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Zurück zu den Wurzeln

Zurück zu den Wurzeln


Nerchau/Thümmlitz. Während sich die große Politik derzeit den Kopf darüber zerbricht, wie sie Ärzte aufs Land locken könnte, ist er bereits da: Allgemeinmediziner Stephan Lötzsch, der 15 Jahre lang erfolgreich in England praktizierte, bezog dieser Tage mit seiner Familie einen Bauernhof im 20-Seelendorf Thümmlitz.

. Hier, beim Teufel auf der Rinne, sieht er sich nicht etwa als Halbgott in Weiß.

Vom weißen Kittel hat sich Lötzsch längst verabschiedet. Auf der Insel dürfe ein Arzt wegen der Infektionsgefahr gar keinen tragen. Das kommt dem bekennenden Naturmenschen sehr entgegen, vor allem, weil er derzeit ohnehin jede freie Minute im Blaumann auf seinem Bauernhof werkelt. Freudig führt er durch sein neues Zuhause, das sich durch viel Holz auszeichnet: „Mit ortsansässigen Firmen mussten wir fast alles aufarbeiten. Das Haus der verstorbenen Frau Sperling hatte ja keine Zentralheizung, kein Bad und die Elektrik war unsicher." Im frisch herausgeputzten Gewölbe, in dem sich zuletzt Stall und Tränke befanden, isst die fünfköpfige Familie jetzt Frühstück, ehe sich die Töchter Judith und Miriam sowie Sohn Ludwig in die Schule verabschieden. Auch Hausherr Stephan Lötzsch hat es nicht weit. Im Nerchauer Ärztehaus übernahm er vor gut einem Jahr die Praxis von Elke Cieslack, die in Rente ging. „Ende des Jahres verabschiedet sich auch Allgemeinmediziner Bernd Friedrich in den Ruhestand. Meine Partnerin, Sabine Fröhner, wird ihn ersetzen und mit mir kooperieren", sagt Lötzsch.

15 Jahre hatte er auf der Insel gearbeitet. Nach drei Jahren NVA und anschließendem Studium in Leipzig siedelte Lötzsch mit seiner Sabine nach Nordwestengland über. Im Lake-District mit schneebedeckten Gipfeln und kristallklaren Seen wollte das Paar eigentlich nur ein Jahr arbeiten und die Sprache lernen. Am Ende wurde es ein ganzer Lebensabschnitt mit Haus und Praxis. Und doch: Nerchau blieb in all den Jahren Lötzschs alte Heimat. Immer wieder besuchte er mit der Familie sein Elternhaus in der Eisenbahnstraße. In Nerchau ging er einst zur Schule. Hier wurden vor zwei Jahren auch die Pläne zur Übernahme der Praxis und des Thümmlitzer Hauses geschmiedet. „Die Umsetzung war ein Kraftakt. So ließ sich die deutsche Bürokratie doch einige Zeit, als es um die Anerkennung meiner englischen Facharztausbildung ging. Von Ärztemangel war da nichts zu spüren. Doch jetzt freuen wir uns alle sehr, hier zu sein." Nicht nur die Lötzschs. Auch die Nerchauer sind glücklich über die Rückkehr des verlorenen Sohnes.

„Das Verhältnis zu den Patienten ist ein wunderbares. Ich glaube, so viel Vertrauen ist nur auf dem Lande möglich. In der Stadt hat man es mehr mit Laufkundschaft zu tun. Ein bis zwei Mal im Monat bin ich zum Bereitschaftsdienst eingeteilt, das ist nicht zu viel. Und wenn mich außer der Reihe ein Patient anruft – kein Problem. Feierabend auf dem Dorf ist eben so eine Sache. Damit muss man leben", sagt Lötzsch.

Der Lohn für manche Überstunde ist die Natur gleich vor der Tür. Der 15-jährige Sohn Ludwig, der bereits im Nerchauer Verein kegelt: „Oft radeln wir alle fünf. Wir sind auch schon geritten. Am Wochenende bin ich sogar in einem der Teiche baden gegangen", prahlt er bereits wie ein Großer. Nur bei der Nerchauer Brauhaus-Eröffnung musste er sich kürzlich noch mit Limo begnügen.

 

Haig Latchinian

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