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Zwölf jugendliche Asylbewerber finden in Tanndorf erste Zuflucht

Bildungs- und Sozialwerk Muldental Zwölf jugendliche Asylbewerber finden in Tanndorf erste Zuflucht

Anwalt möchte Ali Esmaili einmal werden. Seine schwarzen Augen funkeln, als er das verkündet. In ihnen liegt aber auch Schmerz. Fern der Heimat, fern der Eltern hat er das Wagnis auf sich genommen, in Deutschland seinen Mann zu stehen. Und dabei ist er eher noch Kind, so wie die anderen elf Jungs, die in Tanndorf Zuflucht fanden.

Ali Esmaili gehört zu den zwölf Minderjährigen, die sich auf eigene Faust bis Deutschland durchgeschlagen haben und jetzt in Tanndorf wohnen.
 

Quelle: Thomas Kube

Colditz/Tanndorf.  Anwalt möchte Ali Esmaili einmal werden. Seine schwarzen Augen funkeln, als er das verkündet. In ihnen liegt aber auch Schmerz. Fern der Heimat, fern der Eltern hat er das Wagnis auf sich genommen, in Deutschland seinen Mann zu stehen. Und dabei ist er eher noch Kind, so wie die anderen elf Jungs, die in Tanndorf Zuflucht fanden.

Unbegleitete minderjährige Asylsuchende, kurz UMA, werden sie in der Behördensprache genannt. Sie schlugen sich allein durch bis ins Land aller Hoffnungen, sind gerade einmal 14 bis 17 Jahre alt. Vieles ist so unwahrscheinlich neu, es fällt schwer, sich daran zu gewöhnen.

Im Tanndorfer Bildungs- und Sozialwerk (BSW) Muldental versucht Erzieherin Ramona Zyma den zehn Afghanen und zwei Iranern Normen und Regeln zu vermitteln. „Ich zeige ihnen, wie Zimmer geputzt und aufgeräumt werden, Wäsche gewaschen wird“, erklärt sie. In der Wohngruppe muss jeder mithelfen, die Unterkunft in Schuss zu halten. Es hängt extra ein Dienstplan aus.

Die Räume, in denen jeweils zwei bis vier Jugendliche mit ihren wenigen Habseligkeiten beherbergt werden, sind spartanisch eingerichtet: ein Tisch, für jeden ein Stuhl und Schrank und von Tischlerlehrlingen des BSW gezimmerte Betten. Notdürftig wurden dafür Räume umfunktioniert – eine Interimslösung.

Nebenan im Haupthaus sind Handwerker dabei, frühere Unterrichtsräume, die nicht mehr gebraucht werden, zur endgültigen Bleibe herzurichten. Sie ziehen Zwischenwände ein, renovieren. Auch einige Umbauten sind nötig. „Brandschutz, Flucht- und Rettungswege müssen den Vorschriften entsprechen, erklärt Ronny Kriz vom BSW.

Die Flüchtlinge sollen dort einmal in Doppelzimmern leben, die ebenfalls nur über eine Grundausstattung verfügen. Hinzu kommen Gemeinschaftstoiletten und -duschen sowie ein Gruppenraum, in dem sie sich gemeinsam aufhalten können. „Luxus wird auch das nicht“, kommentiert Kriz. Im März soll der Trakt fertig sein für den Bezug.

Zukunftsmusik. Für Ali Esmaili ist es jetzt erst einmal wichtiger, Deutsch zu lernen. Er und die anderen Elf besuchen einen Kurs im BSW, beherrschen aber erst wenige Worte. „Momentan fühle ich mich nicht so gut, weil ich meine Familie vermisse und die Sprache nicht verstehe“, sagt der 15-Jährige. Seine Gedanken schweifen ab nach Hause.

Dabei kann er sich an das erste Daheim noch nicht einmal erinnern. Seine Eltern flohen mit ihm vor dem Krieg in Afghanistan. Wirklich aufgewachsen ist er, wie er sagt, im Iran. „Acht Jahre habe ich dort die Schule besucht, aber mein Vater hatte für mich und meine vier Brüder nicht genug Schulgeld. Ich sprach mit meinen Eltern, die mir recht gaben, dass ich im Iran keine Zukunft habe. So erlaubten sie mir, mich mit fünf Kumpels auf den Weg zu machen.“

Auf einen weiten Weg über die Türkei, Griechenland und dann auf der Balkanroute nach Deutschland. Am 23. Dezember trafen die Jugendlichen mit einem Bus aus Augsburg in Tanndorf ein. Dieser Tage übernahm das Jugendamt des Landkreises ihre Vormundschaft.

Der geregelte Tagesablauf fällt manch einem noch schwer. Vor allem das zeitige Aufstehen. Aber es muss sein, denn das Frühstück soll gemeinsam vorbereitet und verspeist werden, bevor der Deutschlehrgang beginnt. Nach dem Mittagessen wird zusammen gespielt, zum Beispiel Memory, Tischtennis oder am Kicker. „Wir waren auch schon in der Grimmaer Schwimmhalle, ohne dass es Probleme gegeben hätte. Die Jungen waren sowas von froh“, sagt Ramona Zyma. Immer werde auch dabei versucht, die Sprache nebenbei mit zu vermitteln. Das deutsche Programm im Fernseher tut sein übriges.

Erst wenn sich die Jugendlichen wirklich verständigen können, machen weitere Schritte Sinn. „Sie sind nach unserem Recht schulpflichtig oder sollen eine Ausbildung absolvieren“, erläutert Ronny Kriz. Der Besuch von sogenannten DaZ-Klassen, in denen Kinder unterrichtet werden, deren Zweitsprache Deutsch ist, werde angestrebt. Für die über 16-Jährigen wäre eine Lehre sinnvoll. „Als Träger wartet das BSW auf ein Förderprogramm, wie es die Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping, angekündigt hat“, sagt Kriz. „Die Ausbildungskapazität hätten wir.“

Anwalt möchte Ali Esmaili einmal werden. Seine schwarzen Augen funkeln immer noch. Und in ihnen liegt Schmerz. Den Eltern berichtet der 15-Jährige täglich im Skype-Raum via Internet-Telefonie über das, was er erlebt hat. In den Arm kann er sich von seiner Mutter nicht nehmen lassen. Will er etwas aus sich machen, dann sieht er nur hier die Chance. Er senkt den Blick: „Ich habe keinen anderen Platz.“

Von Frank Pfeifer

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