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„Das macht mich sehr traurig“

„Das macht mich sehr traurig“

Ärger mit dem früheren Ehrenbürger: Am 24. November 2007 wurde Oskar Baumgarten anlässlich seines 100. Geburtstages zweiter Ehrenbürger der Stadt Markkleeberg.

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Oskar Baumgarten trägt sich 2007 im Beisein von Oberbürgermeister Bernd Klose ins Goldene Buch der Stadt Markkleeberg ein.

Quelle: Andr Kempner

Markkleeberg. Diesen Titel trug er bis zu seinem Tod am 1. Dezember 2008. Er erhielt die Auszeichnung damals für seine Verdienste um den Aufbau der Landwirtschaftsausstellung Agra. Doch Baumgarten war seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP und Stabsleiter im Reichsnährstand. Seine Rolle in der Nazizeit störte die Stadtverwaltung keineswegs. Ein halbes Jahr später erhielt mit Zahava Stessel eine Holocaust-Überlebende die Ehrenbürgerschaft. Sie erfuhr erst jetzt von Baumgartens Vergangenheit und ist erschüttert.

„Das macht mich sehr traurig“, sagt Zahava Stessel. Die 81-jährige New Yorkerin hörte vor wenigen Tagen, dass Baumgarten Mitglied der Nazipartei war. „Ich hoffe dass es nur ein Missverständnis ist“, sagt Stessel, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebte und über ihre Zeit im Markkleeberger Arbeitslager das Buch „Snow Flowers“ schrieb. „Ansonsten wäre das sehr bedauerlich für die Geschichte Markkleebergs und für alle, die damit zu tun haben.“

Baumgarten trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein und erhielt die Mitgliedsnummer 1880920. Verzeichnet ist das in der Mitgliederkartei der NSDAP, die von den Amerikanern am Ende des Zweiten Weltkrieges sichergestellt wurde und heute vom Bundesarchiv in Berlin verwaltet wird. Nach Angaben des Archivs wurde der am 25. Oktober 1907 als Sohn eines Bauinspektors in Halle geborene Baumgarten anfangs von der Ortsgruppe Halle geführt, später von einer Ortsgruppe im damaligen „Gau Halle-Merseburg“. Er hatte von 1928 bis 1933 an der Universität Halle erst Landwirtschafts- und dann Staatswissenschaften studiert und promovierte dort 1933.

Baumgarten machte schnell Karriere: Ab 1935 arbeitete er im Dienst der Landesbauernschaft, einer Gliederung des Reichsnährstandes. „Dort war er zuletzt Stabsleiter und seit Januar 1943 im Beamtenverhältnis“, berichtet Wissenschaftler Siegfried Kuntsche, der den Eintrag über Baumgarten im Lexikon „Wer war wer in der DDR?“ verfasst hat. Er konnte seinerzeit auch dessen Personalakte auswerten. „Sein Titel eines Landwirtschaftsrates entsprach etwa dem eines Regierungsrates.“

„Baumgarten hatte in der Nazizeit eine durchaus staatstragende Funktion“, sagt Clemens Vollnhals, Vizechef des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung in Dresden. „Seine Rolle als Stabsleiter im Reichsnährstand kann man sich als eine Art Geschäftsführer vorstellen. Diese Organisation hatte seinerzeit auch den Einsatz von Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft organisiert.“ Seit den 1980er-Jahren schaue man beim Thema Ehrenbürgerschaften in Deutschland viel genauer hin als in den Jahren zuvor. Sein Fazit: „Markkleeberg hätte hier viel sensibler sein müssen.“

In der Markkleeberger Stadtverwaltung kannte man das biografische Lexikon durchaus, bestätigte Oberbürgermeister Bernd Klose (SPD). „Wir wussten, dass er NSDAP-Mitglied war. Der Stadtrat hat damals die Leistungen Baumgartens um die Landwirtschaftsmesse der DDR ehren wollen.“ Doch auf der Internetseite der Stadt Markkleeberg blendete man Baumgartens Rolle in der Nazizeit komplett aus. Aufgeführt wurden nicht einmal Dinge, die Baumgarten noch zu Lebzeiten in Interviews berichtete, wie seine Rolle als Offizier der Wehrmacht.

Besagte städtische Internetseite erwähnte ohne Jahresangabe lediglich sein Studium samt Promotion, über alles andere wurde der Mantel des Schweigens gebreitet. Dazu Markkleebergs Stadtchef Klose: „Wir haben nur Daten aufgeführt, die unmittelbar mit dem Grund seiner Ehrung zu tun haben.“ So ging der Sprung sofort ins Jahr 1950. In diesem Jahr wurde er zum Hauptgeschäftsführer der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft berufen, die ihn nach Markkleeberg schickte. Dort baute er die unter dem Namen Agra bekanntgewordene Ausstellung auf. Die SED wusste seine Arbeit durchaus zu schätzen – er erhielt den Nationalpreis, einen Professorentitel sowie die Auszeichnung als „Held der Arbeit“. Auch sein Dienstsitz konnte sich sehen lassen, Parteimitglied Baumgarten residierte im prachtvollen Weißen Haus mitten im Park.

Bis heute wird Baumgarten von etlichen einstigen Mitarbeitern fast kultisch verehrt. Immer wieder gern erzählt werden Geschichten, wie er die Errichtung von Brücken durchsetzte, das heute noch bestehende Freibad bauen ließ oder seinen Mitarbeitern auch mal eine Wohnung besorgte. Kritische Stimmen waren in den vergangenen Jahren kaum zu hören.

Betroffen von Markkleebergs Umgang mit seinen Ehrenbürgern zeigte sich anfangs auch die SPD-Landtagsabgeordnete Petra Köpping: „Ich bin erschüttert. Das wäre eine ganz schlimme Sache. Markkleeberg sollte prüfen, ob die Ehrenbürgerschaft aufrechterhalten werden kann.“ Nach einem Telefonat mit ihrem Parteifreund Klose entschärfte sie ihre Aussage jedoch. „Das ist eine ganz schwierige Sache. Markkleeberg hat sich diese Entscheidung sicher nicht leichtgemacht“, sagte sie.

Beim Thema Baumgarten hat sich nach den Anfragen dieser Zeitung im Rathaus bereits etwas getan: Die Daten über den Ehrenbürger auf der städtischen Internetseite sind wie von Geisterhand plötzlich verschwunden. Stadtchef Klose: „Die Anfragen sind uns Anlass, uns nochmals mit der Gesamtthematik gründlich auseinander zu setzen.“

Die Markkleeberger Stadtverwaltung trat in Sachen Vergangenheitsbewältigung schon einmal tief ins Fettnäpfchen: Eine Ausstellung zum Stadtjubiläum 1999 im Rathausfoyer hing dort keine drei Tage. Besucher zeigten sich von NS-Symbolen irritiert.  Die Dokumente seien etwas überstürzt zusammengestellt worden, hieß es damals aus dem Rathaus, das die Tafeln entfernen ließ.

Markkleebergs Ehrenbürgerin Zahava Stessel ist beim Gedanken an Baumgartens NSDAP-Mitgliedschaft tief bewegt: „Ich muss an meine unschuldigen Eltern und Großeltern denken, die in Auschwitz ermordet wurden.“ Der Blick ihrer Mutter, als sie in die Gaskammer gebracht wurde, steche noch immer in ihr Herz, schrieb sie vor Jahren an die LVZ.

Im April will Stessels Schwester Chawa Guisburg Markkleeberg besuchen, auch sie war einst in Auschwitz und im Markkleeberger Außenlager des KZ Buchenwald eingekerkert.

Bert Endruszeit

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