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70 Jahre Agra – Geschichte einer Messe

Markkleeberg 70 Jahre Agra – Geschichte einer Messe

„Agra Markkleeberg – Universität im Grünen“ – diesen Slogan kannte zu DDR-Zeiten jeder. Die Stadt war dank der Landwirtschaftsmesse zwischen Kap Arkona und Fichtelberg ein Begriff. Im Sommer pilgerten jedes Jahr über 500 000 Besucher nach Markkleeberg. Angefangen hat alles 1946 auf dem Rathausplatz.

Agrartechnik war ein ganz großes Thema. Auf dem Agra-Freigelände konnten die Maschinen bestaunt und getestet werden.

Quelle: Repro: André Kempner/Agra-Archiv

Markkleeberg. Agra Markkleeberg – Universität im Grünen – diesen Slogan kannte zu DDR-Zeiten jeder. Die Stadt war dank der Landwirtschaftsmesse zwischen Kap Arkona und Fichtelberg ein Begriff. Im Sommer pilgerten jedes Jahr über 500 000 Besucher nach Markkleeberg. Angefangen hat alles 1946 auf dem Rathausplatz.

„Nach dem Krieg ging es darum, die Leute satt zu bekommen. Dr. Werner Arnold, der im Kreis für Ernährung zuständig war, sah nur einen Weg: Den Menschen zu zeigen, wie sie Kartoffeln, Tomaten, Mangold und Spinat selbst anbauen können“, erklärt die langjährige Agra-Geschäftsführerin und heutige Aufsichtsratsvorsitzende, Brigitte Wiebelitz. Damit war die Gartenbauausstellung geboren, für die damals noch die Genehmigung der sowjetischen Militäradministration eingeholt werden musste.

Zwei Jahre später zog die Schau in den Herfurth‘schen Park um. Die gleichnamige Verlegerfamilie war 1946 enteignet worden, das Areal nun Eigentum der Stadt. Im Gründungsjahr der DDR 1949 sei keine Gartenbauausstellung belegt, sagt Wiebelitz. Dafür fand 1950 auf der Technischen Messe in Leipzig die erste Gartenbau- und Landwirtschaftsmesse statt – der Ausflug sollte einmalig bleiben. Einen dauerhaften Wechsel gab es indes an der Personalspitze. „Dr. Werner Arnold ging nach Coswig und begründete dort die Champignonzucht in der DDR. Sein Nachfolger wurde Oskar Baumgarten“, berichtet Wiebelitz. „Der Professor“ prägte bis in die Siebziger die Messe, die 1956 direkt dem Landwirtschaftsministerium unterstellt wurde.

„Ihren Namen hat die Agra erst 1958 von der gleichnamigen Wanderausstellung erhalten, die durch die ländlichen Gebiete der DDR rollte“, erzählt Wiebelitz. 1960 gab es einen großen Einschnitt: Die Internationale Gartenbauausstellung Iga in Erfurt wurde gegründet. Die Agra war fortan der Landwirtschaft vorbehalten und wuchs immer weiter. Ab 1964 gehörte beispielsweise das Lehr- und Versuchsgut Wachau zur Messe. Die war längst international ausgerichtet, präsentierte die „Erfolge der sozialistischen Landwirtschaft“, wie es damals hieß, in Kairo, Neu-Dehli, Moskau und Budapest und hieß umgekehrt ausländische Aussteller in Markkleeberg willkommen.

Jahr für Jahr – in den Achtzigern jedes zweite Jahr – sei das Agra-Gelände zwischen Raschwitzer Straße und Fritz-Austel-/heute Bornaische Straße Treffpunkt für die Fachwelt gewesen. „Hier wurden die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Tier- und Pflanzenproduktion weitergegeben. Aber die Agra, inzwischen zu einer Stadt in der Stadt geworden, war viel mehr. Es gab begehrte moderne Haushaltgeräte und Modenschauen. Bei den Leipzigern berühmt war der Bauernmarkt. Dort erwischte man den ersten Spargel und die ersten Erdbeeren, selbst Joghurt“, erinnert sich Wiebelitz, die 1976 als Juristin zur Agra kam. Die Messe sei ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region gewesen.

In Hochzeiten hatte die Agra 400 Mitarbeiter, davon 300 ständige. Heerscharen von Garten- und Landschaftsbauern, die den Park pflegten, Handwerker, die die zig Hallen, Gaststätten und das Agra-Bettenhaus instand hielten, Werber, die bei Agra Buch, Agra Druck und Agra Film arbeiteten und nicht zuletzt die Landwirtschaftsspezialisten. „Die Agra, das sind vor allem die Erinnerungen an viele fleißige Leute: An Günter Winkler vom Bereich Gartenbau, zu dem 70 Angestellte gehörten. Oder Horst Keppler vom Technischen Bereich. Allein die Bauabteilung hatte 80 Mitarbeiter“, erläutert Wiebelitz. Sie schwärmt von Dr. Ulrich Müller, dem die Tierzucht unterstand, von Karl Schröder und seinem Pflanzenbau. „Das waren alles hoch anerkannte Fachleute“, betont Wiebelitz.

Mit der Wende 1989 kam das Aus für die alte Agra und 210 Mitarbeiter. „Wie alle Regierungseinrichtungen wurden wir abgewickelt. Das Vermögen ging an den Freistaat Sachsen über“, so Wiebelitz. Aufgeben kam für sie aber nicht in Frage: „Wir haben doch was vom Messegeschäft verstanden. Also bin ich zur Treuhand und habe im September 1990 fünf Firmen für Messe, Verwaltung, Hotellerie, Gastronomie und Druckerei gegründet“, berichtet sie. Parallel nahm sie Kontakt mit dem Landwirtschaftsministerium in Bonn und der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) auf. Mit Erfolg: Im Juni 1991 fand die erste DLG-Agra in Markkleeberg statt, 1994 die zweite und letzte, dazwischen eine Agra-Spezial. „Wir mussten Geld erwirtschaften. Also blieb uns nichts anderes übrig, als Messen nach Markkleeberg zu holen. Wir haben fast alles gemacht: Hunde, Bau-, Elektro- und Sicherheitstechnik, Rassegeflügel, Dessous“, sagt Wiebelitz schmunzelnd und fügt hinzu: „Und wir haben es geschafft, brauchten nie einen Kredit.“

1996 hat die Stadt Markkleeberg die Messegesellschaft übernommen. Bis zum Umzug auf die Neue Messe Leipzig wurden 1997, 1999, 2001 und 2003 noch Landwirtschaftsmessen in Markkleeberg ausgerichtet. Indes der Name Agra ist bis heute eng mit Markkleeberg verbunden. Die nächste Agra findet übrigens vom 4. bis 7. Mai 2017 in Leipzig statt.

Von Ulrike Witt

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