlicher Standarte und intonierten Nationalhymnen stellt sich Schmiedel einen Moment vor, jetzt nicht in der Höhmannstraße 10 zu stehen, sondern im Colditzer Schlosshof, auf dem Colditzer Markt oder auf dem Colditzer Sophienplatz - noch dazu bei Kaiserwetter. Welch grandiosen Empfang hätten auch wir Muldentaler der Queen bereitet, sinniert der Bürgermeister. Er hatte wirklich alles versucht, Ihre Majestät aus Anlass von 70 Jahren Kriegsende und 750-jährigem Stadtjubiläum nach Colditz zu holen. "Leider, es ist uns nicht geglückt. Aber wir geben nicht auf", sagt Schmiedel. Kein Geringerer als der britische Botschafter und Gastgeber der Gartenparty, Sir Simon McDonald, besuchte Colditz noch am 24. April zum Auftakt der Festwoche. Schmiedel verbrachte den ganzen Tag mit ihm, begleitete ihn in die Heimatstube von Manfred Knochenmuß nach Podelwitz, besichtigte mit ihm die Fluchtausstellung auf Schloss Colditz und verabredete sich mit ihm zum Fünf-Uhr-Tee in der Hofstube. Colditz Castle, das einst als ausbruchsicher geltende graue Gemäuer, das auf der Insel jedes Kind kennt, muss es ihm angetan haben, schließlich lud der Botschafter wenig später den Bürgermeister zur Gartenparty ein. Eine Ehre, die nur ganz wenigen zuteil wurde.

Derselbe Sir Simon steht im Garten nun hinter der Queen und stellt ihr all die wichtigen Personen vor. Schmiedel ist es, als ob der Botschafter ihm zunickt. Seine stille Hoffnung: Vielleicht führt er die Königin ja auch zum Vertreter der Stadt Colditz. Noch im selben Atemzug verwirft Schmiedel seinen Traum: "Der Botschafter schiebt die Königin ja nicht vor sich her. Es ist allein die Queen, die entscheidet, wem sie die Hand schüttelt. Dafür bin ich wohl ein zu kleines Licht. Ganz ohne Uniform..."

Erst verabschiedet sich Gauck, dann die Queen. Viel später begeben sich auch die Schmiedels in ihr Hotel. Dort angekommen glauben sie ihren Augen nicht: "Klinik" steht in großen Lettern überm Eingang. Auf die Frage, ob sie im falschen Film sind, erfahren sie, dass hier gerade Dreharbeiten laufen, alles habe seine Richtigkeit. Und so checken die Schmiedels wie Komparsen stilecht in der Physiotherapie ein.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.06.2015
Haig Latchinian

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